Waiblingen

Opernsänger: „Dick, kapriziös, egozentrisch"

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Melanie Diener auf der Bühne. © ZVW/Benjamin Büttner
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Melanie Diener
Melanie Diener, ganz entspannt. Die Sängerin studierte in Stuttgart Schulmusik und Klavier und später in Mannheim im Hauptfach Gesang. © Gabriel Habermann

Waiblingen. Sie ist eine Diva, die in Waiblingen wohnt, aber auch auf den großen Weltbühnen in New York, London, Tokio und Toronto zu Hause ist. In Wagner-Opern begeisterte sie ebenso wie als Marschallin im Rosenkavalier an der Oper in Helsinki und am Bolschoi-Theater in Moskau. Doch wenn sie auf einer privaten Fete eingeladen ist, muss sie sich schon mal anhören, dass ja wohl jeder singen könne und dafür keine Ausbildung nötig sei. Willkommen in der Welt der Klischees: heute Melanie Diener. Beruf: Opernsängerin.

„Dick, kapriziös, egozentrisch, schwierig, kompliziert, divenhaft“: Melanie Diener (52) kennt viele Klischees, die über Opernsängerinnen verbreitet werden. Vor allem der Ruf, launenhaft zu sein, lastet ihr scheinbar unausrottbar an. Dabei, sagt sie, könne sich das heute kein Sänger, keine Sängerin mehr leisten: „Die Oper ist so ein großes Ensemble, da muss jedes Rädchen funktionieren.“ Dazu gehören nicht nur Disziplin und Professionalität, sondern auch eine gute Portion Fitness. „Es ist wie im Leistungssport“, erklärt Diener. Singen sei Muskelarbeit und körperlich anstrengend: „Jeden Tag sollte man üben.“

Hinter jedem Auftritt steckt harte Arbeit

Ein Hobby, wie viele mutmaßen, ist der Beruf einer Opernsängerin also keineswegs. Und nein, er macht auch nicht immer Spaß, um gleich das nächste Klischee zu widerlegen. Dass harte Arbeit hinter jedem Auftritt steckt, ein Musikstudium und jedes einzelne Mal auch eine lange Vorbereitungszeit: Viele können sich das nicht vorstellen. „Was machst du überhaupt, das ist doch keine Ausbildung“, bekommt Melanie Diener immer wieder zu hören. Gern auch verbunden mit der Aufforderung, doch mal kurz was vorzusingen. Und wenig amüsiert zeigen sich dann die Leute, wenn sie solche Kurzauftritte ablehnt. „Am Anfang war ich sprachlos“, erzählt die Sängerin. Heute fragt sie cool zurück, ob man auf einem Fest auch seinen Arzt ansprechen würde („ja“, werden jetzt vermutlich viele Ärzte denken) – mit den Jahren hat sie gelernt, gelassen darauf zu reagieren.

Star im Ballkleid oder brotloser Künstler?

Während die einen Opernsängerinnen für Stars in Ballkleidern halten, sind die anderen davon überzeugt, dass Singen brotlose Kunst ist und Sänger nur arme Schlucker sein können. Auch ihre eigenen Eltern hätten zunächst besorgt reagiert, als sie ankündigte, Sängerin werden zu wollen: „Sie dachten nicht, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann“, weiß Diener - und auch, dass das Klischee vom armen Musiker nicht einfach von der Hand zu weisen ist: Ein festes Ensemblemitglied am Opernhaus verdient Diener zufolge am Anfang gerade mal 2000 Euro brutto. Nur wenige Sänger könnten auf Dauer von ihrem Beruf existieren. Und dann gebe es noch die zehn Ersten: die großen Namen, die man kennt. Melanie Diener selbst war als freischaffende Sängerin immer in der glücklichen Lage, von ihrem Beruf leben zu können. Aber, sagt sie auch ganz klar: „Man braucht einen Plan B.“ Schließlich werde man nicht jünger, die Stimme verändere sich, manche Rollen müsse man einfach ablegen. Irgendwann sei man kein junges Mädchen mehr. Was bleibt, seien aber Charakterrollen wie in Schnitzlers Reigen oder die Marie in Wozzeck. Und die Möglichkeit, zu unterrichten.

Und ein Privatleben gibt es doch 

Auch ein anderes Klischee hat Melanie Diener eindrucksvoll widerlegt: dass Sängerinnen kein Privatleben haben. Sie selbst ist seit vielen Jahren verheiratet und Mutter eines 24-jährigen Sohnes. Wobei sie aber in Kauf nehmen musste, wochenlang in fremden Städten zu leben. In Appartements wie vergangenes Jahr in Prag (sechs Wochen) oder Helsinki (vier Wochen). Ihre Reisen muss sie als freischaffende Opernsängerin selbst bezahlen. Probegeld wie früher gibt es schon lange nicht mehr.

Vielen bleibt das Leben eines Sängers fremd. Einer der Gründe, glaubt Diener, weshalb Sänger für kapriziös gehalten werden. Die Angst vor einer Erkältung, die Profisänger umtreibt, empfänden manche als kapriziös – „aber wenn ich etwas absagen muss, hat es Konsequenzen“. Und die vielzitierte Egozentrik? „Ja und nein“, sagt sie. Als Opernsängerin müsse man vieles aushalten, Kritik und Selbstkritik gehörten von Anfang an dazu. „Ich muss mich um mich selbst dauernd kümmern. Sonst kann ich nicht singen.“ Das verlange schon eine gewisse Egozentrik. Ein ganz anderes Problem ist die optimale Außenwirkung, die in vielen Opernhäusern vorausgesetzt werde: So sei eine Kollegin vor einiger Zeit gefeuert worden, weil sie nicht mehr in das kleine Schwarze reingepasst habe

Über die Serie: Investmentbanker sind skrupellos, Professoren verpeilt, Kreative trinken dauernd Kaffee und Beamte schlafen am Schreibtisch: Klischees über Berufe gibt es viele. In unserer Serie fragen wir Menschen aus besonders gebeutelten Berufsgruppen, wie sie mit den Vorurteilen umgehen.

Teil 1: Lehrer: Die Besserwisser mit den langen Ferien