Waiblingen

Schüler hängengeblieben? Nachfrage nach Nachhilfe steigt „extrem“, sagt Lehrer aus Waiblingen

Nachhilfe Patrick Ströhlein
Lehrer Patrick Ströhlein will in Bittenfeld bald Kurse mit bis zu sieben Schülern starten. © ZVW/Benjamin Büttner

Der jüngste Öffnungsschritt bei den Corona-Regeln gilt unter anderem auch für Nachhilfe-Unterricht: Nun dürfen wieder bis zu zehn Schüler in die Nachhilfe vor Ort, wenn sie negativ auf Corona getestet worden sind. Zuvor waren maximal fünf Schüler erlaubt. Was bedeutet das für Waiblinger Nachhilfe-Anbieter? Und haben sie seit Beginn der Krise von Schulschließungen, Home- und Wechselunterricht profitiert?

Drei Prozent der Nachhilfe-Schulen mussten aufgeben

Die Antworten fallen unterschiedlich aus - es kommt darauf an, wen man fragt. Der Nachhilfe-Sektor in Baden-Württemberg ist wie vielerorts geprägt von großen Anbietern, die teils von einer Deutschland-Zentrale geführt, teils im Franchise-System von lokalen Inhabern unter der jeweiligen Marke betrieben werden (beispielsweise Studienkreis, Schülerhilfe und Lernstudio Barbarossa).

Im Bundesland gibt es etwa 500 inhabergeführte Nachhilfeschulen (inklusive Franchisenehmer), so der Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen (VNN). Der Verband vertritt hier 20 Mitglieder mit 150 Standorten. Aufgrund der Corona-Krise mussten etwa drei Prozent der Nachhilfe-Schulen in Baden-Württemberg schließen, schätzt die VNN-Vorsitzende Cornelia Sussieck. Es gebe aber keine gesicherten Zahlen.

Während der Pandemie mal mehr, mal weniger Nachhilfe-Bedarf

Am Anfang der Pandemie habe es zunächst mehr Nachfrage nach Nachhilfe gegeben. „Denn selbst gute Schüler waren damit überfordert, sich den Schulstoff selbst anzueignen“, so Cornelia Sussieck. „Allerdings ist die Nachfrage nach Nachhilfe gesunken. Aus verschiedenen Gründen: Die Sorge um die Gesundheit hat die Sorge um schlechte Noten überwogen. Daher haben die Eltern ihre Kinder auch dann nicht zur Nachhilfe geschickt, als dies möglich war. Die digitalen Angebote der Nachhilfeschulen wurden oft nicht genutzt, weil die Eltern nicht wollten, dass ihre Kinder noch länger als ohnehin schon am PC sitzen.“

Ein weiterer Grund laut der Branchenvertreterin: „Da über Monate hinweg keine Klassenarbeiten und Klausuren geschrieben wurden, hatten Eltern und Schülern keine Orientierung hinsichtlich des Leistungsstands. Damit fiel natürlich auch ein Motiv für den Nachhilfeunterricht weg - das Erfordernis, die Noten zu verbessern, um die Versetzung zu schaffen oder den gewünschten Notendurchschnitt zu erzielen.“

„Vom Distanzunterricht gesättigt“

Auch von der Marketingabteilung des Unternehmens Schülerhilfe, das in Waiblingen vertreten ist, heißt es: „Die Nachfrage nach Nachhilfe gleicht einer Wellenbewegung: Sobald die Schulen wieder für ein längeres Zeitfenster öffnen und die Präsenznachhilfe wieder möglich ist, steigt auch der Bedarf an. Wir haben den Eindruck gewonnen, dass die Schüler vom Distanz- bzw. Digitalunterricht an den öffentlichen Schulen gesättigt sind.“

"Schüler sind leider hängengeblieben im Lockdown"

Beim Waiblinger Lernstudio Barbarossa wird die Frage, ob in der Corona-Krise mehr Schüler Nachhilfe in Anspruch genommen haben, knapp verneint.

Differenzierter äußert sich die Leiterin vom Studienkreis Waiblingen, Claudia Girschek: Es habe in der Pandemie durchaus Nachfrage gegeben, die Eltern seien aber auch „sehr verunsichert“ gewesen und hätten während der Schulschließungen ihre Kinder auch nicht in die Nachhilfe geschickt. Aktuell merkt Girschek, dass viele Anfragen reinkommen. „Man merkt, dass Schüler leider hängengeblieben sind im Lockdown.“

Nachhilfe-Lehrer Patrick Ströhlein aus Bittenfeld: "Es ist wirklich Bedarf da"

Ein klares Bild gibt es bei Patrick Ströhlein. Er unterrichtet als Einzelkämpfer in seiner kleinen Schule in Bittenfeld Mathe, Physik, Deutsch und Englisch. In diesem zweiten Corona-Schuljahr sei die Nachfrage „extrem gestiegen“, sagt er. Gerade sind es vor allem Abschlussschüler, die er auf die Prüfungen vorbereitet. „Es ist wirklich Bedarf da“, so Ströhlein.

Der größte Unterschied zur Vor-Corona-Zeit ist seiner Wahrnehmung nach, dass die Schüler nun von sich aus sagen: Ich schaffe es nicht, ich komme nicht mehr mit. Sie müssen also nicht von den Eltern in die Nachhilfe gezerrt werden.

