Waiblingen

Neue Bürgerinitiative: Waiblingen soll bis 2035 klimaneutral werden

Waiblingen klimafrei
Jonathan Rößler, Jula Hutzmann, Thomas Renz, Marie-Luise Kruse-Zierer, Willi Zierer, Sabine Zeiner und Anja van Felten (von links). © ALEXANDRA PALMIZI

„Die Klimakrise als Folge des menschengemachten Klimawandels ist die größte Herausforderung unserer Zeit“ – das sagen Bürgerinnen und Bürger, die sich zur Initiative „Waiblingen klimaneutral“ zusammengeschlossen haben. Ihr Ziel: den Klimaschutz auf lokaler Ebene vorantreiben. Bis zum Jahr 2035 soll Waiblingen klimaneutral werden. Mit einem Einwohnerantrag wollen sie ihr Anliegen auf die Agenda der Kommunalpolitik bringen. Ganz so, wie es Gleichgesinnten bereits in Schorndorf gelungen ist.

Die große Politik scheitert an den selbst gesteckten Klimazielen. Das ungute Gefühl, den Klimawandel kommen zu sehen, ohne dass die Entscheidungsträger den Hebel herumzureißen versuchen, treibe sie und ihre Mitstreiter zum Handel an, sagt Sabine Zeiner. Die 58-Jährige „Waiblingerin mit Leib und Seele“ saß früher für die Alternative Liste im Gemeinderat, arbeitete zuletzt viele Jahre in Schweden und in Bayern – und wohnt seit einem Jahr wieder im Remstal. Motiviert von den Erfahrungen in Skandinavien, hat sie als Geschäftsführerin maßgeblich dazu beigetragen, ein energieintensiv arbeitendes, mittelständisches Unternehmen mit mehr als 300 Mitarbeitern klimaneutral zu machen. Die Erkenntnis: „Es dauert ein paar Jahre, es ist richtig viel Arbeit – aber es ist möglich. Es gibt die technischen Lösungen, man muss nur jetzt endlich damit anfangen.“ Dies sei unter anderem mit einem Blockheizkraftwerk und viel Fotovoltaik möglich geworden.

„Klimaentscheid Schorndorf“ als Vorbild

Motiviert nun auch vom Erfolg der Schorndorfer Initiative gehen die Waiblinger Klima-Vorkämpfer auf den Oberbürgermeister und die Ratsfraktionen zu und werden in den kommenden Wochen und Monaten verstärkt in der Öffentlichkeit für ihr Anliegen werben – etwa mit Flyern, Marktständen und Podiumsdiskussionen. Aus drei Leuten sind inzwischen 30 geworden. Ein Querschnitt der Bevölkerung: Frauen und Männer, Jüngere und Ältere, Menschen aus unterschiedlichen Berufen und überwiegend ohne Parteimitgliedschaft.

Einwohnerantrag statt Bürgerentscheid

Seit einigen Jahren sieht die Gemeindeordnung für Baden-Württemberg die Möglichkeit eines Einwohnerantrags vor – nicht zu verwechseln mit einem Bürgerentscheid. Der Einwohnerantrag zielt darauf, dass sich der Gemeinderat mit einer bestimmten Angelegenheit befassen soll, die den Unterzeichnern am Herzen liegt. Dafür sind die Unterschriften von 1,5 Prozent der antragsberechtigten Einwohner erforderlich. Gemeinsam mit Willi Zierer und Jonathan Rößler beantragt Sabine Zeiner, dass die Stadt einen Klimaschutzplan mit einem konkreten Maßnahmenkatalog erarbeiten soll. Die Beteiligten selbst haben sich nach eigenen Worten „intensiv“ mit der Thematik beschäftigt, das Klimaschutz-Teilkonzept der Stadt studiert und Experten interviewt. „Wir sind sachlich kompetent, können fundiert mitdiskutieren und haben für Waiblingen einen Plan geschrieben - wir fühlen uns auf Augenhöhe.“

Bewegung "German Zero"

Ausdrücklich legt es die Gruppe nicht auf Konfrontation mit Stadt und Gemeinderat an, sondern auf Zusammenarbeit – daher auch das im Vergleich zum Bürgerentscheid „softere“ Mittel des Einwohnerantrags. Was die große Politik bisher nicht kann oder nicht will, könnten die Kommunen leisten, lautet ihre Hoffnung: „Die Kommunen sind die Keimzellen, aus denen viel Gutes entsteht.“ Bei der Entwicklung des Konzepts bietet die Gruppe ihre Mitarbeit an. Ihr schwebt unter anderem die Schaffung eines Klimabeirats vor, im Mittelpunkt sollen aber konkrete Maßnahmen stehen.

