Waiblingen

Plötzlich ein Kinderstar bei Mary Poppins

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Eva Kämpfer spielt mit Bert auf der Bühne. Auf unserem Foto hält sie ihn als Puppe in der Hand. © Büttner/ZVW

Waiblingen. Seit kurzem geht sie in die siebte Klasse, lernt Englisch, Mathe und Bio wie alle anderen in ihrer Klasse. Doch immer wieder abends verwandelt sich die elfjährige Eva Kämpfer in einen Kinderstar: Auf der Bühne des Stuttgarter Musicals singt und tanzt und spielt sie in Mary Poppins die Rolle der Jane Banks. Des verwöhnten und zornigen Mädchens, das zusammen mit ihrem Bruder ein Kindermädchen nach dem anderen verschleißt - bis die zauberhafte Mary Poppins in ihr Leben schneit.

Video: Eva Kämpfer aus Waiblingen spielt Kinderrolle in dem Musical Mary Poppins.

Es ist ein Musical voll Schwung, eingängiger Melodien, Liedern und Darstellern, die ganz offensichtlich einen Riesenspaß an ihren Rollen haben. Ein Musical aber auch, das zweieinhalb Stunden dauert und seinen Darstellern enorm viel an Textsicherheit, Musikalität und Beweglichkeit abverlangt. Mittendrin, zwischen lauter erwachsenen Profis: Eva Kämpfer. Dass ausgerechnet sie nach etlichen Castingrunden eine der begehrten Hauptrollen als Jane Banks ergattert hat, hat selbst ihre Mutter erstaunt: „Ich dachte, da sind nur Kinder mit Tanz- und Gesangsunterricht“, sagt Sonja Kämpfer. „Aber das war keine Voraussetzung und auch nicht wichtig.“

Schwierig: Eine wütende Szene spielen

Um es gleich zu sagen: Singen können sollte Eva schon. Auch ihr Gefühl für Bewegung und ihre Sprechstimme wurden beim Casting geprüft, das von Mai bis Weihnachten 2016 dauerte. Doch die eigentliche Ausbildung folgte im Theater selbst. „Am Ende der ersten Runde sollten wir eine wütende Szene spielen“, erinnert sich Eva ans Casting. Gar nicht einfach für lauter freundliche kleine Mädchen - wichtige Voraussetzung aber, um die anfangs so biestige Jane Banks spielen zu können. Nach den ersten Durchgängern blieben 40, dann noch 20 Bewerber im Rennen. Am Ende wurden acht Kinder genommen, vier Jungs und vier Mädchen. Unter ihnen eine glückliche Eva.

Bei Tarzan hat sie die Lust am Musical entdeckt

„Leute zu unterhalten, hat mir schon im Urlaub bei Theateraufführungen immer total Spaß gemacht“, erzählt die Elfjährige. Dann kam das Musical Tarzan, das sie zusammen mit Eltern und Schwester sah – und im Kopf keimte der kleine Gedanke, da vielleicht auch selber mitzumachen. Ihre Eltern habe sie nicht groß überzeugen müssen, die seien von Anfang an dahinter gestanden, erzählt Eva. Und das war gut so, denn ohne die Unterstützung der Mutter, die die Tochter zu den Proben fuhr, wäre es nicht gegangen: Dreimal die Woche wurde bis zu den Osterferien trainiert, in den Osterferien waren sie dann täglich am Theater. Dazu kamen im Mai Bühnenproben und Gesangsunterricht.

