Waiblingen

Reise ins geschundene Kurdistan: Die alten und neuen Gräber von Çizre

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Ein ganzes Viertel in Schutt und Asche. Kinder suchen unter den Trümmern eines Hauses in Çizre nach Verwertbarem. © Milz / ZVW
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In diesem sechs Meter langen Sarkophag sollen die Gebeine des Noah aufgebahrt sein. © Milz / ZVW
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Aygül Aras im Depot des Rojava-Vereins, der nun direkt in Çizre Hilfsgüter einkaufen wird. © Milz / ZVW
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Çizres Ko-Bürgermeisterin Leyla Imret. © Milz / ZVW

Waiblingen/Çizre. Vergangenen Dezember eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen Kurden und der türkischen AKP-Regierung und führten zu einem blutigen Krieg gegen einige Städte. Aygül Aras vom Waiblinger Hilfsverein „Freunde helfen Freunden“ musste damals die Stadt Çizre fluchtartig verlassen. Auch der Versuch im Mai, mit einem Transport von Lebensmitteln der notleidenden Bevölkerung zu helfen, scheiterte an der Politik Erdogans. Ein Tagebuch.

Video: Der Kurden-Konflikt: Journalist Thomas Milz im Interview

Ausgelöscht - Dienstag, 3. Mai

Der Bus braucht vier Stunden von Diyarbakir nach Çizre. Mahmud vom Rojava-Hilfsverein begleitet uns. Aygül Aras hat bei dieser kurdischen NGO gestern für mehrere Tausend Euro Lebensmittel und Hilfsgüter eingekauft. Sie sollen den Flüchtlingen und anderen Bedürftigen in Çizre zugutekommen. Mit einem Kleinlaster sind die Sachen bereits unterwegs.

Ab Mardin nimmt der Bus eine Nebenstrecke. Die ausgebaute Schnellstraße entlang der syrischen Grenze ist inzwischen gesperrt. Unsicheres Kriegsgebiet. Unser Fahrer erweist sich derweil als großer Artist. Einmal gelingt es ihm, Zigarette im Mund, an beide Ohren je ein Handy gedrückt (!), Lenkrad zwischen den Knien, sicher auf der Mitte der Straße zu bleiben.

Pass-Kontrolle kurz vor Çizre. Schwerbewaffnete sperren die Straße. Der Bus rollt danach nur ein paar Meter weiter und hält erneut am Straßenrand. Der Fahrtbegleiter gibt uns drei ein Zeichen, auszusteigen. Wir sind scheinbar die Einzigen im Bus, die in diese Stadt wollen. Auf der anderen Straßenseite erwartet uns eine weitere, mit hohen Betonplatten geschützte Kontrollstation. Wieder die Pässe zeigen. Was wir hier wollen?

Gründliche Kontrolle unseres Gepäcks. Einer der Soldaten zieht die von einem Kollegen geliehene Profi-Kamera aus meiner Tasche. „Bist du Journalist?“ Keine gute Frage, bei der hiesigen Beliebtheit einer freien Presse. „Nein, ich begleite nur diese Dame und ihren Hilfstransport“, deute ich mit voll harmloser Geste auf Aygül. Wir erfahren nun, dass der Wagen schon am Morgen zurückgewiesen wurde. Begründung: Die türkische Regierung kümmere sich selbst und brauche keine Hilfe von außen. „Was helft ihr den Schweinen, denen geht’s gut“, sagt einer zu Aygül.

Mittlerweile sind zusätzlich zwei gepanzerte Fahrzeuge herangefahren, aus denen forsche Männer steigen, sehr locker in Zivil, bedrohlich durchtrainiert hinter schwarzen Sonnenbrillen. Völlig ohne Hoheitszeichen. Man bemerkt Hierarchie-Animositäten zwischen den unterschiedlichen Einheiten. Ich höre, wie Aygül diesen metallischen Klang in ihre Stimme gelegt hat und laut mit den Männern streitet.

„Nicht ich muss beweisen, dass ich in die Stadt kann, zeigen Sie mir ein Papier von der Regierung, dass ich es nicht darf!“ „Die Regierung, das sind hier wir“, wird ihr beschieden. „Kurdische Frauen aus Dersim lassen sich nichts gefallen“, wird Aygül nachher sagen und bedauert zutiefst, dass sie sich nicht einfach störrisch auf den Boden gesetzt hat, bis der Transport durchgelassen oder sie weggetragen worden wäre.

Inzwischen kümmern sich an die zehn „Sicherheitskräfte“ um uns. Es wird heftig von allen telefoniert. Auch ich rufe sicherheitshalber in der Waiblinger Redaktion an, sage, wo ich bin und dass ich festgehalten werde. Notfalls müssen die Zeitung und Merkel mich hier wieder raushauen!