Das wahre Ausmaß der Lernlücken wird man erst nächstes Schuljahr sehen, meint Patrick Ströhlein

Ähnlich wie Branchenvertreterin Cornelia Sussieck geht Ströhlein, der nach dem Lehramtsstudium in Tübingen seit vier Jahren in Bittenfeld tätig ist, davon aus, dass Lernrückstände lange nicht aufgefallen sind, weil gerade die jüngeren Schüler keine oder kaum Klassenarbeiten geschrieben haben. Ihre Eltern hätten ihnen geglaubt, wenn sie sagten: „Ich habe alles verstanden.“ Erst im kommenden Schuljahr werde man sehen, wie groß die durch Corona verursachten Lücken wirklich sind, vermutet Ströhlein.

Aktuell "auf jeden Fall" mehr Nachfrage

Er verzeichne „auf jeden Fall“ mehr Nachfrage. Die Eltern gehen ihm zufolge auch offener mit dem Thema um, tauschen sich untereinander aus. So kommen neue Schüler zu ihm. Und: „Es kommt mir so vor, als sei auch das Ansehen der Nachhilfe gestiegen.“

Was bedeutet es für Patrick Ströhlein, dass nun zehn statt fünf Schüler zusammen unterrichtet werden dürfen? Anders als die großen Waiblinger Konkurrenten, die schon seit längerem wieder Präsenzunterricht zusätzlich zur Online-Nachhilfe anbieten, hat Ströhlein bislang abgewartet. Die Kinder hätten sich an die Internetkurse gewöhnt, vielen Eltern war es wegen des Infektions-Restrisikos auch lieber so, sagt er.

Nach den Ferien will Ströhlein aber wieder vor Ort starten: dann mit maximal sieben Schülern pro Kurs. Das sei schon eine Verbesserung, es lohne sich dadurch mehr. Immerhin muss er seinen Unterrichtsraum nach jedem Kurs desinfizieren und durchlüften. Er muss zeitliche Puffer einbauen, damit sich verschiedene Gruppen möglichst nicht begegnen.

Oft sind es ohnehin nur kleine Gruppen

Beim Lernstudio Barbarossa hingegen heißt es, die Gruppen umfassten ohnehin nur um die fünf Schüler. Auch die Waiblinger Studienkreis-Chefin Claudia Girschek sieht in dem Öffnungsschritt für ihr Institut eher keine Änderung, da nur drei bis fünf Schüler in einem Kurs sind - so ist es auch bei der Schülerhilfe.

Das bisherige Hygienekonzept gilt beim Studienkreis weiter. Claudia Girschek sagt, sie achte auch darauf, dass sich Schüler nach dem Reinkommen die Hände waschen. Auch der Branchenverband VNN verweist auf die kleinen Gruppen, die für seine Mitglieder nur maximal vier Schüler umfassen dürfen.

„Lernbrücken“ im Sommer: Konkurrenz für Nachhilfe?

Für die Schulstoff-Aufholjagd wird es in den Sommerferien auch wieder ein staatliches Programm, die „Lernbrücken“, geben. 2020 haben daran über 60.000 Schüler teilgenommen, unterrichtet wurden sie von den Lehrern ihrer Schulen oder Referendaren.

Die Nachhilfe-Branche kritisiert, dass sie nicht beteiligt wurde. „Die Kinder brauchen gezielten individuellen Unterricht in kleinen Gruppen, die Lehrer in den Schulen müssen den Lernstand der Kinder mitteilen, damit geschulte Kräfte mit den Kindern arbeiten können“, so Cornelia Sussieck vom VNN. Es gebe Bundesländer, „die das vorbildlich und vor allem unbürokratisch ermöglichen. Dort bekommen die Schüler Gutscheine, die Lehrer der Schulen arbeiten mit den Nachhilfelehrern zusammen und teilen diesen die Lernlücken mit“.

Der Waiblinger Nachhilfelehrer Patrick Ströhlein sieht in den „Lernbrücken“ zwar eine gewisse Konkurrenz. Vergangenes Jahr habe er sie aber nicht gespürt. „Dort sitzen 30 Schüler in vollen Klassen.“ Er hingegen könne gezielt auf die Schüler eingehen.

Gewerkschaft begrüßt Lernbrücken in Sommerferien

Begrüßt werden die „Lernbrücken“ in den staatlichen Schulen von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Neuauflage müsse aber besser genutzt werden. Oft sei zu wenig Fördermaterial angekommen. Das dürfe sich nicht wiederholen.

Die Gewerkschaft setzt jedenfalls auf die schulischen Lehrkräfte bei der Sommer-Nachhilfe: „Fremde Lehrpersonen verlieren wertvolle Zeit, wenn sie die Defizite der Kinder und Jugendlichen zunächst herausfinden müssen.“

Allerdings bezweifelt die GEW, dass genügend Lehrkräfte nach einem anspruchsvollen Corona-Schuljahr noch in den Sommerferien arbeiten wollen. Das war 2020 auch an Waiblinger Schulen ein Problem.

Der jüngste Öffnungsschritt bei den Corona-Regeln gilt unter anderem auch für Nachhilfe-Unterricht: Nun dürfen wieder bis zu zehn Schüler in die Nachhilfe vor Ort, wenn sie negativ auf Corona getestet worden sind. Zuvor waren maximal fünf Schüler erlaubt. Was bedeutet das für Waiblinger Nachhilfe-Anbieter? Und haben sie seit Beginn der Krise von Schulschließungen, Home- und Wechselunterricht profitiert?

Drei Prozent der Nachhilfe-Schulen mussten aufgeben

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