Auswendiglernen ohne Hilfe

Auch wenn die Eltern ihre Kinder zum Theater brachten: Von den Details haben sie wenig mitbekommen: „Ich habe viele Stunden in der Kantine verbracht“, erzählt Sonja Kämpfer lachend. Das Musical sah sie im November zum ersten Mal – und war geplättet: „Da haben wir erst gesehen, dass Eva eine Hauptrolle hat. Sie hat uns sehr überrascht.“ Doch nicht nur über die Theaterproben hat Eva wenig Worte gemacht. Auch das Auswendiglernen der Texte und Lieder schaffte sie ohne Hilfe. Die langen Texte lernte sie abschnittsweise allein, und die Lieder zur CD sang sie privat nur im Kopf mit. Auch in der Klasse mal was vorzusingen, wie ihre Lehrerin am Albertus-Magnus-Gymnasium in Cannstatt vorschlug, fand sie ultrapeinlich: „Auf der Bühne stehen und singen ist okay, da singen alle. Aber wenn Leute erwartungsvoll vor mir sitzen, die ich gut kenne, ist das eine andere Sache.“

Kein Blackout oder Durchhänger

16 Mal hat sie bisher die Jane gespielt. Und auch wenn sie immer noch ein bisschen aufgeregt ist, dabei ein wenig Routine entwickelt. „Bei meiner ersten Show bin ich vor Aufregung aber fast gestorben“, erinnert sie sich. Einen schlimmen Durchhänger oder gar ein Blackout hat sie aber noch nie erlebt. Nur einen Satz hat sie mal vergessen, den dann ihr Kinderpartner übernahm. Das ist normal. „Man muss immer wach sein auf der Bühne“, weiß sie. „Und notfalls auch mal einen Satz ergänzen oder einfach weitermachen.“ Fehler locker zu überspielen, auch das ist etwas, was sie gelernt hat: „Ein Fehler ist im Theater nur dann ein schlimmer Fehler, wenn es das Publikum bemerkt.“ Der Aufwand für die Show ist enorm, dass sie auch Geld dafür bekommt, kam für Eva aber eher unerwartet. Das findet sie durchaus cool. Ein Handy vom eigenen Geld kaufen zu können, sei schon ein gutes Gefühl. Das Wichtigste ist das Geld aber nicht für sie. Und was ist es, das Größte und Allerbeste am Musicalspielen? „Das Tollste ist das Gefühl, wenn man am Ende auf der Bühne steht und sich verbeugt“, erklärt Eva und ihre Augen blitzen. „Alle gucken begeistert, die Musik spielt. Das ist die größte Belohnung für die anstrengende Show. Dann strahlst du von selber.“

Musical "nur" als Hobby

Noch bis zur Weihnachtszeit wird Eva spielen. Und was dann kommt, auf sich zukommen lassen. Am Stuttgarter Musical wird es wohl erst mal keine Kinderrollen für sie geben. Vorstellen kann sie sich aber, sich bei einer Film- oder Theateragentur anzumelden. Die Unterstützung ihrer Mutter hätte sie – solange es ein Hobby bleibt, wie Sonja Kämpfer betont. Kein Problem für Eva, die das Musicalspielen cool findet, später aber Journalistin werden möchte. Im Moment aber wechselt sie voll Freude zwischen ihren beiden Welten, der Schule und dem Theater. „Wenn ich ins Theater komme, ist es so, als hätte ich gerade erst gespielt. Ich kippe in die Theaterrolle und bin da.“

Bis Januar 2018

Premiere von Mary Poppins auf der Stuttgarter Apollo-Bühne war im Oktober 2016. Ihren ersten Auftritt hatte Eva Kämpfer im Juni 2017. Da die Kinderdarsteller nur eine begrenzte Zeit im Jahr eingesetzt werden können, gehört sie schon zur zweiten Generation. Laut Jugendarbeitsschutzgesetz dürfen sie 30 Shows im Jahr spielen.

Außer den festen Terminen, an denen die Darsteller für eine Show eingeteilt sind, gibt es klare Stand-by-Zeiten, an denen sie zur Verfügung stehen müssen, falls jemand ausfällt.

Mary Poppins wird in Stuttgart noch bis Januar 2018 gespielt. Das international ausgezeichnete Musical um die Familie Banks und ihr zauberhaftes Kindermädchen mit dem Regenschirm basiert auf der Romanvorlage von P. L. Travers und dem Disneyfilm, der mit fünf Oskars ausgezeichnet wurde.

Mehr als fünf Millionen Menschen weltweit haben das Musical bereits gesehen.