Waiblingen

Online-Dating-Plattformen: Betrügern auf der Spur

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Ein Ring als Zeichen ewiger Liebe und Treue? Schön wär’s. © Bernhardt /ZVW/Archiv

Waiblingen. Liebe macht blind. Sehnsucht auch, und dann wird’s teuer. Gauner fahnden auf Partnersuch-Börsen nach einsamen Herzen, täuschen die große Liebe vor und warten geduldig, bis sich der Geldbeutel weit öffnet. Betrogene verlieren hohe Summen, und das kommt ganz schön oft vor.

Etwa einmal im Monat hat es die Polizei im Rems-Murr-Kreis mit einem Fall dieser Art zu tun, sagt Polizei-Pressesprecher Rudolf Biehlmaier. Doch „vieles bleibt im Dunkelfeld“. Vermutlich aus Scham zeigt wohl längst nicht jeder Betroffene einen Betrug an.

Jüngster Fall aus Backnang

Der jüngste Fall spielte sich im Raum Backnang ab. Ein Mann lernte auf einer Internet-Plattform eine Frau kennen – so weit, so alltäglich. Die beiden pflegten intensiven virtuellen Kontakt – warum auch nicht. Doch bald schon sollte der Mann Geld überweisen, damit seine in der Türkei ansässige Liebste ihr Flugticket bezahlen und man sich endlich in die Arme sinken könne. Irgendwas kam kurzfristig dazwischen. Der Mann überwies noch mal Geld ins Ausland. Nun erlitt die Frau angeblich einen schweren Unfall und konnte wieder nicht kommen. Ob ihr Schatz aus Deutschland etwas Geld für die Behandlung vorschießen könne?

Der Mann erstattete Anzeige.

Innerhalb von sechs Wochen 127 000 Euro überwiesen

Andere Beispiele von „Love-Scamming“ – so wird diese Betrugsmasche genannt – klingen noch weitaus abenteuerlicher. Vergangenes Jahr lernte eine 44-Jährige aus dem Rems-Murr-Kreis über das Online-Portal eines beruflichen Netzwerks einen Mann kennen, der sich als verwitweter Ingenieur aus Amerika und Vater einer sechsjährigen Tochter ausgab. Zurzeit arbeite er in Schottland. Als die Frau dorthin flog, den Mann aber nicht antraf, erfuhr sie von einem eiligen Auftrag ihres Liebsten in der Türkei. Um eine Maschine am Zoll auslösen zu können, fehlten ihm noch 8000 Euro – die Frau half aus. An einer angeblichen Steuervorauszahlung beteiligte sie sich mit 19 000 Euro. Nun hing der Ingenieur leider als Folge unglücklicher Umstände in einem türkischen Gefängnis fest. Die Auslösesumme belief sich auf 40 000 Euro. Innerhalb von weniger als sechs Wochen überwies die Frau 127 000 Euro.

Täter agieren im Ausland

Die Ermittlungen in solchen Fällen gestalten sich schwierig, weil die Täter im Ausland agieren, sagt Rudolf Biehlmaier. Vergangenes Jahr hat die Kripo immerhin 55 000 Euro zurückholen können für eine Frau, die insgesamt 330 000 Euro verloren hatte. 2015 ist der Polizei ein deutscher Staatsangehöriger nigerianischer Herkunft ins Netz gegangen. Die Tätergruppe, der er angehörte, hatte ihren Sitz in Ghana. Der Mann wurde zu zwei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt.

Viele Partnersuch-Portale äußern sich nicht

Als „Katz-und-Maus-Spiel“ bezeichnet Jens Romer die Bemühungen, den Betrügern so schnell wie möglich auf die Schliche zu kommen. Romer ist Geschäftsführer des Partnersuch-Portals „Spätzlesuche“ und antwortet sehr detailliert auf eine Anfrage dieser Zeitung. Andere Portale reagieren gar nicht erst oder verweisen schlicht auf ihre Internetseiten.

Profile-Check prüft, ob sich jemand auffällig verhält

Romer verhehlt nicht, dass Betrüger zumindest teilweise immer besser werden, um die Sicherungsmechanismen der Portale zu umgehen. „Spätzlesuche“ prüft jedes Single-Profil auf Plausibilität, und eine Software checkt, ob sich jemand auf der Plattform auffällig verhält. Details zum Profile-Check nennt Romer nicht, „um keine Informationen zur Umgehung unserer Prüfungskriterien zu offenbaren“.

