Waiblingen

„Pfeffer von Stetten“ wurde vor 250 Jahren geboren

1/2
514aacf0-604e-46a2-852f-d95384da29c6.jpg_0
David Pfeffer aus Stetten, eine historische Zeichnung: Es gab ihn wirklich – ob alle Geschichten stimmen, die man sich über ihn erzählt, ist allerdings zweifelhaft. © über Ebbe Kögel
2/2
_1
Zwei, die sich darum kümmern, dass der Pfeffer von Stetten nicht vergessen wird: Wengerter Moritz Haidle (links) und Lokalforscher Ebbe Kögel.

Kernen. Vor 250 Jahren wurde der Pfeffer von Stetten geboren: Schmerz im Hintern der Autoritäten, Stachel im Fleisch der Hochwohlgeborenen, Musikus und Lottermaul, ein schwäbischer Till Eulenspiegel.

Da liegt er auf dem Totenbett, der Pfeffer von Stetten – „dr Teufel holt da Schendersknoch / jetzt pfeift r uf am letzta Loch“ – und sagt: „Hol da Pfarrer rom, / sag ao em Schultheiß, dass r komm“; er, Pfeffer, wolle Frieden schließen. Sollte der alte Widerborst im Sterbestündlein doch tatsächlich noch Vernunft fassen und einsehen, dass nichts heiliger ist als die Obrigkeit und Untertanengeist die frömmste Tugend? Wird er Abbitte leisten bei den hohen Herren?

David Pfeffer wurde am 11. Januar 1769 hineingeboren in eine bitterarme Stettener Familie als jüngstes von 14 Kindern; sieben starben früh. „Wie die Säu“ sollen sie gelebt haben: von dem, was Wohlbestalltere den Schweinen in den Trog schütteten – missratene Kartoffelstumpen, saure Milch. So erbärmlich hausten die Pfeffers, dass die Ortsgewalt den Kindern erlaubte, samstags bettelnd durch die Dorfstraßen zu ziehen.

„Der kleinste Fluss ist der Überfluss“

Einmal kam der Schulinspektor – oder war’s der Herzog persönlich? Die Überlieferungen gehen da auseinander – ins Klassenzimmer und fragte den Wissensstand ab: Was ist der größte Fluss in Württemberg? Der Neckar, echoten brav die Kinder. Und der kleinste Fluss? Schweigen. Bis der elendsmagere, in Fetzen gehüllte Pfeffer-Bub dem sauber rausgefressenen, eitel bewamsten Gast ins Gesicht hinein sagte: „Der kleinste Fluss ist der Überfluss.“

Der junge Pfeffer musste als Soldat dienen – an der Front, als die feindlichen Franzosen wild zu ballern anhuben, habe er ihnen zugerufen: Hört auf mit der „domma Schießerei“, da könnt’ ja sonst „s gröschte Oglück bassiera!“ Danach soll er desertiert sein, durchgebrannt mit einer Marketenderin: Was kümmern einen armen Wicht die Kriege der Reichen?

„Bescheißen“ im Gemeinderat

Er verdiente sein Geld als Wengerter, nebenbei war er ein Spielmann: geigte bei Hochzeit, Kirchweih, Jahrmarkt. Mit erotisch derben Liedern „auf öffentlicher Gass“, heißt es in alten Berichten, habe er „Anlass zu Ärgernis“ gegeben und so schamlos gefiedelt und gesungen, dass „das Vergnügen bey dergleichen Belustigungen ins Unanständige und Unsittliche“ kippte.

Er war reich begabt mit Trotz und Witz. Zu spüren bekamen das die Wichtigen und Mächtigen, Gernegroßen und Aufgeblasenen. Zu zwei Gemeinderäten sagte er: Der Lammwirt sei gescheiter als sie! Der sei aus dem Rat ausgeschieden, weil er das „Bescheißen“ der Oberen nicht mehr mit ansehen konnte.

