Waiblingen

Mit dem Zug im Schritttempo durchs Kriegsgebiet der Ukraine nach Waiblingen

Hanna Bauer
Die 26-jährige Hanna Bauer hat Olesya und Miroslava (neun Jahre alt) in ihrer Waiblinger Wohnung aufgenommen. © Gabriel Habermann

Olesya hält mir ihr Smartphone hin. Ich spreche eine Frage ein: Was haben Sie und Ihre Tochter Miroslava als Erstes gemacht, als Sie nach Ihrer langen Reise aus der Ukraine in Waiblingen ankamen? „Endlich geduscht und die Kleider gewaschen – es war Glück“, lese ich auf ihrem Mobiltelefon in dem Übersetzungsprogramm. „Best feeling!“, sagt sie auf Englisch.

Drei Tage sei sie mit ihrer neunjährigen Tochter, die abgekürzt Mira genannt wird, unterwegs gewesen. Ihre Heimatstadt Krivoy Rog liegt im Süden der Ukraine zwischen Mariupol und Kiew. In Waiblingen kamen sie mit einem kleinen Koffer an, den man normalerweise als Handgepäck bei einer Flugreise benutzt, sowie einem kleinen Rucksack. Eine halbe Stunde habe sie Zeit zum Packen gehabt, berichtet Olesya. Vor allem habe sie Sachen für Mira eingepackt sowie die wichtigsten Dokumente, ihre Kreditkarte und etwas Bargeld. „Und meinen Impfausweis“, lese ich auf dem Smartphone. „Most important – das Allerwichtigste“, sagt Olesya und lacht. Auch in der Ukraine habe man mehr Freiheiten nach einer Corona-Schutzimpfung erlebt, ähnlich wie in Deutschland. Der Zug sei in der Ukraine nur sehr langsam gefahren, immer wieder habe er gehalten, alle Insassen mussten still sein, sich auf den Boden legen, das Licht wurde ausgeschaltet, weil es wieder einen Angriffsalarm gab.

Katzenbabys lassen Angst bei der Flucht durchs Kriegsgebiet vergessen

Über die Angst hätten ihnen Maine-Coon-Katzenbabys hinweggeholfen, die eine Ukrainerin bei sich hatte. Sie ließen einen für wenige Sekunden vergessen, was außerhalb des völlig überfüllten Zugabteils geschah. Für Olesya und ihre Tochter Mira sei es die letzte Chance gewesen, zu fliehen. Nur kurze Zeit später sei die Stadt abgeriegelt worden, niemand mehr konnte weg. Freunde von Olesya seien noch in Krivoy Rog – ohne Wasser und Strom. Wer jetzt versuche, zu fliehen, werde von den Russen angegriffen.

Das komplette Interview mit Olesya und Mira läuft per Google-Translator ab. Ich spreche eine Frage ein, Olesya liest die Frage in kyrillischer Schrift ab, tippt die Antwort ein, die ich ablese. Zudem spricht sie etwas Englisch.

26-Jährige bietet Zimmer in ihrer Wohnung an

Von der Ukraine ging es weiter nach Slowenien, dann nach Österreich, weiter nach München und schließlich nach Stuttgart, wo die 26-jährige Hanna Bauer am Bahngleis auf sie wartete. „Sobald klar war, dass Flüchtlinge aus der Ukraine kommen, habe ich mich entschieden, mein Zimmer freizugeben!“, sagt sie. Tagsüber arbeite sie als Sozialpädagogin im Rems-Murr-Klinikum und sei ohnehin nicht zu Hause. In ihrer Dreizimmerwohnung sei das Zimmer als Büro kaum genutzt worden. Sie hat es etwas umgeräumt und ein großes Bett reingestellt. Vorab habe sie die Entscheidung mit ihrer Familie geteilt.

Ihr Zimmer meldete sie im Internetportal warmes-bett.de an, außerdem gab sie der Stadt Bescheid, dass hier Flüchtlinge unterkommen können. Auf ihre Anzeige im Internet hin meldete sich Olesyas Freundin Olena bei Hanna Bauer, die seit einigen Jahren in Neuffen lebt. Sie hatte Hanna Bauer ein Bild vorab geschickt und kam mit zum Stuttgarter Hauptbahnhof, um die Freundin in Empfang zu nehmen. Der Zug hatte knapp drei Stunden Verspätung, da die österreichische Polizei die Insassen vor der Weiterreise überprüft hatte.

Zum Zeitpunkt des Gesprächs sind Olesya und Mira erst den fünften Tag in Deutschland, den fünften Tag in Waiblingen. Am Morgen hatte Oleysa an einem Deutschkurs teilgenommen, den ein Russe übers Internet kostenlos anbietet, berichtet sie. Sie wolle schnell Deutsch lernen, damit sie hier arbeiten könne. Sie ist Musiklehrerin von Beruf und spiele Klavier. Auch Mira spielt gerne das Instrument. Olesya zeigt stolz ein Video von einem Wettbewerb, an dem Mira teilnahm und bei welchem sie mit ihrer exzellenten Spielweise glänzte. Für beide gebe es kein Zurück mehr. Ihre Heimat sei zerstört. Sämtliche Freunde seien geflohen. Außerdem sei ihr die Schulbildung für Mira wichtig. „Alle guten Universitäten im Land sind zerstört“, so Olesya.

