Waiblingen

Obstbauern in der Apfelkrise

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Dieses Bild hat aktuell Seltenheitswert: Äpfel auf dem Schmidener Feld. © Büttner / ZVW
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Hat den Humor trotz schlechter Ernte nicht verloren: Günter Dieterle.
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Apfelblüte im Oktober. © Benjamin Büttner

Waiblingen. In den Obstplantagen tragen die Bäume kümmerliche Früchte, in den Streuobstwiesen bleiben sie dieses Jahr ratzekahl. Die Stücklesbesitzer der Region stecken in der Apfelkrise. Selbst die ältesten Mitglieder in den Obst- und Gartenbauvereinen sagen, so einen flächendeckenden Ernteausfall hätten sie noch nie erlebt.

„Wenigstens bekommt man keine Rückenschmerzen vom Auflesen“, witzelt Günter Dieterle angesichts der kargen Ausbeute. Zehn kleine Kisten Äpfel hat er in einem Eck seines Kühlraums auf dem Schmidener Feld stehen. Das klingt nach gar nicht so wenig. Aber: In normalen Jahren steht die Kammer bis oben voll, der Keller der Scheune noch dazu.

Den Verkauf am Stand musste der Waiblinger auf ein Minimalmaß zurückfahren. Noch nie warfen die 50 Ar Anbaufläche so wenig ab. Nur bei den Sorten Pivona und Gala hat er überhaupt eine nennenswerte Ernte, Braeburn dagegen war ein Totalausfall.

So etwas gab es noch nie

Das Problem aus Sicht des 58-Jährigen war nicht nur der späte Frost – „das kommt öfter mal vor“. Doch die Vegetation war damals schon unerhört weit, ein warmer März sorgte für frühe Blüten und sogar schon für kleine Früchte. „Die Aprikosen waren schon so groß“, sagt der Nebenerwerbs-Obstbauer und formt ein O mit den Fingern. Zwischen dem 18. und 21. April ist alles erfroren.

Die Erntearbeit fällt weg, zu tun gibt’s dennoch genug. Schon im September schnitt Günter Dieterle die Bäume zurück. „Die schießen sonst in den Himmel, ohne Früchte geht die ganze Energie ins Wachstum.“ In der Folge haben sich wieder vereinzelte rosa Blüten entwickelt. Alles ist anders als gewohnt im Jahr 2017. Die Ältesten im Obst- und Gartenbauverein, mit denen er gesprochen hat, bestätigen einhellig, so etwas noch nie erlebt zu haben.

Später Frost, als viele Bäume schon in voller Blüte standen

Dasselbe hört Helmut Läpple, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins, von seinen Senioren. Er selbst hatte vergangenes Jahr noch viereinhalb Tonnen abgeliefert, dieses Jahr hingegen gab’s nichts zu verkaufen. Selbst die spät blühende Sorte Bittenfelder gab nichts her.

Der große Wildkirschenbaum beim Vereinsgelände trug zwar viele Früchte – „die waren aber kaum größer als der Kern“. Und das meiste holten sich die Vögel. „Für die ist das Angebot auch knapp.“ Auf Kirschen aus dem Lehrgarten muss der Verein komplett verzichten, statt 1100 Kilo Äpfel wie 2016 konnten sie nur einzelne Exemplare von den Bäumen holen.

Starke Ertragsverluste durch Frost

Die Spalierbirnen in Läpples Garten schienen erst gut zu gedeihen, wurden jedoch schnell schwarz. Mehr Glück hatte sein Kollege Günter Brandes. Der Vorsitzende des OGV Waiblingen freut sich über 20 Birnen von einem Balkonbäumchen – die wettergeschützte Lage machte offenbar den Unterschied. Ansonsten: Ob im Bärentäle oder im Kostesol – überall das gleiche Bild.

„Regionale Unterschiede sind nur in einem unerheblichen Maße festzustellen“, sagt Obstbauberater Adrian Klose aus dem Landwirtschaftsamt auf Bezug aufs Kreisgebiet. Historisch scheint ihm die Fehlernte eher nicht: „Statistisch kommt es einmal je Jahrzehnt zu vergleichbaren Frostereignissen.

Das Besondere 2017 war, dass alle Anbaugebiete gleichermaßen betroffen sind. Außerdem befanden sich viele verschiedene Obstkulturen, wegen der zuvor warmen Witterung, zur gleichen Zeit in der Vollblüte.“ Doch auch in den Jahren 2001 und 1991 hätten Erwerbsobstbauern und Stücklesbesitzer starke Ertragsverluste durch Frost erlitten.


Die Folgen für Kunden und Stücklesbesitzer:

  • „Trotz eventueller Preissteigerung ist es besonders wichtig, dass wir die direktvermarktenden Obstbaubetriebe durch unseren Kauf heimischer Produkte unterstützen“, appelliert Obstbauberater Adrian Klose aus dem Landwirtschaftsamt.
  • Bei Apfelsaft werde wohl wenig zu spüren sein, da die Obstverwerter in der Regel über eine Lagerkapazität für zwei Obsternten verfügen. Auch was das Angebot an Äpfeln angeht, werden die Kunden eher keinen Mangel bemerken. Viele direktvermarktende Betriebe versuchen, Ware aus weniger betroffenen Gebieten zuzukaufen. In Frage kommt laut Adrian Klose die Obstbauregion Niederelbe in der Nähe von Hamburg. Die Obstbauern dort konnten ihre Äpfel mittels Frostschutzberegnung schützen.
  • Um sich vor Ausfällen durch Frost zu schützen, könnten Hausgärtner und Streuobstwiesenbesitzer, ergänzend zum vorhandenen Sortenspektrum, spätblühende Apfelsorten wie „Spätblühender Taffetapfel“ (Blüte erst Anfang/Mitte Mai) anpflanzen. „Geschmacklich hinken diese zwar hinter dem üblichen Sortiment hinterher, sind aber ertragssicher“, so der Obstbauberater.
  • Einen wirksamen Schutz gewährleistet allein eine Frostschutzberegnung, die jedoch technisch aufwendig und sehr teuer ist. Außerdem erfordert sie große Mengen an Wasser. Im Rems-Murr-Kreis besitzt bisher kein Betrieb eine Frostschutzberegnung. Manche Betriebe setzten Paraffinkerzen ein, jedoch war es einfach zu kalt, um den gewünschten Effekt zu erzielen.