Etwas abseits der Kontrahenten betrachte ich die Anhöhen rings um die 100 000-Einwohner-Kommune. Überall verbarrikadierte Militärstationen, von denen aus die Stadt überwacht und beschossen werden kann. „Wir können hier nicht mehr atmen“, sagt Ilknur, die als Lehrerin an einer Volksschule in Çizre arbeitet. Ein paar Hundert Meter weiter schlängelt sich durch die Felder ein drei Meter hoher Abwehrzaun gegen syrische Flüchtlinge. Die Grenze zu Syrien wie zum Irak ist hier nur 20 Kilometer entfernt. Gedanke, ob zum Bau dieser Mauer deutsch-europäische Gelder für Erdogans Flüchtlingsabwehr verwendet werden. Nur ein böser Witz?

Nach über zweieinhalb Stunden in sengender Sonne dürfen wir passieren. Es gab im Hintergrund wohl politische Interventionen. Der Rojava-Verein hatte HDP-Parlamentsabgeordnete über den Stopp des Transports informiert, was zu Protesten beim Innenminister in Ankara führte. Schlagzeile: Türkei hält Lebensmittel für kurdische Flüchtlinge und Vertreter eines deutschen Hilfsvereins aus Waiblingen zurück! Aber wen kümmert’s?

Wir werden von Freunden mit einem Auto in die Stadt gefahren. Ist nun wirklich so viel zerstört? Was stimmt, von den Meldungen? Ja, ein Gebäude am Stadteingang ist rußgeschwärzt und voller Einschlaglöcher. Doch sonst? So schlimm sieht’s nicht aus. Dann, ein Blick nach links. Eine Fläche, so groß wie etwa vier Fußballfelder. Ein Meer von Steinen.

Hier stand noch im Dezember das Viertel, in dem Jugendliche Barrikaden errichteten und Ernst machten mit dem Versprechen auf Selbstverwaltung. Heute steht kein Stein mehr auf dem anderen. Hier war es, wo 170 Menschen in Kellern verbrannt sein sollen. Alles untergepflügt. Nicht gedacht soll ihrer werden. Aygül weint. Ilknur meint, hier werde Erdogan, nachdem er die Kurden vertrieben hat, Hochhäuser für syrische Flüchtlinge hinstellen. Auch das mit deutschem Geld? Kurdische Paranoia?

Noch am 12. Dezember vergangenen Jahres haben wir uns dort mit Mehmet Tunç, dem Vorsitzenden der Volksversammlung von Çizre, getroffen. Es hatte etwas Verschwörerisches, war aber freundlich und eindringlich, wie er uns das Anliegen der Kurden erklärte. Nun ist er tot. Nachdem er Anfang Februar noch Notrufe an das Europäische Parlament aus dem Keller sandte. Vergeblich.

Abendspaziergang durch die Stadt. Anders als im Dezember ein lebendiges Gewimmel auf allen Straßen und Gassen, die endlos und provozierend von unzähligen gepanzerten Polizeiwagen durchfahren werden. Ein schöner Frühlingsabend. Wir schlendern durch den Volkspark. Der seit alters rauschende Tigris fließt dort entlang. Ein Bild des Friedens. Eigentlich. Ab acht Uhr abends beeilen sich die Menschen, heimzukommen. Belagerte Stadt.


Warten und Tee - Mittwoch, 4. Mai

Direkt gegenüber dem Hotel eine Moschee. Deshalb besonders scharf ins schläfrige Ohr dringend der sehr frühe Gesang des Muezzins zum Morgengebet. Kurz danach kräht minutenlang ein Hahn! Was für eine orientalisch akustische Dorf-Idylle.

Gang mit Aygül ins improvisierte Rathausgebäude. Was für eine Offenheit. Die Ratsuchenden, oft Frauen im schwarzen hidschabs (Ganzkörperschleier), sitzen den westlich legeren, städtischen Angestellten nah gegenüber. Der Ton ist freundlich, durchzogen von einer allzu verständlichen Schicksalsmüdigkeit. Immer läuft hier jemand mit einem Tablett voller Teegläser herum. Warten und Tee trinken.

Die Ko-Bürgermeisterin Leyla Imret begrüßt uns. Hat aber heute keine Zeit. Termin für morgen. Machen uns auf den Weg zum Warenlager des Rojava-Vereins, in der Hoffnung, dass der Transport es auf Schleichwegen vielleicht doch noch in die Stadt geschafft hat. Immerhin handelt es sich um Lebensmittel im Wert von 15 000 Euro, die an 1000 Menschen verteilt werden und für etwa zehn Tage ausreichen sollten. Aber der Wagen kommt nicht.

Mit Mahmud stattdessen ins ehemalige Büro und Lager des Rojava-Vereins im dritten Stock eines Hochhauses. Es wurde während der Kampfhandlungen gezielt beschossen und zerstört. Als wir kommen, wird gerade renoviert.

Die städtische Sozialarbeiterin Semra fährt uns nachmittags zu Familien, die für das internationale Patenmodell infrage kommen, bei dem sich Privatpersonen verpflichtet haben, Notleidenden monatlich einen gewissen Betrag zu überweisen. Wir halten am Rand des zerschossenen Viertels vor einem trostlos aussehenden, einstöckigen Haus. Hier leben die Angehörigen von Mehmed Tunç.

