Waiblingen

Mit Faserspuren Fellbacher Mörder überführt

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„Bei uns geht es nicht ohne den Menschen, seine Augen, seinen Verstand und seine Erfahrung“ – Dr. Klaus Jenne. © Jamuna Siehler
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LKA Dr. Klaus Jenne
Kleidungsstücke müssen Streifen für Streifen mit Spezialklebeband abgezogen werden. © Jamuna Siehler
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LKA Dr. Klaus Jenne
Die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. © Jamuna Siehler

Burgstetten/Stuttgart. Die weißen Overalls bei der Spurensicherung und eine repräsentative Textilfaser-Datenbank: Dr. Klaus Jenne aus Burgstetten hat mit seinem Wirken am Kriminaltechnischen Institut des LKA Baden-Württemberg bundesweite Maßstäbe gesetzt. Zusätzlich als Spurensachverständiger half er nicht zuletzt bei der Aufklärung einer Reihe kniffliger Mordfälle.

Die Polizei findet den Leichnam des fünfjährigen Jungen in einen Blaumann und eine Tischdecke gewickelt in einem Schuppen in Fellbach. Er trägt einen teils verdreckten Schlafanzug, neben ihm liegen Schuhe mit Socken darin, eine Cordlatzhose und ein Nickipullover. Die Obduktion ergibt: Mehrere Rippenbrüche; eine der gebrochenen Rippen hat den Herzbeutel durchstoßen und zum Tod geführt; am Körper des Jungen ältere Vernarbungen, die nach ausgedrückten Zigaretten aussehen.

Schnell gerät der Lebenspartner der Mutter, die tagsüber ihrem Putzjob nachgegangen war und abends den Jungen als vermisst gemeldet hatte, unter dringenden Tatverdacht. Der Lebenspartner behauptet, den Jungen morgens den beiden Geschwistern (7 und 9) zu einem Spielplatz nachgeschickt zu haben. Die Kleidung habe er dem Fünfjährigen über den Schlafanzug angezogen. Danach sei der Junge aber nicht vom Spielplatz mehr zurückgekommen. Die Geschwister verneinen, den Bruder beim Spielplatz getroffen zu haben.

Spuren im familiären Umfeld sind ein großes Problem

„Der Fall liegt viele Jahre zurück. Damals, 1989, gab es noch keine DNA-Analyse, und die Ermittler standen vor einem großen Problem, dem Mann die Tat nachzuweisen“, erinnert sich Klaus Jenne (65). Wie der Burgstettener den Mann zu überführen half, gilt im Rahmen der Polizeiausbildung längst als mustergültiges Lehrbeispiel.

Spuren im familiären Umfeld sind für Kriminalisten ein großes Problem. Wie unterscheiden, welche Spuren im legitimen Kontakt entstanden sind, welche bei der mutmaßlichen Tat? „Als unabhängiger Sachverständiger darf man sich zudem nicht von der immensen Erwartungshaltung der Ermittler zu voreiligen Schlüssen treiben lassen, sondern muss wissenschaftlich fundierte Belege finden und schlüssig in einem Gutachten darlegen.“

Trotzdem kommen Spurenanalytiker nicht umhin, von den Ermittlern recherchierte Tathintergründe und Vernehmungsprotokolle zu sichten. In dem Fellbacher Fall lag darin auch die Lösung begründet: Am Schlafanzug des getöteten Jungen fanden sich gerade einmal elf Fasern des Nickipullovers. „Erfahrungsgemäß viel zu wenig, wenn der Mann dem Jungen den Pullover tatsächlich übergestreift hätte.“ Diese Schlussfolgerung langte nicht, ein experimenteller Beweis musste her, damit das Sachverständigen-Gutachten vor Gericht Bestand haben könnte.

Die Version des Angeklagten kann gar nicht stimmen

Klaus Jenne lässt Schlafanzug und Pullover desinfizieren und zieht diese seinem eigenen damals fünfjährigen Sohn über. Sehr zum Ärger von Jennes Ehefrau, die zähne-knirschend, „in Gott’s Namen“ zustimmt. Sein Sohn trägt die Kleidung nur kurz, doch am Schlafanzug haften bleiben 250 bis 300 Pulloverfasern. Die Version des Angeklagten kann also bewiesenermaßen gar nicht stimmen. Mit dieser Tatsache vor Gericht konfrontiert, gibt der Lebenspartner die Tat zu - ehe Jenne als Sachverständiger vor Gericht aussagen muss.

Was waren das für Zeiten damals, als es die DNA-Analyse noch nicht gab!? Da stand die Analyse anderer Spuren wie Fingerabdrücke, Haare oder Textilfasern, noch höher in der Wertschätzung der Kriminalistik, findet Jenne. „Dabei sind alle Spuren für die Aufklärung von Verbrechen weiterhin immens wichtig.“

Die Faserspuren-Analytiker müssten häufig die Kohlen aus dem Feuer holen, wenn die Ermittler sonst nichts anderes gefunden haben, um mutmaßliche Täter zu überführen, sagt Jenne. Der Burgstettener Doktor der Molekularbiologe setzte 37 Jahre lang als Textilspuren-Sachverständiger und nach wenigen Dienstjahren zusätzlich auch als Sachgebiets- und Fachbereichsleiter beim LKA Maßstäbe. Bis zuletzt drückte er sich nicht vor der ermüdenden Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen, vor dem stundenlangen Stieren in die Mikroskope. Jenne war wichtig, auch nach dem Aufstieg in Führungspositionen an der Basis als Sachverständiger weiter zu arbeiten, vor Gericht als Gutachter zu bestehen, um die Probleme und Herausforderungen in der Berufspraxis kontinuierlich zu erleben und zu kennen.

