Waiblingen

Omikron: Grüne aus Waiblingen fordern für Schulen Fernunterricht bis Ostern

Schulleben
Das Land setzt derzeit in den Schulen weiter auf Präsenzunterricht – trotz der steigenden Zahl der Corona-Infektionen. © ZVW/Alexandra Palmizi

„Die Schule ist nicht sicher“: Martin Fresow, stellvertretender Vorsitzender des Ortsverbands Waiblingen-Korb von Bündnis 90/Die Grünen, hält Präsenzunterricht in Zeiten der Omikron-Welle für falsch. Zusammen mit Ortsschatzmeister Klaus-Dieter Przybyl ist er der Auffassung, dass Fernunterricht derzeit die angemessene Reaktion auf die Infektionslage wäre – oder wenigstens Wechselunterricht, bei dem nur die Hälfte der Kinder einer Klasse vor Ort unterrichtet wird.

Die beiden Männer haben unserer Redaktion ihr Anliegen ganz bewusst bei einem Spaziergang geschildert – um so ein Zeichen gegen die Vereinnahmung des Begriffs Spaziergang durch die Querdenker-Szene zu setzen. Diese sollten aus ihrer Sicht eher Leerdenker genannt werden – und ihre sogenannten Montagsspaziergänge auch in Überschriften von Artikeln konsequent Demonstrationen.

Martin Fresow und Klaus-Dieter Przybyl tragen während des gesamten Spaziergangs in der Waiblinger Talaue eine FFP2-Maske. Mit ihrer Forderung nach einer Abkehr vom derzeitigen Präsenzunterricht haben sie eine klare Botschaft ans Kultusministerium – aus Sorge um die Kinder.

Aktionstag unter dem Motto #LeiseWirdSichtbar

Die beiden Mitglieder des Grünen-Ortsverbands verweisen auf Empfehlungen der Wissenschaft. Nach denen müsste in der jetzigen Lage bei sehr hohem Infektionsgeschehen eigentlich Wechselunterricht umgesetzt werden – genauer gesagt die sogenannte S3-Leitlinie „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragung in Schulen“, die von der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, der Deutschen Gesellschaft für Public Health, der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie verfasst wurden.*

Bei einem Aktionstag unter dem Motto #LeiseWirdSichtbar gab es am Samstag, 22. Januar 2022, Kundgebungen im ganzen Bundesgebiet, bei denen ein sofortiges Aussetzen der Präsenzpflicht, eine Umsetzung der S3-Leitlinie für Schulen und ein effektiver Infektionsschutz in allen Bildungseinrichtungen gefordert wurden.

Eltern genug Zeit geben, ihre fünf- bis elfjährigen Kinder vollständig impfen zu lassen

Martin Fresow und Klaus-Dieter Przybyl finden es wichtig, den Präsenzunterricht zumindest bis Ostern auszusetzen, da danach die Omikron-Welle aller Wahrscheinlichkeit nach abflauen wird. So hätten die Eltern der Fünf- bis Elfjährigen auch ausreichend Zeit, ihre Kinder zweimal gegen Corona impfen zu lassen. Und Kinder ab zwölf könnten bis dahin alle ihre Booster-Impfung erhalten.

Für die beiden Grünen-Mitglieder ist es wichtig, an den Schulen wieder im Fernlernmodus zu unterrichten – gerade mit Rücksicht auf jene Kinder, die Vorerkrankungen haben. Und schließlich gibt es in seltenen Fällen bei Kindern Folgeschäden nach einer Covid-Erkrankung. Martin Fresow verweist zudem auf all jene Kinder, die Angst haben, dass sie ihren vorerkrankten Bruder oder ihre vorerkrankte Schwester anstecken, weil sie sich in der Schule mit Corona infiziert haben. Auch fragt er sich, warum einerseits in so vielen Situationen im Alltag hohe Schutzmaßnahmen ergriffen werden und derzeit wieder so viele Erwachsene im Home-Office arbeiten – aber andererseits den Kindern dieser Schutz nicht zugestanden wird.

Kultusministerium des Landes hält am Präsenzunterricht fest

Benedikt Reinhard, Sprecher des baden-württembergischen Kultusministeriums, verweist indes darauf, dass sich Schülerinnen und Schüler, die relevante Vorerkrankungen und deswegen auch das Risiko eines schweren Verlaufes bei einer Infektion mit Corona haben, jetzt schon mit einer ärztlichen Bescheinigung von der Präsenzpflicht befreien lassen können. Sie müssen dann im Fernunterricht ihre Schulpflicht erfüllen. „Dies gilt übrigens auch, wenn die Schülerinnen und Schüler im Haushalt Angehörige haben, die ein Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Infektion mit Corona haben.“

Hinzu kommt laut dem Sprecher, dass sich nicht nur die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder, sondern auch die Medizinerinnen und Mediziner einig seien, dass Präsenzunterricht für die Kinder und Jugendlichen durch nichts zu ersetzen sei und längere Schulschließungen oder längere Phasen des Distanzunterrichts massive Auswirkungen auf die sozial-emotionale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler hätten. „Das hat auch die Phase der coronabedingten Schulschließungen deutlich gezeigt.“ Deswegen habe sich zum Beispiel auch die Kultusministerkonferenz am 5. Januar dafür ausgesprochen, trotz Omikron am Präsenzbetrieb festzuhalten.

