Waiblingen

Rathaus-Büros für die Marktgasse: Gut oder schlecht für die Innenstadt?

Marktgasse
Die Einkaufspassage Marktgasse. © ALEXANDRA PALMIZI

Stück um Stück schreitet in der Waiblinger Innenstadt das Ladensterben fort – mit Corona haben die Ursachen meistens wenig zu tun. So oder so: Die Ladenschließungen bereiten vielen Bürgern und Konsumenten Sorge. Gleichzeitig herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, denn das Ei des Kolumbus, mit dem das Sterben gestoppt werden könnte, hat bislang noch keiner entdeckt – auch nicht die Stadt. Schadet sie dem Einzelhandel, wenn sie leere Flächen anmietet, oder sorgt sie damit für Belebung? Aktuell plant sie, in der Marktgasse Geschäftsräume in Büros umzuwandeln. Woran sich im Ratsausschuss eine Diskussion entzündete, die zeigte, wie sensibel manche inzwischen auf das Thema Innenstadt reagieren.

Auslöser ist die räumliche Enge im Marktdreieck, sie beschäftigt die Verwaltung schon seit geraumer Zeit. Die Zahl der Mitarbeiter im Fachbereich Stadtplanung und Verkehr ist gestiegen, eine Vergrößerung des Marktdreiecks jedoch lässt sich nicht realisieren. Innenstadtnah und barrierefrei sollen die Räume sein – so fiel die Wahl auf Flächen im ersten Obergeschoss in der Marktgasse 5. Ursprünglich wurden sie von der Volksbank genutzt, zuletzt von einem Mineraliengeschäft und einer Physiotherapie-Praxis. Insgesamt rund 185 Quadratmeter sollen vom Rathaus auf zehn Jahre gemietet und für den neuen Zweck umgebaut werden. 270 000 Euro soll der Umbau kosten.

Aufbauten aufs Rathaus oder aufs Karo-Familienzentrum?

Wer gedacht hatte, die Vorlage würde den Ratsausschuss ungestreift passieren, hatte sich getäuscht. Angesichts des zu befürchtenden Aussterbens der Innenstadt sei es nicht der richtige Weg für ihre zukünftige Entwicklung, wenn in der Einkaufspassage ein „kleines Rathaus“ eingerichtet würde, sagte Alfonso Fazio von der Agtif-Fraktion. Michael Stumpp (CDU) regte an, zu prüfen, ob die Stadt nicht besser selbst Flächen schaffen sollte, als vielerorts anzumieten. Bernd Mergenthaler, FDP-Stadtrat und Immobilienmakler, merkte an, die Höhe der Umbaukosten auf der Mieterseite sei seiner Fraktion „aufgestoßen“.

Es sei nicht so, dass die Verwaltung dem Einzelhandel Flächen entziehe, erklärte dagegen Baubürgermeister Dieter Schienmann. Vielmehr hätten Vermieter Mühe, für ihre Räume dauerhaft verlässliche Mieter zu finden. Die Räume im ersten Obergeschoss befänden sich nicht in bester Verkaufslage. Die Stadt würde an der Stelle gezielt eine Nutzung unterbringen, die für Publikumsfrequenz sorgt. Das hätten die bisherigen Nutzungen nur in begrenztem Umfang geleistet.

Fraktionen könnten auf ihre Räume verzichten

Und würde die Stadt selbst bauen, käme das auch nicht unbedingt günstiger. In der Vergangenheit, erinnerte er, gab es Pläne für ein „Tiroler Hütle“ – einen einstöckigen Aufbau mit Satteldach auf dem Rathaus. Wie Hochbauchef Michael Gunser ausführte, wurden vor Jahren schon Überlegungen für einen Ausbau des Karo-Familienzentrums angestellt, der mit rund 3,4 Millionen Euro zu Buche schlagen würde. Die Option, eine Rathaus-Außenstelle in einem Gewerbegebiet zu errichten, sieht der Baubürgermeister kritisch. Die Strategie, sich rund um Rathaus und den Marktplatz einzuquartieren, sei die richtige. Und trage dazu bei, die Fachwerk-Altstadt zu erhalten, wie Michael Stumpp bekräftigte.

Mit einem umfassenden Immobilienkonzept müssten bis zum Bezug bald zehn Jahre ins Land gehen, vermutet Schienmann. Tatsächlich ist der Einzug schon für Mai 2021 vorgesehen. So bleibt es bei der geplanten Sanierung und Anmietung in der Marktgasse. Mehrheitlich wurde das bei zwei Nein-Stimmen und zwei Enthaltungen beschlossen. Für eine Anregung konnte Fazio, der außerdem einen Fachwerkbau auf dem Ratssaal vorschlug, die Ratskollegen letztlich doch gewinnen: Sollte wieder Erweiterungsbedarf im Rathaus bestehen, würden die Räte auf das wenig genutzte Fraktionszimmer im „Kleinen Kasten“ verzichten. „Wir sind gerne bereit, unsere Fraktionssitzungen in die Ortschaften zu verlagern.“ Wofür CDU-Chef Peter Abele spontan mögliche Zustimmung andeutete: „Über den Kleinen Kasten können wir nachdenken.“ Aus seiner Verblüffung machte der Baubürgermeister kein Hehl: „Ihnen das vorzuschlagen, hätten wir uns nicht getraut.“

Wie stark die ausgelagerten Büros des Rathauses dann zur Belebung der Innenstadt beitragen, bleibt abzuwarten. Ein Frequenzbringer für die Marktgasse steht für die Zeit nach dem Lockdown in den Startlöchern: Wie berichtet, plant CBC-Chef Matthias Hönes in den Räumen des früheren „Iguana“ die Eröffnung einer „Joe Peña’s“-Filiale im März. Die Kette hat sich auf mexikanisches Essen, Cocktails und Steaks spezialisiert.

Stück um Stück schreitet in der Waiblinger Innenstadt das Ladensterben fort – mit Corona haben die Ursachen meistens wenig zu tun. So oder so: Die Ladenschließungen bereiten vielen Bürgern und Konsumenten Sorge. Gleichzeitig herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, denn das Ei des Kolumbus, mit dem das Sterben gestoppt werden könnte, hat bislang noch keiner entdeckt – auch nicht die Stadt. Schadet sie dem Einzelhandel, wenn sie leere Flächen anmietet, oder sorgt sie damit für Belebung? Aktuell

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