Waiblingen

Psychisch kranke Straftäter

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Inwieweit ist der Täter selbst Opfer? © Archivbild: Pavlovic

Waiblingen/Stuttgart. Die sind komplett durchgeknallt, also wegsperren: Psychisch kranke Straftäter wecken Ängste, weshalb Bürger vor ihnen beschützt werden wollen. Das ist die eine Seite. Die andere Seite hat mit Grundrechten zu tun und mit Definition von Krankheit. Besucher einer Tagung in Stuttgart setzten sich mit äußerst kniffligen Fragen auseinander.

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen angezeigt ist: Der 22-Jährige, der eingeräumt hat, den Brand am Bürgerzentrum Waiblingen gelegt zu haben, ist Ende März in ein Justizvollzugskrankenhaus eingeliefert worden.

Eine 46-jährige Frau hat ihren Mann Ende Oktober in Berglen-Lehnenberg mit Salzsäure schwer verletzt. Ein Haftrichter ordnete an, die Frau sei in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Ebenfalls Ende Oktober war ein Großaufgebot an Spezialkräften in Weissach im Tal im Einsatz, nachdem ein 45-Jähriger mit einer Luftdruckpistole um sich geschossen hatte. Er wurde in eine Psychiatrie eingeliefert.

Vor knapp einem Jahr ist ein polizeibekannter, offenkundig psychisch kranker Randalierer aus Schorndorf nach Körperverletzungen, Beleidigungen und zahllosen Ausrastern zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. In der Gerichtsverhandlung hatte sich Gutachter Olaf von Maltzahn, der viele Jahre Ärztlicher Direktor am Zentrum für Psychiatrie Winnenden war, gegen eine dauerhafte Unterbringung ausgesprochen. Das Gericht sprach eine Auflage aus, wonach der Mann niemals abweichen dürfe von der Erkenntnis, dass er krank sei und Medikamente brauche. Sonst drohe Unterbringung in einer geschlossenen Abteilung – lebenslang.

Zwang nur als „letztes Mittel"

Prof. Dr. Tanja Henking von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt beschreibt eine Unterbringung samt Zwangsbehandlung als eine der „tiefgreifendsten Eingriffe, die eine Person in einem Rechtsstaat erdulden muss.“ Laut Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes sei Zwang nur als „letztes Mittel“ erlaubt und bedürfe sehr guter Gründe. Einer Zwangsbehandlung müsse ein ernsthafter Überzeugungsversuch vorausgehen, um zu erreichen, dass ein Patient seinen Widerstand aufgibt und sich freiwillig einer Behandlung unterzieht.

„Wir müssen buchstäblich den Kopf hinhalten“

Praktiker konterten bei der Tagung, Angriffe gegen das Pflegepersonal häuften sich und es dauere zu lange, bis ein Richter eine Entscheidung pro Zwangsbehandlung getroffen habe. „Wir müssen buchstäblich den Kopf hinhalten“, beklagte ein Arzt und sprach von „tickenden Zeitbomben“. Bei schwerstkranken Menschen „hilft reden nicht mehr – aber wir müssen warten“.

„Drogenkonsum ist das größte Risiko"

„Der kleinste Teil unserer Patienten ist gewalttätig“, versicherte Dr. Ulrich Seidl, der als Leitender Oberarzt an der Klinik für Spezielle Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie Verantwortung trägt. Drogenkonsum bezeichnete der Mediziner als größtes Risiko, „dass ein psychisch kranker Mensch gewalttätig wird“. Seiner Erfahrung nach haben viele Straftäter ein Suchtproblem.

„Therapie muss schnell beginnen"

Menschen, die an einer schizophrenen Psychose erkrankt sind, können durchaus andere in Gefahr bringen – und sich selbst. Die Psychose führt zu wahnhaften Vorstellungen, der Betroffene fühlt sich eventuell verfolgt oder glaubt, die Ärzte in der Klinik wollten ihn vergiften. Der Zustand verschlimmert sich oft zunächst nach Einweisung in eine Klinik, so Seidl. Eine Therapie mit Medikamenten müsse schnell beginnen, mahnt der Arzt. Zum Krankheitsbild gehört aber, dass Betroffene sich selbst nicht als krank betrachten.

