Waiblingen

Schafwanderweg als Beitrag zur Gartenschau

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Christine Brencher inmitten ihrer wolligen Freunde. © Büttner/ZVW

Kernen-Stetten. „Hallo, Hammel“, grüßt Christine Brencher die Versammlung hinter dem Weidezaun. Schon kommen zwei ihrer wolligen Vierbeiner angetrabt. „Es sind alles Mädels, aber ich grüße sie immer so“, sagt die Schäferin. 16 Lämmer tollen im Gras. Im Gewann Futterwiesen soll der Schafwanderweg starten, dem der Gemeinderat als Beitrag zur Gartenschau zugestimmt hat.

Lämmer sind fest mit Ostern verknüpft. Unter den zwölf Mutterschafen von Schäferin Christine Brencher gab es vor dem Fest gleich 16-fachen Nachwuchs. Die goldigen Wollknäuel stehen wie fürs österliche Familienfoto zusammengestellt beim Besuch der Zeitung auf der saftigen Wiese unter blühenden Apfelbäumen, zermalmen genüsslich Spitzwegerich oder heben sich leicht mit den Hinterbeinen empor und recken den Kopf, um eine der begehrten Blüten vom Zweig abzuzwacken. Die Lämmchen ziehen mit ihren Milchmäulchen an den Zitzen.

Schäfchen-Wissen

Bei aller „Süßheit“ und dem Anblick von so viel Goldigkeit: Beim Schafwanderweg geht es um das Wissen und die Zusammenhänge zwischen Mensch und Tier. „Viele haben keine Ahnung mehr von Schafen und können kein Lamm mehr richtig hochheben.“ Die Schäferin wünscht sich, dass sich wieder mehr Leute „den normalen Umgang mit den Tieren“ aneignen. „Normal“ heißt für sie, das Schaf im Kreislauf der Natur zu sehen – und nicht nur verzückt auf die kleinen Lämmchen zu reagieren.

Leckeres vom Lamm: „Iss, was du schützen willst“

Der von ihr angestoßene Schafwanderweg soll die Menschen auf diesen Weg führen. Sie sieht darin eine Gelegenheit, einen Besuchermagneten für die Landesgartenschau zu schaffen und zugleich nachhaltig etwas für die Vielfalt der Natur zu tun. Viele Schafrassen sind vom Aussterben bedroht, weil sie entweder zu wenig Fleisch liefern oder die Wollqualität nicht ausreicht für die Schäfer, die sich heutzutage spezialisieren müssen, um finanziell zu überleben. Die Schafrassen-Ausstellung im Freien soll auch nach der Gartenschau ganzjährig erhalten bleiben. Während der Wintermonate können die Schafe im Weideunterstand beobachtet werden.

Tierische Landschaftspfleger

Startpunkt des Wegs wird der Parkplatz in der Weinstraße sein. Von dort aus sind es nur wenige Schritte ins Gewann Futterwiesen, wo derzeit die zwei Herden von Christine Brencher leben: Coburger Fuchsschafe und Krainer. Sie sollen nach Eröffnung des Schafwanderwegs wie bisher Wiesen von Nachbarn in Schuss halten. Station zwei im Esslinger Rain ist momentan noch ein grün überwuchertes Hangstück, direkt am Spazierweg gelegen. Giersch und Bärlauch schießen hier empor - für Schafe echte Leckerbissen. Denn sie sind nicht nur sympathische Zeitgenossen, die immer aussehen, als tragen sie ein Grinsen auf dem Gesicht. Sie halten als Landschaftspfleger fressend Gras kurz, beugen verbuschten Wiesen vor und helfen, das ökologische Gleichgewicht zu erhalten. Der Gemeinde sparen die „tierischen“ Mähdienstleistungen Kosten für Landschaftspflege. „Wir können das Naherholungsgebiet vor unserer Haustüre gestalten, wenn wir das Vorhandene sinnvoll nutzen“, erläutert die Schäferin. Sie kümmert sich mit ihren Tieren schon heute um Grundstücke von älteren Nachbarn, denen die Pflege- und Mäharbeit wörtlich über den Kopf gewachsen sei. Brenchers Schafe leben von dem, was die Sommerwiesen hergeben, zugefüttert wird im Winter. Der Mist landet als Dünger auf dem Acker, auf dem das Futter wächst, schildert sie den Kreislauf und das funktionierende „Miteinander zwischen Mensch und Natur, das geschützt gehört“.

Ehrenamtliche Schafpfleger gesucht

Das Vorhaben geht nicht ohne Unterstützung: Die Gemeinde beteiligt sich finanziell. Christine Brencher hofft auf Ehrenamtliche, die Zeit und Lust haben, sich dauerhaft stundenweise oder tageweise um Schafe zu kümmern. „Man braucht nur etwas Tierliebe und Einfühlungsvermögen“, meint sie zu den Anforderungen. Weitere Ideen nimmt die Schäferin bereits in den Blick: Sie hat bei Gastronomen im Ort angeregt, saisonal Streuobstwiesenlamm auf die Karte zu nehmen. Ein jährliches Schafschur-Fest schwebt ihr vor. Brencher möchte auch den Fleischverkauf ausbauen – denn auch darin sieht sie einen Teil des Kreislaufs. „Iss, was du schützen willst, denn nur, wenn es gebraucht wird, wird es weitergehen damit“, erklärt sie. Informationstafeln an den Stationen sollen helfen, das Wissen über Schafe am Leben zu halten – geeignet sei der Weg daher auch für Kindergärten und Schulen. „Die Kinder sollen merken, dass es nicht nur ein Stück Fleisch ist, das im Supermarkt herumliegt, sondern wie alles entsteht und zusammenhängt.“

Schutz für bedrohte Schafrassen

Die Gemeinde unterstützt den Schafwanderweg finanziell mit 13 600 Euro. Sie kauft die vier geplanten Schafgruppen und bezuschusst Weidezäune und Materialien zur Einrichtung des Weges.

Der drei Kilometer lange Rundweg führt durch die Streuobstwiesenlandschaft des Haldenbachtals zu vier Weiden, in denen vom Aussterben bedrohte Rassen leben sollen: das Brillenschaf, das Leineschaf, das Pommersche Landschaf und das braune Bergschaf. Eine Gruppe besteht aus je fünf Mutterschafen und einem Bock. Weitere Standorte sind in der Mönchswiese und im Gewann Sandacker vorgesehen.

Am 29. April und am 20. Mai bietet Schäferin Christine Brencher Schnupperkurse. Sie zeigt, wie der Mensch das Zutrauen der Tiere gewinnen kann, und weist ein in Zaunaufbau, Klauenschneiden und Futter. Die Schnupperkurse beginnen jeweils um 10 Uhr. Informationen und Anmeldung unter 0170/5 69 43 85.