Waiblingen

„Nein heißt Nein“: Das wäre ein Anfang

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„Nach einer Vergewaltigung fangen Frauen oft an, an sich selbst zu zweifeln.“ Christine Hofstätter Pro Familia © Schneider / ZVW
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„Habe ich mich genug gewehrt? Das ist noch immer die klassische Frage.“ Oranna Keller-Mannschreck, Pro Familia © Schneider / ZVW

Waiblingen. Der Fall Gina-Lisa Lohfink hat in Deutschland die Debatte um den Vergewaltigungsparagrafen heftig befeuert. Der vieldiskutierte Slogan lautet: „Nein heißt Nein!“ Zwei Expertinnen von Pro Familia Waiblingen erklären, warum dieser Satz wichtig ist – und warum er nur ein Anfang sein kann.

Nach derzeitigem Recht gilt Geschlechtsverkehr nur dann als Vergewaltigung, wenn jemand ihn „mit Gewalt“ erzwungen hat oder „durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben“ oder „unter Ausnutzung einer Lage“, in der das Opfer ihm „schutzlos ausgeliefert ist“. In einer möglichen Neufassung des Paragrafen aber könnte etwa stehen: Strafbar macht sich, wer „gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person“ Sex ertrotzt. Umgangssprachlich: „Nein heißt Nein.“

Nun ließe sich natürlich fragen, ob das überhaupt reicht. „Wir würden fast noch weiter gehen“, sagt Oranna Keller-Mannschreck von Pro Familia, „weil wir eigentlich davon ausgehen, dass die Einvernehmlichkeit von Sex deutlich bestätigt und nicht nur nicht abgelehnt werden sollte.“Aber immerhin, die „Nein heißt Nein“-Formel wäre eine glasklare gesellschaftliche Botschaft – und „die Voraussetzung für präventive Arbeit“ mit Jugendlichen.

Gesetzesänderung unnötig?

Pah, hat Thomas Fischer, Richter am Bundesgerichtshof, neulich gehöhnt, eine Gesetzesänderung sei unnötig – „jeder weiß auch heute schon“, dass übergriffiges Verhalten „als sozial verächtlich angesehen wird und ,verboten’ ist.“ Nun ja. Erfahrung aus dem Reporter-Alltag: „Das ist doch eine Lolita“, tuscheln bei Vergewaltigungsprozessen Teile des Publikums mit zermürbender Regelmäßigkeit, erklären den Täter zum Opfer seiner Empfänglichkeit für weibliche Reize und das Opfer zur Täterin wegen ihrer verführerischen Ausstrahlung. Zu oft ist es „das, was Mädchen vermittelt wird“, sagt Christine Hofstätter. In Beratungsgesprächen bei Pro Familia quälen sich von sexuellen Übergriffen betroffene Frauen mit Selbstvorwürfen: „Ich bin ja eigentlich selber schuld. Habe ich mich genug gewehrt? Das ist immer noch die klassische Frage.“ Hinzu kommt die Sorge: „Was ist, wenn ich an die Öffentlichkeit gehe? Viele Frauen sagen, ich gehe nicht zur Polizei, man glaubt mir sowieso nicht“ (siehe „8,4 Prozent“).

Eine Neufassung des Paragrafen würde mitnichten alle Probleme lösen. Nach wie vor bliebe es im Einzelfall schwierig, eine Vergewaltigung nachzuweisen, oft stünde Aussage gegen Aussage. Das Signal aber, das von einem gesetzgeberischen „Nein heißt Nein“ ausginge, wäre „unglaublich wichtig“. Daran könnte die pädagogische Arbeit mit jungen Menschen anknüpfen.

Junge und Mädchen: Ein Gedankenspiel

Stellen wir uns ein Mädchen und einen Jungen vor. Zwischen ihnen knistert es. Er kommt zu Besuch, ihre Eltern gehen ins Kino. Die beiden Jugendlichen sitzen vor dem Fernseher. Sie beginnen sich zu küssen. Er lässt die Finger unter ihr T-Shirt gleiten. Sie schiebt die Hand weg. Sie schweigen einander an, es arbeitet in beiden, Begehren, Verunsicherung und Sorge bilden ein unruhiges Gemisch. Sie küssen sich erneut, wieder tastet er sich vor, wieder stoppt sie ihn. Beim dritten Mal gibt sie nach. Es kommt zum Geschlechtsverkehr. Als die Eltern nach Hause kommen, ist das Mädchen furchtbar aufgewühlt, es ist etwas geschehen, das sie nicht wollte.

