Waiblingen

Proteste gegen Rassismus und eine umstrittene Statue: Wie ist die Lage in der Waiblinger Partnerstadt Virginia Beach?

Protesters rally against racial inequality in Richmond, Virginia
Bei einem Protest gegen Rassismus in Virginias Hauptstadt Richmond schwenkt ein Mann die afrikanisch-amerikanische Flagge. Im Hintergrund ist die beschmierte Statue von Robert Edward Lee, General des Südstaaten-Heeres im 19. Jahrhundert, zu sehen. © REUTERS/Jay Paul

Seit dem Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota Ende Mai gibt es in den USA und anderen Ländern vermehrt Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. Dabei kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, Zerstörungen und Plünderungen. In Stuttgart haben sich jüngst ebenfalls Menschen versammelt, um friedlich gegen Rassismus zu demonstrieren. Proteste gab es auch in Virginia Beach, der Partnerstadt von Waiblingen im Bundesstaat Virginia, wo rund ein Fünftel der Bevölkerung schwarz ist. Dort kam es am Rande von Demonstrationen zu Ausschreitungen. An sich verliefen die Proteste aber überwiegend friedlich. James Wood, Vize-Bürgermeister der Stadt, berichtet unserer Zeitung von der aktuellen Situation in der größten Stadt Virginias mit rund 460 000 Einwohnern – mehr als die Hälfte davon weiß.

Drei Demonstrationen in Virginia Beach - eine eskalierte

„Wir hatten wirklich nicht viele ethnische Spannungen hier“, sagt James Wood. „Allgemein haben wir ziemlich gute Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen.“ Proteste der „Black Lives Matter“-Bewegung (Schwarze Leben zählen) haben aber auch in Virginia Beach stattgefunden. „Es gab drei Proteste“, berichtet James Wood. Einer der ersten Proteste in den Tagen nach George Floyds Tod sei eskaliert. Die Demonstration startete friedlich, sei aber nicht besonders gut organisiert gewesen, berichtet der 57-jährige Vize-Bürgermeister. Eine Gruppe sonderte sich ab und zerstörte Scheiben von Geschäften und plünderte Läden. So steht es in mehreren Medienberichten. Auch die Scheiben von Polizeiautos seien eingeschlagen worden, sagt James Wood. Die Polizei nahm mehr als 20 Personen fest. Die nachfolgenden Demonstrationen verliefen friedlich und zogen teils mehr als 1000 Demonstrierende an.

Schüler nimmt den Tod von George Floyd persönlich und organisiert seine eigene Demo

Am vergangenen Samstag hat ein 17-jähriger Afroamerikaner eine Demonstration in Virginia Beach organisiert. Im Interview mit einer lokalen Nachrichtenplattform sagt der Schüler: „Als Trayvon Martin 2012 umgebracht wurde, hat mir das zu schaffen gemacht. Ich habe meine Brüder gesehen. Ich habe mich in Trayvon Martin gesehen.“ Martin, ein 17-jähriger Schüler aus Sanford in Florida, war damals von einem lateinamerikanischen Wachmann erschossen worden. Als Begründung gab dieser Notwehr an. Der Todesfall löste eine Rassismusdiskussion in den USA und anderen Ländern aus – wie in diesem Jahr der Tod von George Floyd. Den erneuten Fall von Polizeigewalt hat der 17-Jährige aus Virginia Beach persönlich genommen.

Denkmäler werden beschmiert, beschädigt oder gestürzt

Eine zusätzliche Form von Protest zeigt sich momentan darin, dass Denkmäler beschmiert, beschädigt oder gestürzt werden. In Richmond, der Hauptstadt von Virginia, holten Protestierende eine Statue von Christoph Kolumbus vom Sockel, der als Entdecker von Amerika gefeiert wird. Bürgerrechtler kritisieren Kolumbus aber für sein gewalttätiges Verhalten gegenüber der nativen Bevölkerung. Vergangene Woche ist ein Mann in Portsmouth, einer Hafenstadt im Bundesstaat New Hampshire schwer verletzt worden, als Protestierende ein Konföderierten-Denkmal abrissen.

Die Monumente werden aktuell wieder international kritisiert, weil sie Anführer der Konföderierten Staaten ehren, die Sklaverei immer verteidigt haben. In Virginia Beach gibt es so ein Denkmal auch. Bereits seit Jahren werde über den Umgang damit diskutiert, berichtet James Wood. Seit 1905 steht es vor dem ehemaligen Gericht, das heute als Bürogebäude für Stadtmitarbeiter genutzt wird. Der Ort ist nicht besonders belebt, kaum jemand sehe die Statue deshalb, sagt James Wood. „Oberbürgermeister Andreas Hesky war bereits mehrmals in Virginia Beach und diese Statue hat er wahrscheinlich nicht gesehen.“


In der Diskussion stand die Verschiebung der Statue. „Das ist interessant, denn dann würden wahrscheinlich mehr Leute diese Statue sehen“, so Wood. 2017 schlug der damalige Bürgermeister Will Sessoms vor, der Statue ein zweites Denkmal entgegenzusetzen. Es sollte den Sklavenhandel visualisieren, um das Konföderierten-Denkmal in einen Kontext zu setzen. In diesem Jahr war geplant, die Idee anzugehen. Geld im Haushalt war bereits dafür eingeplant, so Wood. Und dann kam Corona. Der Haushalt wurde gekürzt, alles, was nicht als dringend erschien, wurde aufgeschoben – auch die Veränderung des Denkmals. Die aktuellen Ereignisse haben die Diskussion aber wieder angestoßen. Anfang Juli soll es eine öffentliche Anhörung geben.

Bundesstaat feiert am 19. Juni nun offiziell das Ende der Sklaverei

Ein Zeichen gegen Rassismus hat am Mittwoch der Gouverneur von Virgina, Ralph Northam, gesetzt. Der Demokrat ernannte den 19. Juni zum staatlichen Feiertag. Der sogenannte „Juneteenth“ ist der älteste Gedenktag zur Erinnerung an die Sklavenbefreiung in den USA. Am 19. Juni 1865 erfuhren die letzten versklavten Menschen in Texas davon, dass der Bürgerkrieg zu Ende gegangen war und sie durch eine Erklärung von Abraham Lincoln frei waren – und das bereits seit eineinhalb Jahren. Denn die sogenannte Emanzipationsproklamation war bereits am 1. Januar 1863 in Kraft getreten.

Für viele bedeutet die Entscheidung des Gouverneurs vielleicht nur einen freien, bezahlten Tag an diesem Freitag. Andere sehen darin ein wichtiges Symbol: Der afroamerikanische Sänger Pharell Williams kommt aus Virginia und kündigte gemeinsam mit dem Gouverneur den Feiertag an. Er sagte, ein bezahlter Feiertag sei zwar nur der Anfang, aber: „Endlich begreifen wir, dass schwarze Leben tatsächlich zählen.“

Seit dem Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd bei einem brutalen Polizeieinsatz in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota Ende Mai gibt es in den USA und anderen Ländern vermehrt Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt. Dabei kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen, Zerstörungen und Plünderungen. In Stuttgart haben sich jüngst ebenfalls Menschen versammelt, um friedlich gegen Rassismus zu demonstrieren. Proteste gab es auch in Virginia Beach, der Partnerstadt von Waiblingen im

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