Waiblingen

Nach Hundebiss: Peta fordert Hundeführerschein

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Symbolfoto. © Pixabay/CC0 Public Domain

Murrhardt.
Eine Bulldogge hat sich am Dienstag in Murrhardt von der Leine losgerissen und ein zwölf Jahre altes Mädchen in das Gesicht gebissen. Das Kind erlitt eine Fleischwunde an der Backe und musste vom Rettungsdienst versorgt werden. Die 32 Jahre alte Hundehalterin hatte um 16.20 Uhr im Käsbacher Weg mit ihrem Pkw geparkt, als sogleich der fünf Monate alte Hund aus dem Auto sprang und an dem zufällig vorbeikommenden Mädchen hochsprang. Das Kind erschrak und machte eine Abwehrbewegung, die den zweiten, vier Jahre alten Hund der Frau auf den Plan rief. Dieser riss sich von der Leine los und biss dem Mädchen in die Backe. Auf die Hundehalterin kommt nun ein Strafverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung zu.

Bürgermeister Mößner: Zuerst muss Hundestaffel der Polizei entscheiden

„So eine Beißattacke geht auch immer mit der Meldung des Vorfalls an die zuständige Behörde einher, hier das Ordnungsamt Murrhardt. Es obliegt dann der Behörde, gegebenenfalls den Fall näher zu prüfen und zum Beispiel Leinen- bzw. Maulkorbzwang oder Ähnliches zu erlassen“ – oder sogar die Wegnahme des Hundes, so ein Polizeisprecher auf Nachfrage dieser Zeitung.

„Es obliegt nun zuerst der Hundestaffel der Polizei zu erwägen, ob eine Wesensprüfung bei der Bulldogge notwendig ist“, sagt der Murrhardter Bürgermeister Armin Mößner. „Erst im zweiten Schritt könnten dann wir als Verwaltungsbehörde zum Beispiel einen Maulkorbzwang erlassen. Kommt nicht so häufig vor. Wir haben dies in den vergangenen fünf Jahren vielleicht zweimal gemacht. Zunächst muss aber die Hundestaffel der Polizei entscheiden.“ Einen Hund einem Halter wegzunehmen, das ist seiner Erinnerung nach in Murrhardt aber noch nicht passiert. „Das wäre ja ein ganz krasser Schritt. Wir haben dies allenfalls mal gemacht, wenn Hunde nachweisbar misshandelt wurden. Diese Hunde kamen dann ins Tierheim“, so Mößner.

Peta: "Viele Halter können ihre Hund nicht richtig einschätzen"

Angesichts Murrhardter Beißattacke fordert die Tierrechtsorganisation Peta die Einführung eines sogenannten Hundeführerscheins in Baden-Württemberg. „Viele Halter können ihre Hunde nicht richtig einschätzen. Somit ist die wahre Ursache für Beißattacken bei ihnen zu suchen – nicht beim Tier. Die Halterin hatte ihre zwei Hunde nicht unter Kontrolle, ihr Verhalten war absolut fahrlässig und verantwortungslos“, so Jana Hoger, Fachreferentin für tierische Mitbewohner bei Peta. „Jeder Hund, der falsch gehalten wird, kann zu einer Gefahr für Mensch und Tier werden – unabhängig davon, ob er einer ‚Rasse‘ angehört oder ein ‚Mischling’ ist.“

Theoriekurs und Praxisseminar

Der Hundeführerschein sehe vor, dass künftige Halter bereits vor Aufnahme eines Hundes einen Theoriekurs absolvieren, bei dem sie das notwendige Fachwissen über eine tiergerechte Haltung und Aspekte wie Kommunikation und Bedürfnisse von Hunden erwerben, so Peta in einer Pressemitteilung. Anschließend folge für Halter und Hund ein obligatorisches Praxisseminar in einer Hundeschule. Ein solcher Nachweis könne sicherstellen, dass Hundehalter sachkundig mit ihrem Tier umgehen und die Signale ihres Vierbeiners richtig deuten. Eine funktionierende Kommunikation zwischen Hund und Halter sei unerlässlich, um Beißvorfälle zu verhindern. Zudem vermittele das Training Kenntnisse über die Anforderungen der Hundehaltung, die für ein tiergerechtes Leben der Hunde unerlässlich sind, schreibt Peta.

In anderen Bundesländern gibt es den Hundeführerschein bereits

Als erstes deutsches Bundesland hat Niedersachsen einen Sachkundenachweis für Hundehalter beschlossen – der allgemeine Hundeführerschein ist dort seit Juli 2013 verpflichtend. „Nachweislich konnte nach drei Jahren eine Reduzierung von Vorfällen erreicht werden“, so Peta. Einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2016 zufolge unterstützt mit 65 Prozent eine Mehrheit der Deutschen die Einführung des Sachkundenachweises für Hundehalter. Wer in München nach dem 1. Mai 2014 einen Hundeführerschein absolviert hat, könne sich ein Jahr lang von der Hundesteuer befreien lassen. In Mannheim gelte eine zweijährige Steuerbefreiung für alle Hunde, deren Halter den Hundeführerschein nach dem 1. Januar 2016 erworben haben. Wer in Berlin seit dem 1. Januar 2017 einen Hund neu aufgenommen habe, sei dazu aufgefordert, sich die Sachkunde anzueignen.

„Die Einführung eines Hundeführerscheins hat einen weiteren Vorteil“, so Peta. „Sie kann Menschen von einem eventuellen Impulskauf abhalten. Jedes Jahr landen 80 000 Hunde in deutschen Tierheimen, darunter sehr viele Tiere, die unüberlegt ‘angeschafft’ wurden.“