Waiblingen

"Niemand sagt, das Tiny House war ein Fehler": Interview mit Beraterin Madeleine Krenzlin

Tiny House
Madeleine Krenzlin im Rohbau ihres eigenen, inzwischen längst fertiggestellten Tiny Houses (Archivfoto). © Benjamin Büttner

Die typische Tiny-House-Kundin ist weiblich, Mitte 50 und hat gerade einen privaten Umbruch erlebt. So ist jedenfalls die Beobachtung von Madeleine Krenzlin. Die 38-Jährige berät Menschen, die ihr bisheriges Haus oder Wohnung aufgeben, viel Zeug loswerden und ein neues Leben auf ganz wenigen Quadratmetern beginnen wollen. Günstig ist das aber nicht unbedingt. Im Interview spricht Krenzlin über die größten Hürden auf dem Weg zum winzigen Haus.

Frau Krenzlin, wie viele Anfragen zum Tiny House erhalten Sie pro Monat?

Ich führe dazu keine Statistik, aber ich schätze, dass es circa eine pro Tag ist. Das ist aber ein weites Feld: von der ersten Idee bis zu Leuten, die eines kaufen oder uns mit der Planung beauftragen wollen. Wir beraten auch zu Kostenvoranschlägen von Herstellern. Etwa ein Drittel der Anfragen sind schon sehr konkret. Viele haben einfach nur Fragen, zum Beispiel zum Baurecht oder zur Grundstückssuche.

Sind es eher junge Leute oder spielt das Alter beim Wunsch nach den eigenen vier Mini-Wänden keine Rolle?

Unser klassischer Kunde ist weiblich, Mitte 50, alleinstehend. Es gibt zwei Lager: Diejenigen, die sich ein Urlaubsdomizil wünschen - das sind vielleicht 20 Prozent. Und diejenigen, die dauerhaft im Tiny House wohnen wollen. Das sind die meisten, etwa 80 Prozent. Und darunter sind eben viele Frauen ab 55, die für den letzten Lebensabschnitt was Neues suchen. Die Kinder sind ausgezogen, es gibt eine Scheidung, und dann raus aus dem Haus. Oft kommen Kunden zu uns, die einen Umbruch im Leben hinter sich haben. Jüngere sind eher in der Familiengründungsphase und brauchen mehr Platz. Außerdem haben sie oft nicht das Kapital.

Wie viel Geld sollte man für ein Tiny House mindestens mitbringen?

Nach unten setzen die Materialpreise die Grenzen. Man kann das Haus ja selber bauen, auch dazu haben wir Workshops. Ein Tiny House auf einem Pkw-Anhänger geht mit 30 000 Euro Materialkosten los, ein baugenehmigungsfähiges, aber mobiles Modulhaus mit 40 000. Wenn man es komplett selber baut. Kauft man ein fertiges Tiny House eines deutschen Herstellers, kostet das bei der Pkw-Anhänger-Variante so ungefähr ab 70 000 Euro. Bei baugenehmigungsfähigen Tiny Houses ist man bei circa 90 000 Euro aufwärts.

Sie unterscheiden also Tiny Houses auf Pkw-Anhängern und solche, die eine Baugenehmigung erhalten können. Was ist der Unterschied zum „normalen Haus“ - nur die Räder unten dran?

Es gibt keine gesetzliche Definition. Wir als Firma Indiviva sagen: Tiny Houses sind transportable Gebäude mit Nutzfläche bis 50 Quadratmeter, die in einem oder wenigen Teilen transportabel sind. Egal, ob Räder drunter sind oder nicht. Es gibt aber ganz viele unterschiedliche Varianten. Baugenehmigungsfähige Tiny Houses müssen wie große Häuser viele Auflagen erfüllen, das macht sie größer, teurer und nicht mehr ganz so mobil. Sie können aber zum Beispiel per Kran auf einen Lkw gehoben werden. Tiny Houses dürfen nicht über maximal vier Meter hoch sein. Sie haben natürlich auch keinen Keller. Das wäre nur Ballast. Und außerdem stellt man im Keller ja eh nur Stuss ab, den man nicht braucht.

Wollen Tiny-House-Enthusiasten bewusst weniger materiellen Besitz, weniger Zeug haben?

Ja, das ist der Hauptmotivator. Großen Wohnraum finden manche in ihrer Situation belastend. Das verbraucht nicht nur physischen Platz, sondern auch Energie im Kopf. Sie wollen die Zeit für anderes nutzen. Viele fangen mit dem Ausmisten und Reduzieren an, ziehen vielleicht erst mal in eine kleinere Wohnung um. Ein Tiny House ist der nächste Schritt. Meine Oma hat auch immer gesagt: Nimm das mit, ich will das alles nicht mehr. Das kommt vielleicht mit dem Alter, dass man an die eigene Endlichkeit denkt, und ans Aufräumen.

Ist das Interesse in der Corona-Zeit spürbar gestiegen?

Es ist definitiv noch mal größer geworden. Die Leute hatten mehr Zeit und waren mehr zu Hause. Darüber konnten sie dann nachdenken. Viele stellen sich aber auch die Frage, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen. Viele Deutsche haben ja eben doch ziemlich viel Geld. Und das wollen manche nicht mehr länger in eine Mietwohnung stecken.

Was ist die größte Hürde auf dem Weg zum winzigen Haus? Der Ort zum Aufstellen?