Wechselunterricht ist für die Schulen aufwendig

Beim Wechselunterricht kommt laut Benedikt Reinhard hinzu, dass hier von Lehrerinnen und Lehrern zurückgemeldet werde, dass dieser am aufwendigsten ist. „Die Lehrerinnen und Lehrer müssen nämlich gleichzeitig Fernunterricht und Präsenzunterricht vorbereiten und diesen auch halten.“ Genau das hat unsere Redaktion selbst in Gesprächen mit Rektoren oft gehört.

Spielraum für Schulschließungen gibt es übrigens durchaus, wie das Kultusministerium klarstellt. Sofern der Präsenzunterricht unter Ausschöpfung aller Ressourcen aus schulorganisatorischen Gründen nicht mehr vollständig sichergestellt werden kann, dürfen Schulen vorübergehend auf Fernunterricht oder eine Kombination aus Präsenz- und Fernunterricht umstellen. Dies gilt für einzelne Klassen, Lerngruppen, Bildungsgänge, aber auch die gesamte Schule.

Eine Aussetzung der Präsenzpflicht an der Schule wie zwischenzeitlich im Schuljahr 2020/2021 hält das Ministerium nicht mehr für sinnvoll. „Von den Schulen kam dabei die Rückmeldung, dass auch gerade diejenigen Schülerinnen und Schüler dann nicht am Präsenzunterricht teilnehmen, für die es besonders notwendig wäre.“ Benedikt Reinhard nennt hier jene Schüler „mit einem schwächer ausgeprägten sozialen Hintergrund, die im Fernunterricht schlechter zurechtkommen und auch deutlich größere Lerndefizite aus diesem mitnehmen“.

Ministerium hält nichts davon, an den Schulen grundsätzlich täglich zu testen

Zur Forderung, jeden Tag zu testen und hier am besten PCR-Tests einzusetzen, sagt der Ministeriumssprecher: „Die Maßnahmen des Landes müssen immer verhältnismäßig sein.“ Der Schutzzaun mit der dreimaligen Testung pro Woche werde von den medizinischen Fachleuten als angemessen gesehen. „Es werden zahlreiche, auch symptomlose Infektionen erkannt und dadurch weitere Infektionen verhindert. Im Übrigen sind die Schulen schon damit der Gesellschaftsbereich mit dem engmaschigsten Testnetz.“ Im Fall einer Infektion besteht bereits jetzt fünf Tage in Folge eine Testpflicht für die Klasse, in welcher der Infektionsfall aufgetreten ist.

Was beim Thema Fernunterricht auch bedacht werden muss, ist die Doppelbelastung für die Eltern im Homeoffice. Gerade wenn Vater und Mutter berufstätig sind und gleichzeitig dafür sorgen sollen, dass die Kinder an Videokonferenzen teilnehmen, werden viele Familien dadurch an die Belastungsgrenze gebracht. Der Fernunterricht, der in den Schuljahren 2019/2020 und 2020/2021 monatelang stattfand, war für viele Eltern ein Kraftakt. Und auch an den Kindern gingen die Lockdowns nicht spurlos vorbei: Bei Kindern und Jugendlichen gibt es eine klare Zunahme bei Depressionen und Suizidgedanken.

*In einer früheren Version des Artikels konnte aus Sicht des Kinderschutzbundes Waiblingen/Schorndorf (DKSB) der Eindruck entstehen, dass sich der Kinderschutzbund in der Corona-Pandemie für allgemeine Schulschließungen einsetzt. Das trifft aber nicht zu. Der Kinderschutzbund fordert keine Schulschließungen.

„Die Schule ist nicht sicher“: Martin Fresow, stellvertretender Vorsitzender des Ortsverbands Waiblingen-Korb von Bündnis 90/Die Grünen, hält Präsenzunterricht in Zeiten der Omikron-Welle für falsch. Zusammen mit Ortsschatzmeister Klaus-Dieter Przybyl ist er der Auffassung, dass Fernunterricht derzeit die angemessene Reaktion auf die Infektionslage wäre – oder wenigstens Wechselunterricht, bei dem nur die Hälfte der Kinder einer Klasse vor Ort unterrichtet wird.

Die beiden Männer

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