Waiblingen

Risiko: Behinderte Menschen in der Feuerwehr

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Geistig behinderte Menschen können ihre Kameraden nicht warnen. Aktiv mitmachen sei unmöglich, so Andreas Wersch. Etwas anderes sei es, ihnen das Gefühl zu geben, du gehörst zu uns. © Laura Edenberger
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Andreas Wersch. © privat

Kernen. Warum eigentlich nicht? Die OGL-Fraktion hätte der Kernener Jugendfeuerwehr gerne 3500 Euro zukommen lassen, damit sie die Inklusion von Jugendlichen mit Behinderung vorantreibt. Anlass ist eine Kampagne der Deutschen Jugendfeuerwehr für Öffnung und Vielfalt. Kommandant Andreas Wersch hält diese Idee für gut gemeint, aber für rechtlich problematisch und spätestens bei einem Löschangriff für nicht praktikabel.

Um es vorwegzunehmen: Die OGL Kernen hat ihren Haushaltsantrag, in dem sie 3500 Euro für die Integration von Jugendlichen mit Behinderung fordert, aber auch für solche mit Migrationshintergrund, nach eingehender Beratung wieder zurückgezogen. Aber die Idee, die Jugendfeuerwehr für diesen Personenkreis zu öffnen, steht im Raum. In einem Positionspapier von Deutschem Feuerwehrverband und Deutscher Jugendfeuerwehr beschreiben die Autoren, Stand März 2017, Chancen und Herausforderungen durch Inklusion wie folgt: In der Feuerwehr würden Hilfsbereitschaft, soziale Kompetenz und Zusammenhalt gefördert. Das entspreche auch zutiefst dem Wahlspruch der Wehr: „Einer für alle, alle für einen.“ Unter den jungen Feuerwehrkameraden könnte das Mittun eines behinderten Menschen die „bewusste Voraussicht und Reflexion der Konsequenzen der eigenen Handlungen“ verstärken. Die Kampagne nimmt Bezug auf körperliche, etwa unfallbedingte Behinderungen wie auch auf geistige Handicaps. Ein in dem Positionspapier zitiertes Praxisbeispiel zitiert den Fall eines Feuerwehrmitglieds mit geistiger Behinderung, das bei Veranstaltungen durch unterstützende Tätigkeiten hilft.

Wersch befürchtet extreme Risiken für Unversehrtheit behinderter Menschen

Feuerwehren, steht da, seien ein Spiegel der Gesellschaft. Deshalb könne gerade in der Jugendfeuerwehr inklusives Handeln mit der feuerwehrtechnischen Ausbildung eng verknüpft werden. Die Jugendfeuerwehr: eine offene, moderne Organisation mit attraktivem Freizeitangebot für alle. Doch gerade in Kernen mit seiner Behinderteneinrichtung Diakonie seien die zwei angesprochenen Gruppen behinderter und zugewanderter Jugendlicher derzeit nicht angemessen repräsentiert, begründeten die Grünen ihren Antrag. Derzeit zählt die Kernener Nachwuchswehr 20 Jugendliche, darunter sind zwei Mädchen.

Der Kernener Gesamtkommandant Andreas Wersch sieht die „Ehrenhaftigkeit“ der OGL-Initiative durchaus. Auch das Geld hätte er gerne genommen, sagt er flapsig. Unstrittig sei, dass die Feuerwehr Nachwuchs suche. Aber als Verantwortlicher, der bei Unfällen für seine Leute im Einsatz haftet, befürchtet er extreme Risiken für die Unversehrtheit behinderter Menschen, sollten sie sich an einem Löschangriff beteiligen. „Es geht schon, Behinderte in die Feuerwehr zu integrieren“, so Wersch, „aber spätestens bei der Ausbildung geht es nicht mehr. Spätestens mit 18 muss ich sagen, das Gesetz verbietet es, dich in den Einsatz zu übernehmen.“

„Ein Feuerwehrmitglied muss den Kommandanten warnen können"

Grundlage für die Aufnahme von Feuerwehrangehörigen in Baden-Württemberg ist das Feuerwehrgesetz. Dort steht in Paragraf elf, in die Einsatzabteilung der Wehr dürfen nur Personen aufgenommen werden, „die den gesundheitlichen Anforderungen des Feuerwehrdienstes gewachsen sind“. Das gilt vergleichbar auch für die Jugendfeuerwehren. Der kommunale Brandschutz, betont Wersch, sei eine Einrichtung mit gesetzlichem Auftrag, kein Verein. Ein Löschangriff in der aktiven Wehr sei der reale Ernstfall, kein Internet-Spiel. „Wir müssen dann wo rein, wo Sie sich selber gefährden. Technisches Verständnis ist dafür Voraussetzung. Ein Feuerwehrmitglied muss den Kommandanten warnen können.“

Einsatz versicherungsrechtlich nicht absicherbar

In der Grundausbildung stünden auf dem Lehrplan der Feuerwehr zwei Kurse, die etwa Menschen mit geistiger Behinderung überfordern werden: der Sprechfunkerlehrgang und die Ausbildung am Atemschutzgerät. „Mit einer Sprachbehinderung kann ich den Schlauch halten, aber nicht die Kameraden warnen: Da kommt ein Balken runter!“ Geistige Behinderung, so gut der inklusive Ansatz hier gemeint sei, vertrage sich aus seiner Sicht nicht mit den Anforderungen der Wehr. Auch versicherungsrechtlich lasse sich der Einsatz bisher nicht absichern. „Was passiert, wenn sich derjenige bei einem Einsatz verletzt? Dann ist der Kommandant in der Haftung.“ Die Beanspruchung in der Feuerwehr sei hoch. Wersch weiß von älteren Kameraden, die dem seelischen Druck, nachts aus dem Bett geklingelt zu werden, nicht mehr standhalten. „Denen geht der Puls hoch, die können nachts nicht mehr raus.“