„Menschen mit Depressionen neigen nicht zu Gewalttätigkeit – ganz im Gegenteil“, betonte Dr. Seidl mit Blick auf Medienberichte, die einen Zusammenhang herstellen zwischen Depressionen und dem Amoklauf in München oder dem Absturz der German-Wings-Maschine.

Psychisch gesunde Reichsbürger

Ob ein offensichtlich auffälliger Mensch nun krank ist oder nicht – daran scheiden sich die Geister, und die Beurteilungen ändern sich immer mal wieder. Facharzt und Gutachter Dr. Bernd Langer warnte bei der Tagung davor, Menschen vorschnell in die Krank-Schublade zu stecken. „Reichsbürger“ beispielsweise behaupten zwar, sie müssten keine Steuern, Sozialabgaben und Bußgelder zahlen, weil die Bundesrepublik gar nicht existiere – aber ist das krank? Oder nur eine von der Norm weit abweichende, skurrile Meinung? „Nur ein wahrscheinlich kleiner Teil der Reichsbürger weist manifest psychische Störungen auf“, so der Facharzt. Es gibt Menschen, die glauben, Todesurteile ausstellen zu dürfen, oder die sich als König von Deutschland betrachten. In solchen Fällen geht es aus Langers Sicht darum, „die Lufthoheit zu klären“: „Die Repräsentanten des Rechtsstaats müssen die Oberhand behalten.“


Waiblingen/Stuttgart.
Lars Groven stapft in dieser „Ich-bin-hier-der-Coolste-und-du-hältst-jetzt-die-Fresse“-Haltung über die Bühne. Gelächter. Sodann lächelt der Anti-Aggressivitäts-Trainer aus Winnenden und senkt den Kopf in der Hoffnung, den Angreifer gnädig zu stimmen. Wird eher nicht klappen.

Video: Lars Groven, Anti-Aggressivitäts- und Coolness-Trainer, erklärt wie man sich richtig verhält.

Was Körpersprache ausmacht – unglaublich. Grovens Part bei der Tagung dreht sich um Deeskalation und Zivilcourage im öffentlichen Raum. Das Thema hat eine Menge mit Körpersprache zu tun. Und mit schneller, zur Situation passender Reaktion.

Vorbereitet sein und Zivilcourage beweisen

Groven erzählt eine Geschichte: Eine Frau geht nachts zu Fuß zum Parkplatz. Ein Mann folgt ihr. Er rückt näher. Fixiert sie. Nestelt ein Messer aus der Tasche. „Geld her, aber schnell.“ Die Frau geht einen Schritt zurück und gibt ihm zu verstehen: In Ordnung, du bist der Chef. Ich hab’ keine Chance. Die Frau kramt einen Fünf-Euro-Schein aus der Hosentasche, den sie dort für solche Fälle immer stecken hat, lässt den Schein zu Boden fallen – und rennt weg. In ihrer Handtasche hätte sie noch viel mehr Scheine parat gehabt.

Das war riskant, die Frau war allein. Nur: Nicht allein sein heißt nicht, andere helfen. Aus Angst, aus Scheu, aus der Hoffnung heraus, es werde sich schon jemand anders erbarmen – passiert nichts. „Es ist wichtig, dass wir was tun“, daran lässt Lars Groven keinen Zweifel. Wieder eine Geschichte: An einem Bahnhof geht ein aggressiver Typ einen Passanten an. Handy her, aber schnell, sonst knallt’s. Das sehen zig Leute, aber sie stehen alle gegenüber, zwischen ihnen und dem Dieb die Schienen. Grovens kreative Lösung: das Handy zücken und alle anderen animieren, dasselbe zu tun. Laut rufen: „Wir filmen das jetzt!“

Das "Stopp-Schock-Signal"

Laut muss manchmal sein – kommt drauf an. „Manche Täter brauchen ein Stopp-Schock-Signal“, beschreibt es der Sozialarbeiter und Coolness-Trainer – doch Vorsicht. Es ist in einer aufgeladenen, gefährlichen Situation nicht anzuraten, einen Aggressor herabzusetzen, ihn auf der „Statuswippe“, wie Groven es nennt, nach unten drücken zu wollen. Gewalt dient bestimmten Persönlichkeiten als Mittel, „vom Tiefstatus in den Hochstatus zu kommen“.

