Waiblingen

Melanie Diener: Sehnsucht, Sex und Einsamkeit

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Melanie Diener im „Reigen“. © Martin Sigmund
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Opernsängerin Melanie Diener. © Ramona Adolf

Waiblingen. Sie singt in den Opernhäusern in New York, London, Tokio und Toronto. In Wagner-Opern begeisterte sie ebenso wie als Marschallin im Rosenkavalier an der Oper in Helsinki und am Bolschoi-Theater in Moskau. Jetzt ist die Waiblinger Sopranistin Melanie Diener zum ersten Mal an der Stuttgarter Oper zu sehen: In Philippe Boesmans Reigen gibt sie die Sängerin.

Liebe und Sex, Sehnsucht und Fremdheit, Begehren und Kälte stehen im Mittelpunkt der modernen Oper, die nach dem Schauspiel von Arthur Schnitzler entstanden ist. Das Stück mit zehn erotischen Szenen war 1920 ein Skandal, und Schnitzler selbst verhängte ein Aufführungsverbot, das bis 1982 in Kraft war. Exzentrisch und unkonventionell ist auch die Oper von Philippe Boesmans, die vor zwölf Jahren uraufgeführt wurde. Melanie Diener hat darin die Rolle einer launischen Sängerin, die ihre Ängste und seelischen Verletzungen unter einer Hülle zu verbergen versucht. „Doch die Hülle bekommt Brüche, sie stürzt ins Bodenlose.“ Hochemotional, mit einer ganz eigenen Sprache, anspruchsvoller Musik mit ständigen Taktwechseln, zwei Kameras, die das Bühnengeschehen filmen und die reduzierten Bewegungen der Sänger auf der Bühne: „Die Kombination von all dem macht das Besondere dieser Oper aus.“

Spannend für die Zuschauer, aber anspruchsvoll für die Sänger wird der Einsatz der Kameras: Die Paare auf der Bühne werden gefilmt, ihre Gesichter beim Singen großformatig auf die Bühnenwand übertragen. Die Gefühlsschwankungen und seelischen Abgründe sollen beim Publikum ankommen – der Kopf beim Singen und Sprechen aber möglichst ruhig bleiben. „Das ist eine Herausforderung“, sagt Melanie Diener. Im „Reigen“ wird sie zum ersten Mal in einem Badeanzug auftreten. In einer Art Wellness-Oase, in der auch Schlamm zum Einsatz kommen soll. Durchaus exzentrisch sei die Oper, bestätigt sie vergnügt: „Aber das Stuttgarter Publikum ist offen.“

Melanie Diener ist eine große Sängerin - eine große Frau ist sie mit 1,82 Meter noch dazu. Zum Pressetermin ist sie in Jeans, Sneakers und Tunika gekommen, mit zurückgekämmten Haaren – und ganz ohne Allüren. Überraschend warm und dunkel ist ihre Stimme. Die trainiert sie jeden Tag. „Begabung ist ein Gottesgeschenk“, weiß sie. „Was man draus macht, ist Eigenverantwortung.“ An Schwachstellen arbeitet sie unermüdlich. So sei sie nie ein hoher Sopran gewesen und habe deshalb viel Zeit in Technik und Ausdauer investiert, um beim Singen die notwendige Leichtigkeit zu erreichen. Dass sie diese meisterhaft beherrscht, bescheinigen ihr Musikkritiker weltweit. Im Mai wird sie 49, und jünger sein will sie keineswegs, versichert sie. Klar müsse sie auf ihre Kondition achten, um bei großen Produktionen und langen Proben das Energielevel halten zu können. „Aber ich bin gelassener und habe Erfahrungen, die ein Junger nicht hat.“ Das kommt ihr generell zugute, und beim „Reigen“ sowieso. „Die Rolle kam zum richtigen Zeitpunkt“, findet sie. Emotionen, Umbrüche, Abgründe: In der Rolle der Sängerin brechen sie auf. Und sie sollen beim Publikum ankommen.

In Warschau mietet sie eine Wohnung

Melanie Diener, die eigentlich Pianistin werden wollte, singt seit 20 Jahren in den großen Häusern. Dass sie jetzt zum ersten Mal in der Stuttgarter Oper auf der Bühne steht, sei aber etwas Besonderes für sie. Auch aus praktischen Gründen: „Zum ersten Mal auch eine Produktion, bei der ich morgens aus meinem eigenen Bett komme und abends nach Hause fahren kann.“ Ändern wird sich das schon wieder im Mai, wenn sie in Warschau in Tristan und Isolde die Partie der Isolde singen wird. „Für Tristan muss ich mir eine Wohnung mieten. Ich bin da sechs bis sieben Wochen weg.“

Ihr Mann Frieder und ihr Sohn Jonas (21) kennen das schon seit langem. Sechs bis neun Monate ist sie pro Jahr unterwegs – und das seit vielen Jahren. 2016 stehen Stuttgart, Warschau, Hamburg und Moskau auf ihrem Plan. Dass eine intakte Familie und eine gute Beziehung unter diesen Umständen nicht selbstverständlich sind, weiß Melanie Diener durchaus. „Ich kenne viele Kollegen, die solo oder geschieden sind.“ Viel Vertrauen und Verständnis sei auf beiden Seiten nötig - und viel Toleranz. Die Familie erdet - und das tut gut. Zu Hause in Waiblingen versucht sie, die Freundschaften zu pflegen, die sonst oft brachliegen müssen. Noch seltener sieht sie Künstlerfreunde. Wobei: Vor kurzem hat sie sich mit Bekannten, die ebenfalls gerade Gastspiele hatten, spontan in einem Café in Japan getroffen. Man muss die Gelegenheiten nutzen - Melanie Diener kann das.

Sonntag ist Premiere

„Der Reigen“, eine Oper von Philippe Boesmans in deutscher Sprache mit Übertiteln, ist eine Produktion der Stuttgarter Oper in Kooperation mit Nico and the Navigators.

Premiere ist am Sonntag, 24. April, um 18 Uhr. Weitere Termine mit Melanie Diener sind am 29. April, am 6. und am 10. Mai, jeweils um 19 Uhr.

Anschließend übernimmt die Rolle Cornelia Ptassek. Melanie Diener singt dann in Warschau.

Der Komponist Philippe Boesmans feiert im Mai seinen 80. Geburtstag.