Waiblingen

Leben in der Abstiegsgesellschaft

01cc5c34-376c-4ea1-bb9d-4d3bb11478df.jpg_0
Referentin Anna-Katharina Dietrich, Geschäftsführerin der Nationalen Armutskonferenz: „Die unteren Einkommengruppen profitieren nicht von steigenden Löhnen.“ © Ralph Steinemann Pressefoto

Waiblingen. Das Armutsrisiko steigt. Trotz einer boomenden Wirtschaft und sinkender Arbeitslosenzahlen. Mit steigendem Armutsrisiko gehen Abstiegsängste einher, die bis in die Mittelschicht hineinreichen. Die Aufstiegsgesellschaft von einst hat sich zu einer Abstiegsgesellschaft gewandelt, sagte Anna-Katharina Dietrich, Geschäftsführerin der Nationalen Armutskonferenz.

"Die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs war eines der zentralen Versprechen der „alten“ BRD – und tatsächlich wurde es meistens eingelöst: Aus dem Käfer wurde ein Audi, aus Facharbeiterkindern Akademiker. Mittlerweile ist der gesellschaftliche Fahrstuhl steckengeblieben: Uniabschlüsse bedeuten nicht mehr automatisch Status und Sicherheit, Arbeitnehmer bekommen immer weniger ab vom großen Kuchen." Klappentext des Buches „Abstiegsgesellschaft: Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne“ von Oliver Nachtwey, Suhrkamp Verlag, 2016.

„Armut, Prekarisierung und Abstiegsangst in unserer Gesellschaft“ lautete das sperrige Thema der Armutskonferenz in Waiblingen. Auch für den Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky hat sich der Zusammenhang nicht auf den ersten Blick erschlossen. Gerade wenn es um Abstiegsangst geht, neige man zu Verharmlosungen und denke an den VfB oder den TVB Stuttgart. Im Bekanntenkreis habe er jedoch ganz konkret erlebt, was es bedeutet, wenn Familien in den Sog der Abstiegsängste geraten: wenn das Schullandheim fürs Kind abgesagt werden muss, wenn gemeinsame Kinobesuche ausfallen und diese Familien ihre Abende allein verbringen. Davon betroffen seien mehr Menschen, als man auf den ersten Blick denke, sagte Hesky in seinem Grußwort, zumal dies nicht bloß eine Frage des fehlenden Geldes sei. Schwerer wiege oft die Angst vor dem Misserfolg, die Versagensängste, wie die zunehmende Zahl von Menschen mit Burn-out oder Depressionen zeigen.

Abstiegsängste

Tatsächlich werden immer größere Teile der Mittelschicht von Abstiegsängsten erfasst, sagte Anna-Katharina Dietrich. Obwohl viele dieser Menschen nicht konkret von Armut bedroht seien. Menschen, die in Sorge sind, in der sich rasant wandelnden Arbeitswelt den Anschluss zu verlieren. Sie blicken mit Pessimismus in die Zukunft. Hintergrund ist, dass der soziale Fahrstuhl nach oben klemmt. Die Erwartungen, dass es die Kinder einmal besser haben werden, werden enttäuscht, sagte Dietrich mit Blick auf die eigene Familie und zitierte den Klappentext des Buches „Abstiegsgesellschaft“ von Oliver Nachtwey (siehe oben). Schafften es in der Generation der 60er Jahre noch viele Arbeiterkinder zum Abitur und in ein Studium, so steckt die Generation Golf der 80er Jahre zunehmend in ihren sozialen Milieus fest.

Seit Mitte der 90er Jahre ist das Armutsrisiko in Deutschland gestiegen. Während in Baden-Württemberg rund zwölf Prozent als armutsgefährdet gelten, sind es in Berlin und Bremen mehr als 20 Prozent der Bevölkerung. Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdient, also weniger als 969 Euro als Alleinstehender und rund 2000 Euro als vierköpfige Familie. Die Armutsgefährdung zeige sich zum einen in stagnierenden Löhnen der unteren Einkommensgruppen, die nicht von Lohnsteigerungen profitiert haben. Zum anderen nimmt die Überschuldung zu, wie der jährlich erscheinende Schuldneratlas zeigt. Zwischen Rems und Murr steckt jeder zwölfte Haushalt in der Schuldenfalle.