Schwarzer Humor kann in brenzligen Situationen helfen – oder schlichte Präsenz. Groven beschreibt Szenen, die vermutlich jeder schon mal erlebt hat: Ein Paar streitet lautstark auf offener Straße. Es sieht so aus, als ob sie gleich eine fängt. Groven würde sich einfach mit etwas Abstand hinstellen und auffällig schauen.

Keine Wurfgeschosse auf dem Schreibtisch

Zum Schauen rät auch Kriminalhauptkommissarin Ute Jentzsch vom Stuttgarter Referat Prävention – allerdings in ganz anderem Zusammenhang. Personen, die in ihrem Büro potenziell schwierige Personen empfangen, rät sie zum Check im Vorfeld: Eignen sich Gegenstände auf dem Schreibtisch als Wurfgeschosse oder Waffen, etwa Tacker, Obstmesser oder Kaffeekannen? Dann weg damit. Besteht ein Fluchtweg für den Fall, dass jemand ausrastet? Wär’ besser.

Ute Jentzsch denkt beispielsweise an Beschäftigte in Job-Centern. Dort geraten immer mal Klienten in Wut. Die Polizistin wirbt um Verständnis und um vorausschauendes Handeln: Wer über Wohl und Wehe eines anderen entscheidet, sollte Gefühle von Ohnmacht beim Gegenüber einkalkulieren. Vielleicht hat sich derjenige im Vorfeld schon aufregen müssen, weil er sich im Gebäude mangels eindeutiger Hinweise nicht zurechtgefunden hat. Vielleicht hat er jemanden nach dem Weg gefragt, und derjenige hat unfreundlich gepampt. Vielleicht hat er ganz allgemein das Gefühl, eh bloß eine Nummer zu sein. So kommt eins zum anderen.

Im Zweifel zu zweit

Kollegen sollten sich auf Termine mit schwierigen Personen gut vorbereiten, vorher Infos untereinander austauschen, im Zweifel zu zweit ins Gespräch gehen. Info-Points in Ämtern und Sicherheitspersonal am Eingang würde sich Ute Jentzsch wünschen. Und Wertschätzung für die Klienten, für Menschen, die warum auch immer unter Druck stehen: „Es ist kein Fall wie jeder andere. Jeder hat seine eigene Historie, seine eigene Problematik.“

Körperkontakt vermeiden

Trotz allem kann eine Situation eskalieren. Ute Jentzsch berichtet von einem Vorkommnis in einem Job-Center; ein älterer Herr wollte nach einem negativen Bescheid partout das Zimmer nicht verlassen. Zwei Mitarbeiterinnen versuchten, den Mann sanft zur Tür hinauszudrängen. Eine der beiden erlitt einen Nasenbeinbruch.

„Vermeiden Sie Körperkontakt“, dazu rät die Polizistin dringend – aber: „Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es wie überall im Leben nicht.“

Angemessen?

„Nur auffällig oder krank? Nur lästig oder gefährlich? – Zur Schwierigkeit eines angemessenen Umgangs von Gesellschaft, Strafjustiz und sozialer Arbeit mit psychisch auffälligen Personen“: Das war der Titel einer Tagung, welche die Bewährungshilfe Stuttgart / Prävent sozial gemeinnützige GmbH in der Landeshauptstadt veranstaltet hat.

„Eine psychische Erkrankung geht nicht zwingend mit Gefährlichkeit einher“, betont Christoph Haiß, Vizepräsident des Landgerichts Stuttgart, in einem Grußwort zur Tagung. Aber psychische Störungen können in gewalttätigem Verhalten münden, das steht außer Frage.