Die Waiblinger sehen sich als Teil der Bewegung „German Zero – klimaneutral 2035“. Rentner Willi Zierer kommt aus der Erwachsenenbildung, ist Mitglied bei den Grünen und interessiert sich seit Jahren für Umweltschutz und Bauen. „Wir sehen, dass Waiblingen schon sehr aktiv ist im Klimaschutz – aber auch, dass der Drive fehlt.“ Er legt Wert darauf, dass die Bürger einbezogen werden.

Gebäude aufstocken statt Baugebiete ausweisen

Der 24-jährige Jonathan Rößler, ehemaliger Salier-Abiturient, absolviert derzeit sein Masterstudium in Cambridge – eigentlich. Coronabedingt ist er nach Hause zurückgekehrt. Lange stand er dem „furchterregenden“ Thema Klimawandel „fast apathisch“ gegenüber, schöpfte aber durch sein Engagement in einer Uni-Gruppe in England und bei „Fridays for Future“ Hoffnung auf Veränderungen im kleinen Maßstab, auf eine ökologische und demokratische Transformation.

Das Klimaschutzteilkonzept – eine „exzellente Unterlage“ – beschreibe schon jetzt exakt, wo sich die Treibhausquellen in der Stadt befinden. Strom und Wärme aus erneuerbaren Energien stehen entsprechend auf der Prioritätenliste. Weil rund 30 Prozent des Kohlendioxidausstoßes von Gebäuden resultieren, müsse ein weiterer Schwerpunkt auf der Sanierung von Gebäuden und Wärmedämmung liegen. Das Aufstocken von Immobilien und die Reaktivierung von Gewerbebrachen nach energetischer Sanierung müsse Vorrang haben vor der Neuausweisung von Baugebieten. Freiflächen müssten bewahrt werden, um Kohlendioxid zu binden.

Schleichende Apokalypse

„Maßlose“ Mengen von Einweggeschirr, die gerade jetzt während der Corona-Pandemie in der Landschaft herumliegen, zeigten, dass in Sachen nachhaltiger Konsum noch viel Handlungsbedarf bestehe. Regionale und nachhaltige Landwirtschaft müssten unterstützt werden. Der Verkehr als einer der Hauptverursacher wird ebenso als Themenfeld beackert wie das Gewerbe: Wie lassen sich mehr Betriebe ermuntern, in Solarthermie oder Nutzung von Abwärme zu investieren?

„Eins der großen Probleme mit dem Klimawandel“, sagt Jonathan Rößler, „ist der Umstand, dass er nicht als Apokalypse über uns kommt, sondern dass er schleichend passiert – und zwar jetzt schon.“ Das verführe zum Wegschauen. Deshalb wird sich die Gruppe stark in der Öffentlichkeitsarbeit engagieren. Aus rechtlicher Sicht kann der Einwohnerantrag so gestellt werden, hat die Gruppe nun erfahren. Jetzt geht’s ans Unterschriftensammeln. Und möglichst bald sollen Ideen und Engagement dann in konkrete Maßnahmen für den Klimaschutz vor Ort münden.

„Die Klimakrise als Folge des menschengemachten Klimawandels ist die größte Herausforderung unserer Zeit“ – das sagen Bürgerinnen und Bürger, die sich zur Initiative „Waiblingen klimaneutral“ zusammengeschlossen haben. Ihr Ziel: den Klimaschutz auf lokaler Ebene vorantreiben. Bis zum Jahr 2035 soll Waiblingen klimaneutral werden. Mit einem Einwohnerantrag wollen sie ihr Anliegen auf die Agenda der Kommunalpolitik bringen. Ganz so, wie es Gleichgesinnten bereits in Schorndorf gelungen

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