Eltern verstecken sich im Keller in der Ukraine

Wie erlebt sie die Situation in ihrer Heimat, frage ich. Die Eltern von Olesya leben nach wie vor in der Ukraine. Sie verstecken sich im Keller ihres Wohnhauses. Für sie sei eine Flucht nicht infrage gekommen. „Sie leben in einem Dorf nicht weit von einer Stadt, in der die Kämpfe stattfinden“, lese ich auf dem Smartphone. Ukrainische Soldaten würden es bewachen, damit Russen es nicht einnehmen würden. Olesya hat eine App auf ihrem Mobiltelefon gespeichert, die anzeigt, wann dort wieder ein Angriff erfolgt. Per Videotelefon erzählen die Eltern von Sirenen, Kampfjets, Explosionen und Schüssen in der Nähe. Nach jedem Angriff wird telefoniert, um kurz zu erfahren, dass es ihnen gut geht.

Schulfreunde von Mira in Europa verteilt

Bei den Eltern ist im Moment auch Miras Hamster untergebracht, den sie sehr vermisst, wie sie erzählt. Hanna Bauer besitzt einen halbgroßen Mischling namens Mayla, für Mira ein Therapiehund, wie Mutter Olesya lächelnd kommentiert. Tagsüber sei er bei den Eltern von Hanna Bauer, damit alle Zeit haben, sich aneinander zu gewöhnen. „Mira versteht es nicht. Das ist gut“, sagt Olesya und bezieht sich auf das Erlebte und die Flucht. „Doch wann holt sie die Vergangenheit ein?“, fragt sich Hanna Bauer. Dass Mira das Erlebte verarbeiten muss, zeigt sich an Kleinigkeiten wie Kuscheltier-Affe George, den sie von einer Freundin der Familie bekam und der ein ständiger Wegbegleiter ist. Ebenso wichtig sind ihr die Telefonate mit Schulfreunden, die sie vor ihrer Flucht durch die Einschränkungen der Corona-Pandemie ohnehin selten gesehen hatte. Jetzt ist Krieg, und alle sind in Europa verstreut. Ihr bester Freund ist in Polen, so Mira. Als draußen auf der Straße die Sirene eines Krankenwagens aufheult, schreckt Mira merklich auf.

Partner versorgt Bürger in Kiew mit Lebensmitteln und Wasser

Olesyas Partner ist ebenso in der Ukraine geblieben wie alle anderen Männer zwischen 18 und 60 Jahren, die das Land nicht verlassen durften. In Kiew helfe er Bürgern und versorge sie mit Wasser und Lebensmitteln, berichtet Olesya. Normalerweise sei er Fußballtrainer und kümmere sich deshalb um die Kinder seines Teams. Vor acht Jahren habe er das umkämpfte Donezk im Osten verlassen. Er dachte, Kiew sei sicher, so Olesya, „aber Putin ist es nicht genug“, lese ich im Übersetzungsprogramm. Ebenso sei der Direktor ihrer Hochschule, an der Olesya Musik unterrichtete, aus Donezk geflohen. „Beim zweiten Mal haben sie es satt, wegzulaufen!“

Olesya: „Die Russen glauben uns nicht – nicht einmal die Verwandtschaft!“

Zu allem Übel komme hinzu, dass „die Russen uns nicht glauben“, berichtet Olesya. „Nicht einmal die Verwandtschaft, die in Russland lebt. Sie glauben, wir sind im Krieg mit uns selbst!“ Dagegen rechnet sie es Präsident Wolodymyr Selenskyj hoch an, dass er „uns nicht verlassen hat und geflohen ist – viele seiner Vorgänger hätten das Land schon längst verlassen!“, so Olesya.

Was sie hier vermissen und wie die weiteren Pläne von Olesya und Mira aussehen, frage ich. Eine Rückkehr sei ausgeschlossen, da in der Ukraine alles zerstört sei, meint Olesya. Natürlich vermisse sie manche materiellen Gegenstände, die sie in der Heimat hatte. Aber vor allem vermisse sie ihr Leben. „Ich habe gearbeitet, ich bin ins Fitnessstudio gegangen – Mira hat gerne gemalt, Klavier gespielt und getanzt! Hier kann ich in der Talaue joggen gehen und das ist in Ordnung!“, sagt sie. „Ich wünsche mir eine Rückkehr ins alte Leben – wenn auch hier in Waiblingen. Ich glaube daran! Ich bin bereit!“, so Olesya mit einer beispiellosen Entschlossenheit, die sie nach nur wenigen Tagen in Deutschland an den Tag legt, für die ich sie im Stillen sehr bewundere.

Olesya hält mir ihr Smartphone hin. Ich spreche eine Frage ein: Was haben Sie und Ihre Tochter Miroslava als Erstes gemacht, als Sie nach Ihrer langen Reise aus der Ukraine in Waiblingen ankamen? „Endlich geduscht und die Kleider gewaschen – es war Glück“, lese ich auf ihrem Mobiltelefon in dem Übersetzungsprogramm. „Best feeling!“, sagt sie auf Englisch.

Drei Tage sei sie mit ihrer neunjährigen Tochter, die abgekürzt Mira genannt wird, unterwegs gewesen. Ihre Heimatstadt Krivoy Rog

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