„Ich kann ja die Arbeit und Arbeitsbelastung meiner Mitarbeiter nur verstehen, wenn ich es selbst erlebe, und mich auch nur so richtig für ihre Belange einsetzen. Bei uns geht es nicht ohne den Menschen, seine Augen, seinen Verstand und seine Erfahrung. Das macht kein Automat, schafft kein Bildanalysesystem.“ Freilich sind aber digital-mikroskopische Aufnahmen zur Gegenüberstellung von Täter- und Opfer-Spuren und die Analyse am Computer Teil des Tagesgeschäfts seines Teams am KTI.

Mit viel Herzblut und Akribie bei der Sache war Jenne stets auch aufgrund seines wissenschaftlichen Anspruchs. Das Problem der Spurenverschleppung hatte er schon immer im kritischen Blick. Jenne war einer derjenigen in Deutschland, die sich sehr früh für die Sicherung der „Spurenreinheit“ und etwa die Einführung der weißen Overalls bei der Spurensicherung einsetzten, um Tatortspuren nicht mit Fremdspuren zu kontaminieren. „Ich bin damals ausgelacht worden, als ich das forderte.“ In den 1990ern wurden die Overalls Standard. Die Häme verstummte.

Europaweit einzigartige Faserspuren-Datenbank

Maßgeblich ist auch die von Jenne aufgebaute bundes-, wenn nicht europaweit einzigartige Faserspuren-Datenbank. „Die war notwendig, um die Beweislast und Aussagekraft von Faserspuren vor Gericht zu stärken. Ich habe in den 1980ern angefangen ein Computerarchiv einzuführen. Damals noch mit einem 64-Bit-Rechner, einem Radio Shak TRS80 mit monochrom-grünem Bildschirm, und einem 15 MB-Speicher, alles zusammen damals für 14000 Mark.“

Das Ziel war, später dann eine Verbunddatenbank aufzubauen. „Dazu hatten wir auch etliche Kongresse mit anderen LKÄ und dem BKA. Es ließ sich zwar nicht bundesweit realisieren, aber wir beim KTI des LKA in Baden-Württemberg können heute stolz sein auf diese Datenbank mit circa 7000, gespeicherten und elektronisch recherchierbaren Textilfasern.“

Eine solche Datenbank ist deshalb so entscheidend wichtig, um zu beweisen, wie oft gefundene Fasern vorkommen, wie oft das Kleidungsstück im Umlauf ist und wie exakt man Aussagen darüber treffen kann, dass diese oder jene Faser von diesem oder jenem mutmaßlichen Täter oder Opfer stammt. „Wir gehen aber sehr vorsichtig mit unseren Ergebnissen um und sprechen immer nur von Wahrscheinlichkeiten der zum mutmaßlichen Täter oder zum Opfer passenden Faserspur. Die Erfahrung sagt auch, es müssen genügend Fasern am Tatort oder am Opfer sein, damit die Spur als ausreichender Beweis gewertet werden kann.“

Die bloße Aussage, dass der Täter eine Jeans getragen hat, hilft selbst dann wenig, wenn der mutmaßliche Täter gefasst wurde und sogar die Jeans, die er bei der Tat getragen hat, gefunden wurde. Indigo-blaue Jeans sind sehr häufig. Winzigste Farbschattierungen und -abweichungen können unter dem Mikroskop-Photometer gemessen werden, zur Absicherung des visuellen Befundes. Auch die Faserstruktur und der Abnutzungsgrad an bestimmten Stellen sowie Verschmutzungen ermöglichen die genauere Zuordnung von Faserspuren.

„Zur Faser-Individualisierung braucht man aber Erfahrung, um die feinen Unterschiede im Mikroskop zu erkennen. Zum Beispiel auch das im Haushalt verwendete Waschmittel lässt Fasern der gleichen Jeans anders aussehen als in anderen Haushalten.“ Die Faserspuren-Analyse ist nicht nur anstrengend und aufwendig, sondern benötigt Sachverständige und Laborpersonal mit viel Erfahrung. Die Einarbeitung neuer Mitarbeiter erfordere mindestens ein Jahr intensiver Betreuung, sagt Klaus Jenne.

Daten & Fakten

Dr. Klaus Jenne aus Burgstetten ist studierter Molekularbiologe, wie die meisten des Sachverständigenteams am KTI des LKA. Sein Sohn Tobias Jenne, ein Physiker, führt als Brandursachen-Sachverständiger die LKA-Tradition der Familie fort.

Klaus Jennes Laufbahn beim KTI des LKA begann am 1. April 1979 als Sachverständiger für Textilspuren. 1985 wurde er zusätzlich Sachgebietsleiter der Arbeitsgruppe Textilspuren, dann von 1992 bis 2005 zusätzlich Referatsleiter der Spurenanalyse und Vorgesetzter für 60 Mitarbeiter, die Textil-, DNA-, Haar, Erd- und Pflanzenspuren analysierten und forensische Gutachten erstellten. 2005 wurde das KTI neu organisiert und die DNA-Spurenanalyse bekam eine eigene Organisationseinheit. Ein Kollege übernahm die Leitung der DNA-Analyse. Jenne wurde Fachgruppenleiter Textilspuren. Seit 2014 war er Fachbereichsleiter für 40 Mitarbeiter und zusätzlich immer Sachverständiger.

Die Bearbeitung und Analyse von Faserspuren ist aufwendig. Kleidungsstücke oder Sitzbezüge müssen Streifen für Streifen mit Spezialklebeband abgezogen werden. Die Fasern bleiben am Klebeband kleben. Die Untersuchung unter dem Mikroskop ist eine Sisyphus-Arbeit.

Das KTI des LKA BW insgesamt hat rund 250 Mitarbeiter.