Wersch kann sich Rollstuhlfahrer in Funkzentrale gut vorstellen

Bei körperlicher Beeinträchtigung, etwa nach einem Unfall, sieht es freilich anders aus. Einen Rollstuhlfahrer kann sich Andreas Wersch am Funkgerät gut vorstellen. Ein Kamerad, dessen Fuß amputiert wurde, könne den Dienst in der Funkzentrale übernehmen. Was Stetten betrifft, wolle die Diakonie die Nähe ihrer Betreuten zur Feuerwehr gar nicht, sagt Wersch: „Wenn denen das Feuerwehrauto gefällt, zünden die etwas an, damit die Feuerwehr kommt.“ Einem geistig behinderten Menschen zu sagen: Du gehört zu uns - warum nicht? „Aber er kann niemals in den Einsatz gehen.“



Kernen. Landesfeuerwehrverband sieht Chancen für ehrenamtlichen Einsatz behinderter Menschen

Der Landesfeuerwehrverband Baden-Württemberg verweist in einem Schreiben zwar auf Dienstpflichten, die Feuerwehrangehörige laut Paragraf 14 des Feuerwehrgesetzes erbringen können müssen. Sie zu erfüllen, dürfte den meisten behinderten Menschen nicht möglich sein, heißt es da. Andererseits würden sich Feuerwehren als Organisationen in der Mitte der Gesellschaft sehen. Sie stünden Menschen unbesehen ihrer Heimat, Religion, ihres Geschlechts und Ansehens offen. Selbstredend auch für behinderte Menschen.

Keine Antwort zum wirksamen Schutz behinderter Menschen

Wie der Kernener Kommandant Andreas Wersch verweist der Verband auf die Gefährdung von Feuerwehrleuten im Dienst. So sei unbeantwortet, steht in dem Papier, wie behinderte Menschen im Feuerwehrdienst wirksam geschützt werden könnten. Geistig behinderte Kinder würden zwar zunehmend in Regelschulen und Kindergärten aufgenommen, genössen dort aber die Aufsicht und Förderung durch ausgebildete Sonderpädagogen. Zu klären wäre deshalb, wie die Betreuung behinderter Menschen in den Freiwilligen Feuerwehren geleistet werden kann.

Landesfeuerwehrverband Baden-Württemberg: Bestehende Aktionen erweitern

Die Aufnahme behinderter Menschen in die Feuerwehr setze in vielen Fällen ein barrierefreies Feuerwehrgerätehaus voraus. Aus Sicht der Experten sind dies die wenigsten. Das Thema Versicherungsschutz der körperlich oder geistig behinderten Feuerwehrkameraden sei noch nicht geklärt. Alles in allem macht sich der Verband aber trotz seiner Skepsis in praktischen Fragen der Umsetzung das moralische Anliegen der Jugendfeuerwehren zu eigen. Der Landesfeuerwehrverband Baden-Württemberg spreche sich in aller Deutlichkeit dafür aus, die seit 2007 bestehende Aktion „Unsere Welt ist bunt“ oder die Aktion „Willkommen bei uns“ bewusst um ein Modul „Inklusion“ zu erweitern. Die Idee sei im Ansatz richtig. Allerdings lehnt der Verband die mehr oder weniger generelle Pflicht zur Aufnahme von behinderten Menschen in die Feuerwehren ab. An dieser strengen Verpflichtung und Verbindlichkeit des Anspruchs scheiden sich mit Blick auf die Personalsituation und Baulichkeiten in den kommunalen Feuerwehren die Geister.

Grundsätzlich möglich

Um für die gute Sache zu werben, empfiehlt der Dachverband gleichwohl als Leitschnur für das weitere Vorgehen, dass sich die Deutschen Feuerwehren die Ausrichtung in die Mitte der Gesellschaft ans Revers heften: „Abhängend von den räumlichen, personellen und organisatorischen Möglichkeiten der Feuerwehr ist das ehrenamtliche Engagement von behinderten Menschen in einer Feuerwehr möglich.“

Die Forderungen

Das Positionspapier der Deutschen Jugendfeuerwehr und des Deutschen Feuerwehrverbands zur Inklusion, Stand März 2017, spricht sich für die Aufnahme von Jugendlichen mit Behinderung in die Jugendfeuerwehr aus. Grundsätzlich sollte danach auch ein ehrenamtliches Engagement in der Freiwilligen Feuerwehr möglich sein. Das entspreche dem Selbstverständnis der Jugendfeuerwehr: Wir sind offen für alle und jeden!

Drei Fallbeispiele, die zeigen, dass Inklusion in der Feuerwehr funktioniert: Tanja war Mitglied einer Jugendfeuerwehr. Trotz einer Behinderung der rechten Hand gehörte sie wie jede andere zur Feuerwehr dazu. Sie erwarb die Leistungsspange. Tanja ist heute immer noch in der Feuerwehr und nimmt Tätigkeiten außerhalb des Einsatzgeschehens war.

Ein Feuerwehrmitglied mit Querschnittslähmung unterstützt die Einsatzdokumentation und Pressearbeit seiner Wehr.

Ein Feuerwehrangehöriger mit fehlendem Arm nach einem Dienstunfall beginnt eine neue Karriere als Jugendfeuerwehrwart und baut in dieser Rolle internationale Jugendfeuerwehrpartnerschaften auf.

Das Positionspapier sieht Inklusion als „Chance für die Feuerwehren, sich weiter zu öffnen, gesellschaftliche Entwicklungen mitzugestalten und in ihrer Organisation abzubilden.“ Feuerwehr als „Spiegel der Gesellschaft“.