"Umsichtig bleiben"

Auch Jana Bogatz, Pressesprecherin bei „Parship“, räumt ein: „Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen können wir Fehlverhalten und kriminelle Energien einzelner Mitglieder leider nicht hundertprozentig ausschließen.“ „Umsichtig bleiben“, rät Jana Bogatz allen Nutzern dringend – „auch bei vielversprechenden Kontakten, intensivem Nachrichtenwechsel und dem möglicherweise ersten Kribbeln“.

Abzocker erfinden durchdachte Geschichten

Mitleiderregende Geschichten sollten misstrauisch machen, ganz besonders natürlich Bitten um Geld. Abzocker erfinden durchdachte Geschichten, sparen nicht mit liebevollen Nachrichten, schicken zuweilen Blumen und Geschenke, und manchmal ruft sogar eine angebliche Tochter des Geliebten an und zeigt sich überaus erfreut, dass der Vater nun so glücklich verliebt sei.

Gestohlene Fotos und gefälschte Profile

Stutzig machen sollte es auch, wenn ein Online-Nutzer allzu viele private Bilder schickt, gern im Zusammenhang mit ehrenamtlichem Engagement – oder gleich in ganz privaten Situationen, wie die Plattform LoveScout42 das diskret beschreibt. Die gestohlenen Fotos in den gefälschten Profilen zeigen oft sehr attraktive Menschen.

Männer und Frauen machen sich attraktiv durch angebliche Berufe

Männer geben sich gern als Ingenieure, Architekten, Soziologen, Konstrukteure in der Ölindustrie oder als Tierärzte und Computerspezialisten aus, heißt es in den Beratungsinfos der polizeilichen Kriminalprävention.

Frauen treten bevorzugt als Krankenschwestern, Ärztinnen, Mitarbeiterinnen im Waisenhaus oder als Lehrerinnen, Schauspielerinnen sowie als Geschäftsfrauen auf.

Gefälschte ausländische Ausweispapiere

Zurzeit haben es die Betrüger laut Polizei vor allem auf ausländische Ausweispapiere abgesehen. Sie bitten ihre Opfer, Kopien von Ausweispapieren zu schicken, um ein gemeinsames Konto eröffnen zu können. Auf diese Weise lassen sich leicht Ausweise fälschen.

Im Internet finden sich zuhauf Berichte von Opfern und Fotos, die Betrüger gern für ihre Profile nutzen, sei es auf Facebook, auf Online-Dating-Börsen oder anderen Plattformen. Heute heißen die Gauner „Scammer“ – früher nannte man sie Heiratsschwindler.


Heiratsschwindlern keine Chance

Zum Schutz vor Heiratsschwindlern auf Online-Börsen rät die Polizei: - Recherchieren Sie im Internet mit dem Namen oder der E-Mail-Adresse der Bekanntschaft. - Bei geringstem Verdacht sollte der Kontakt sofort und rigoros abgebrochen werden. - Um sich selber und weitere Bekannte zu schützen, sollte auch der heimische PC nach Viren gecheckt werden, die häufig von den Tätern eingesetzt werden. - Transferieren Sie keinesfalls Geld ins Ausland und nehmen Sie gegebenenfalls Hilfe in Anspruch. - Sichern Sie im Verdachtsfall die Daten auf dem PC und erstatten Sie Anzeige bei der Polizei.

Jeder zweite Internet-Nutzer ist davon überzeugt, dass sich die große Liebe online finden lässt. Das ist das Ergebnis einer Erhebung des Digitalverbands Bitkom. Demnach hat jeder Vierte schon mal Online-Dating-Dienste genutzt. Laut Bitkom-Studie sind neun von zehn Nutzern auf der Suche nach einem festen Partner. Auf erotische Kontakte sind den Angaben der Befragten zufolge sieben Prozent aus. Die Nutzer von Online-Dating-Diensten nutzen für ihre Internet-Flirts am liebsten das Smartphone. Etwas mehr als ein Viertel der Befragten hat über Online-Dating seinen aktuellen Partner kennengelernt. 43 Prozent fanden weder einen festen Partner noch einen erotischen Kontakt, wie Bitkom weiter mitteilt.