Im leer geräumten Wohnzimmer der Großfamilie sitzen der Vater, ein Sohn und andere Verwandte auf dem Teppichboden und erzählen von ihrem Schmerz. Zusammen mit Mehmet starb sein Bruder Orhan, dessen Frau am selben Tag ein Kind bekam, das nun gerade in die Wiege gelegt wird. Der Vater will mich, an Sohnes statt, für eine Nacht in seinem Haus aufnehmen. In Schalen werden Walnüsse von eigenen Bäumen gereicht und wieder Tee.

Als wir uns verabschieden, sehe ich in einem schmalen Nebenzimmer Berge von Kissen, Decken und Matratzen. Das Wohnzimmer verwandelt sich nachts zum Schlafsaal für die vielen Familienmitglieder, die Verwandten, die Geflüchteten. Platz für alle. Es wird zusammengerückt. Aygül besucht an diesem Nachmittag noch einige andere Familien, die während der Kriegshandlungen Angehörige verloren haben. Ich mag nicht mehr und möchte die Stadt so schnell wie möglich verlassen!

Abends Essen mit Ilknur. Sie erzählt vom Schulalltag. Durch den Krieg fiel der Unterricht drei Monate aus. „Den Stoff kann man kaum nachholen. Die Regierung sagt aber: Das langt schon.“ Ilknur berichtet angewidert von türkischen Lehrerkollegen, die nun vor ihren traumatisierten kurdischen Schülern wieder abfällig über Kurden herziehen. „Das hatten sie sich vorher, wegen der Präsenz der PKK, nicht getraut.“


„Das Volk will es“ - Donnerstag, 5. Mai

Leyla Imret, die 2014 zur Ko-Bürgermeisterin Gewählte, bittet in ihr Büro und ist anfangs sehr zurückhaltend. Die 28-Jährige ist in Deutschland aufgewachsen und hat schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht. Eine ihrer Aussagen wurde so verdreht, „als ob ich die Menschen in Kurdistan zu einem Bürgerkrieg aufgerufen hätte“. Daraufhin wurde sie vom Innenminister ihres Amtes enthoben, befand sich mehrmals in Polizeigewahrsam, steht unter Beobachtung. Vierundzwanzig ihrer demokratisch gewählten Bürgermeisterkollegen wurden verhaftet und sitzen teils immer noch im Gefängnis. Ein Einspruchsverfahren gegen ihre Suspendierung läuft. Sie darf währenddessen aber wieder im Rathaus arbeiten. „Das Volk von Çizre will es so“, sagt sie leise und bestimmt.

„Wir akzeptieren die Regierung“, versichert sie, „wollen aber selbst die Entscheidung über unsere Stadt haben.“ In den 84 Tagen der Ausgangssperre stand Çizre unter Beschuss, es gab über 300 Tote, über 1000 Wohnungen wurden komplett zerstört, 3000 sind zur Zeit nicht bewohnbar. „Wir haben um unser Leben gekämpft. Aber Gewalt bringt Gewalt mit sich. Die einzige Lösung ist der Dialog. Das Volk will das!““ Von den 130 000 Einwohnern sind 100 000 übrig geblieben. „Das, was sie erlebt haben, und dass sie bleiben wollen, das bewundere ich sehr“, sagt die junge Frau, die, als sie 2008 wieder nach Çizre kam, zuerst das Grab ihres 1993 erschossenen Vaters besuchte. Beklemmend, wie hier scheinbar endlos jede Generation die Gewalterfahrungen ihrer Eltern wiederholen muss. „Mein Vater war in meinem Alter, als er umgebracht wurde“, sagt Leyla.

Alte und neue Gräber in Çizre. Nachmittags zeigt mir Nergiz das Grabmal von Noah. Nach Gottes/Allahs Fehlversuch mit Adam und Eva war Noah ein Neustart mit den Menschen in dieser Wiege des Ackerbaus und der Viehzucht, des fruchtbaren Mesopotamiens, des Zweistromlandes als Ursprung der Hochkulturen. Unweit ein städtischer Friedhof, auf dem Gräber von kurdischen Partisanen geschändet wurden.

Wann bekommen die Toten hier ihr Recht auf Mitsprache?


Demokratie!
ein Kommentar von Thomas Milz

Heute hält sich Kanzlerin Merkel zu Gesprächen in der Türkei auf. Sie wird Erdogan vor dessen Machtergreifung sagen können, dass sie im eigenen Land wegen ihm unter starkem öffentlichem Druck steht. Und so sehr sie auch wegen der sie ebenfalls bedrängenden und unsere Gesellschaft zerreißenden Flüchtlingsfrage diesem korrupten Kleptokraten, Ausbeuter seines Volkes, diesem Hasardeur auf der Klaviatur der Gewalt entgegenkäme - und auf ein Appeasement mit ihm aus wäre, ginge das nun leider nicht, weil die deutsche Zivilgesellschaft wisse, dass mit dem Kurdenproblem die Frage nach der Demokratie, nach Europa, der Freiheit auf dem Spiel stehe. Die Frage nach uns selbst!