Die größte Hürde ist, glaube ich, wenn die Wunschvorstellung auf die Realität trifft. Oft stellen sich die Leute das sehr blumig vor, wir müssen sie - obwohl wir ihre Träume ernst nehmen - auf den Boden der Tatsachen holen und die Träume ein wenig stutzen, damit etwas Umsetzbares herauskommt. Das Wohnen auf der grünen Wiese geht eben nicht so einfach, aus rechtlichen Gründen. Medien und natürlich auch die Hersteller zeigen bunte und blumige Bilder: das Tiny House mitten in der Natur. Aber auch ein Tiny House ist ein komplexes Bauprojekt. Aber ja, das passende Grundstück ist natürlich eine Sollbruchstelle. Wer noch arbeitet und an den Arbeitsort fahren muss, muss etwas in der Nähe finden. Auf dem Land ist es leichter, einen Ort zu finden. Im Remstal entlang der B 29 ist das sehr schwierig. Auch das müssen wir als Berater verständlich machen. Da geht es für uns schnell nicht nur um Bau-, sondern um Lebensberatung. Manchmal ist das Ergebnis am Ende auch: Ja, ein Tiny House ist ein schöner Traum, aber gerade nicht machbar.

Darf man ein Tiny House auf dem Privatgrundstück von Freunden oder Verwandten hinstellen?

Theoretisch ist es möglich, es kommt aber auf den Bebauungsplan an. Wir gehen verstärkt in diese Richtung, beraten etwa Grundstückseigentümer dazu. Manche Interessierte haben auch noch nicht ans Familiengrundstück gedacht. Ein Indikator kann sein, ob auf Nachbargrundstücken auch schon in zweiter Reihe gebaut wurde. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es rechtlich geht. Aber nicht alle Gemeinden wollen das, weil sie Präzedenzfälle fürchten, und dass die Nachbarn nicht ein Tiny House, sondern ein großes Haus bauen wollen. Es muss der politische Wille in der Gemeinde da sein. Auch Aufstockungen auf Garagen wären übrigens eine Möglichkeit, wenn der Bebauungsplan es hergibt.

Wie autark kann ein Tiny House sein, Stichworte Heizung und Sanitär?

Technisch geht da sehr viel, es gibt Trockentrenntoiletten, mit denen man kein Schwarzwasser erzeugt. Fürs Grauwasser aus der Dusche, vom Wäschewaschen und Abspülen gibt es mobile Filteranlagen. Die haben aber in Deutschland keine Zulassung. Rechtlich möglich ist eine Pflanzenkläranlage, eine Art Teich - aber die ist nicht mobil, sondern bleibt vor Ort. Für die Wärme ist der Klassiker der Holzofen. Wirklich autark ist man da aus meiner Sicht aber nur, wenn man eigenen Wald hat. Ansonsten muss man Holz kaufen, ist aber immerhin netzunabhängig. Man kann auch mit Flüssiggasflaschen arbeiten. Mit Sonnenenergie Wärme erzeugen, zum Heizen im Winter, das funktioniert in Deutschland nicht. Beim Strom kann man autark leben, wenn man den Verbrauch gegenüber einer Wohnung stark reduziert, wenn man LED-Lampen benutzt, einen 12-Volt-Kühlschrank aus dem Campingbereich und USB-Steckdosen für Geräte hat. Je mehr man sich einschränkt, desto eher kann man autark leben. Standard ist die Fotovoltaik auf dem Tiny House allerdings noch nicht. Oft wird es gewünscht, ich schätze, von unseren Kunden lassen 40 Prozent eine Anlage einplanen. Andere rüsten dann vielleicht später eine kleine Anlage nach. Wenn die Anlagen ein bisschen Substanz haben und eventuell noch ein Wechselrichter dabei ist, damit man doch noch die Kaffeemaschine anschließen kann, macht sich das bei den Kosten bemerkbar.

Kennen Sie auch Leute, die vom Tiny House wieder zurück in eine „normale“ Wohnung oder ein Haus gezogen sind?

Das mag es geben. Aber ich habe bislang nicht mitbekommen, dass ein Tiny-House-Leben quasi gescheitert ist. Eine Kundin hat ihr Tiny House verkauft, weil sie nach Australien ausgewandert ist. Ich kenne niemanden, der sagt: Dieses Projekt war ein Fehler. Aber vielleicht ist der Markt dafür auch noch zu jung, in fünf Jahren kann es mehr solcher Fälle geben. Und was wohl auch vor einem bösen Erwachen schützt: Es ist ein längerer Prozess von der Idee bis zum Einzug ins Tiny House. Da hat man viel Zeit, sich Gedanken zu machen. Wem da Zweifel kommen, der bricht vorher ab.

Die typische Tiny-House-Kundin ist weiblich, Mitte 50 und hat gerade einen privaten Umbruch erlebt. So ist jedenfalls die Beobachtung von Madeleine Krenzlin. Die 38-Jährige berät Menschen, die ihr bisheriges Haus oder Wohnung aufgeben, viel Zeug loswerden und ein neues Leben auf ganz wenigen Quadratmetern beginnen wollen. Günstig ist das aber nicht unbedingt. Im Interview spricht Krenzlin über die größten Hürden auf dem Weg zum winzigen Haus.

Frau Krenzlin, wie

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