Dies, sagt Christine Hofstätter, ist eine „Vergewaltigungssituation. Der Junge hat immer wieder Zeichen der Abgrenzung bekommen.“ Vielleicht hat ihn die Lust dazu getrieben, die körpersprachlichen Botschaften, die das Mädchen aussandte, abzutun. Vielleicht haben ihm ältere Kumpels bescheidwisserisch erzählt, dass Mädchen immer erstmal Nein sagen, auch wenn sie Ja meinen. Sexualität ist kompliziert und voller Ambivalenzen. Manchmal wissen Menschen, junge zumal, selbst nicht genau, was sie gerade wollen, manchmal spüren sie erst, wenn sie mitten in Zärtlichkeiten sind, dass ihnen das alles jetzt doch zu weit geht. Mädchen können überfordert sein mit ihrer eigenen Wirkung, Jungs verunsichert von Macho-Rollenbildern und einer derart irritierend zwischen gegenseitiger Anziehung und Momenten der Abweisung changierenden Situation, die so gar nichts zu tun hat mit den Szenen in Pornos, wo alle immer ganz eindeutig geil sind und nichts sonst.

Über Sex kann man reden

Es braucht junge Männer, sagt Christine Hofstätter, „die gestärkt werden, über ihre Gefühle zu sprechen“; die in der Lage sind, „mit Zurückweisungen umzugehen“; die wissen, dass Grenzen sensibel wahrzunehmen und unbedingt zu achten sind. Es braucht Mädchen, die wissen, dass sie jederzeit Nein sagen dürfen, selbst wenn eben noch alles in ihnen Ja schrie. „Es braucht die Arbeit mit der einen wie der anderen Seite.“ Das ist die Aufgabe von Eltern, aber auch Schulen oder Einrichtungen wie Pro Familia. „Über Sex kann man schon reden“, sagt Oranna Keller-Mannschreck, das lässt sich lernen. „Sexualpädagogik ist ein ganz wichtiger Teil gesellschaftlicher Bildung“. Wenn Sexualität hingegen tabuisiert wird, dann hängt über allem ein „Angstschleier“ der „Sprachlosigkeit“.

Der Junge hat sich unter ihr Hemd getastet, das Mädchen schiebt die Hand weg. Er sagt: „Eigentlich will ich mehr. Du nicht? Geht’s dir gut gerade? Was denkst du?“ Und sie: „Ich fühle mich nicht so weit. Das geht mir zu schnell.“ Jungen und Mädchen zu helfen, eigene wie fremde Sehnsüchte, Zweifel, Bedürfnisse, Verletzlichkeiten wahrnehmen zu lernen – das, sagt Oranna Keller-Mannschreck, ist „eine zentrale Aufgabe von dem, was man so Erziehung nennt“. Ein umformulierter Paragraf allein reicht da sicher nicht. Aber „Nein heißt Nein“ im Gesetz: Das wäre ein Anfang.

Die Dunkelziffer bei Vergewaltigung ist hoch: Verschiedene Studien gehen davon aus, dass nur 5 bis 15 Prozent aller Fälle angezeigt werden.

Pro Jahr werden in Deutschland etwa 8000 Fälle bei der Polizei angezeigt – in nur etwa 1300 kommt es überhaupt zu einem Gerichtsprozess; und noch viel weniger enden mit einer Verurteilung. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ergab, dass im Jahr 2012 deutschlandweit 8,4 Prozent der angezeigten Fälle in eine Strafe mündeten (20 Jahre zuvor war die Quote noch fast dreimal so hoch: 21,6 Prozent).

Die Mehrheit der Taten – mindestens zwei Drittel, möglicherweise noch deutlich mehr – spielt sich im sozialen Nahfeld ab, also in Familie, Bekanntenkreis, auch in der Ehe.