Ein widerborstiges Dorf: Pfeffer und seine Wahlverwandten

War’s ein Zufall, dass solch ein knorriger Stamm ausgerechnet aus dem Stettener Boden wuchs? Du hast die Frage noch gar nicht zu Ende formuliert, da sagt, nein, schreit der Stettener Heimatforscher Ebbe Kögel schon, schnell wie ein Hundertmeterläufer, der bei „auf die Plätze“ aus dem Startblock zuckt: „Noi!“ Stetten „war über Jahrhunderte ein reichsritterschaftliches Dorf“: Es unterstand nicht den württembergischen Herren. Diese Tradition der Eigenständigkeit „hat den Volkscharakter geprägt“ und eine lange Reihe von Selberdenkern hervorgebracht, die „was Eigenes machen und nicht mit dem großen Strom schwimmen“: Wengerter, die sich in der Nazizeit der Zwangseingliederung in die Remstalkellerei widersetzten; Hermann Medinger, der anno 1933 ein Rundfunkkabel durchschlug und so verhinderte, dass eine Stuttgarter Rede Hitlers übertragen werden konnte; die Juze- und Friedensbewegung, die hier im Flecken früh gedieh und stärker wuchs als andernorts.

David Pfeffer ist ihr geistiger Urgroßvater. Und auch Moritz Haidle gehört in die Reihe der Wahlverwandten: ein gepiercter Wengerter, der nebenher Freestyle-Rap macht. Ja, bestätigt er, die Leute hier haben einen „eigenen Stolz“. Früher hätten die Fellbacher, wenn einer nach einem Streit besonders ungebeugt von dannen schritt, gesagt: Der geht ab wie ein Stettener.

Pfeffer-Wein

Bis heute hat das Weingut Haidle einen Riesling Kabinett namens „Pfeffer“ im Angebot. „Den hat schon mein Opa gemacht“, sagt Moritz Haidle. Manchmal bei Verkostungen trinken historisch Ahnungslose einen Schluck, schauen aufs Etikett und kommentieren wisserisch: „Man schmeckt eine Pfeffernote raus.“ Haidle muss ihnen dann leider erklären: Nee, mit dem Gewürz hat der Name nichts zu tun.

Pfeffer war weithin berühmt zu seiner Zeit und weit über sie hinaus: Geschichten rankten sich um ihn, wurden weitererzählt von Generation zu Generation, bis der Heimatdichter August Lämmle sie Anfang des 20. Jahrhunderts archivierte in Anekdoten und Gedichten. Was ist authentisch? Was ausgeschmückt? Was frei erfunden? Wir wissen es nicht – egal! Denn Pfeffer ist mehr als eine historische Gestalt: eine Symbolfigur für Eigensinn und Würde der kleinen Leute; die mythische Verkörperung des Stettener Weltgeistes.

„Jetzt goht mrs wia am Heiland no“

73 Jahre alt wurde der schwäbische Eulenspiegel, am Ende war er ein recht wohlhabender Mann. Der Weinbau, die Musik: Es blieb was hängen. Auch mit Immobilien soll er schlau spekuliert haben.

Und da liegt er nun. Pfaffe und Schultes setzen sich rechts und links neben den Sterbenden: Kommt mit dem Todeshauch endlich die Demut, Unterwerfung? „Wenns jetzet goht en d Ewichkeit, / no kann i net verderba“, wispert der Sieche – und dies sind seine letzten Worte: „Jetzt goht mrs wia am Heiland no, / der hot ao müassa zwischa so / zwei Übeltäter sterba.“

Schade

Ein Schelmenstück in Auftrag geben beim Theater Lindenhof über den Pfeffer von Stetten – die Idee hegte schon vor fünf Jahren Eberhard Kögel: Wäre das nicht ein Glanzlicht für die Interkommunale Gartenschau 2019? Es ist nichts draus geworden, das Rathaus habe abgewunken, zu teuer. Aus Sicht des „Heimatforschers eine Tragödie“, trauert Kögel heute noch. Auch der Wengerter Moritz Haidle klingt etwas wehmütig: Ein Pfeffer-Stück hätte für Stetten ein „Alleinstellungsmerkmal“ sein können im schwer überschaubaren Gartenschautrubel. Kögel und Haidle sind sich einig: „Wenn du einen wie den Pfeffer von Stetten erfinden wolltest, müsstest du einer Werbe-Agentur einen Haufen Geld zahlen.“