„Erwerbsarmut“: Arm zu sein trotz Arbeit

Ursachen für Armut und Verschuldung sind meist Jobverluste, Krankheiten, Scheidungen und – wie der Kreisbehindertenbeauftragte Roland Noller bei der Armutskonferenz betonte – auch Behinderungen. Risikogruppen sind Arbeitslose, Alleinerziehende, vorrangig Frauen, Rentner und kinderreiche Familien. Der wachsende Niedriglohnsektor, der sich seit Anfang des Jahrhunderts bis heute auf fast zehn Prozent verdoppelt hat, hat das Phänomen der „Erwerbsarmut“ mit sich gebracht: arm zu sein trotz Arbeit.

Wer von Armut spricht, darf vom Reichtum nicht schweigen. Zwar ist die Datengrundlage ausgesprochen vage, weit stärker als die Einkommen sind die Vermögen in den Händen weniger gewachsen. Die oberen zehn Prozent besitzen rund 60 Prozent des Vermögens, so Dietrich.

Dass über Armut nicht gesprochen wird und sie schon gar kein Thema der politischen Auseinandersetzung ist, wie der jüngste Wahlkampf gezeigt hat, hat einen einfachen Grund: Es bringt keine Wählerstimmen. Arme und Abgehängte gehen seltener zur Wahl, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Interessen von der Politik nicht berücksichtigt werden. Tatsächlich gibt es eine Schieflage. Die Interessen der Mittelschichten stehen bei den politschen Entscheidungen im Vordergrund. Das zeigen Beispiele wie die Abschaffung der Vermögenssteuer oder die Senkung des Spitzensteuersatzes.

Aus dem gestiegenen Armutsrisiko hat die nationale Armutskonferenz konkrete Forderungen abgeleitet, was zum Beispiel die Bekämpfung der Kinderarmut betrifft. Im Interesse der Kinder müsse das soziokulturelle Existenzminimum realistisch ermittelt und sichergestellt und die Regelsätze müssten um 78 Euro pro Kind erhöht werden. Staatliche Unterstützung, wie das viel zu selten ausgeschöpfte Bildungs- und Teilhabepaket, müsse einfacher zugänglich sein. Zudem gehöre die Bevorzugung der Besserverdienenden in der Familienförderung abgeschafft. Darüber hinaus fordert die Armutskonferenz existenzsichernde Löhne und Beschäftigungen sowie mehr öffentliche Beschäftigungsmöglichkeiten. Mit Blick auf die Altersarmut lautet eine weitere Forderung, die Sozialversicherungspflicht auf geringfügige Beschäftigungen und Selbstständige auszuweiten. In jüngster Zeit richtet die NAK ihren Blick auf die prekäre Lage auf dem Wohnungsmarkt.

Die Armutskonferenz

Abstiegsängste und die Angst vor Armut standen im Mittelpunkt der Armutskonferenz in Waiblingen, die im Rahmen der landesweiten Aktionswoche „Armut bedroht alle“ in der Christuskirche in Waiblingen stattgefunden hat. Veranstalter sind die Evangelisch-Methodistische Kirche Waiblingen, das Forum Arbeit und Gesellschaft (Diakonie Stetten, Erlacher Höhe, evangelische Kirchenbezirke Waiblingen, Schorndorf, Backnang), Liga der Freien Wohlfahrtsverbände im Rems-Murr-Kreis und das Sozialunternehmen Neue Arbeit. Die Waiblinger Armutskonferenz beschäftigte sich in den Vorjahren mit Themen wie „Auch Arme haben Rechte!“, „Bezahlbarer Wohnraum: Wo klemmt’s? Was hilft?“ oder „Armut ist weiblich - Frauenarmut hat System“.

Die Nationale Armutskonferenz (NAK) ist ein Zusammenschluss der deutschen Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtsverbände, von Fachverbänden und Selbsthilfegruppen sowie dem Deutschen Gewerkschaftsbund. Die NAK wurde 1991 gegründet. Sie versteht sich als Lobby für Arme und Ausgegrenzte in der Gesellschaft und als Plattform für die politische Teilhabe der Menschen, die in Armut leben.