Waiblingen

Schwerer Abschied von Corona-Toten: Wie Bestattungshäuser aus Waiblingen damit umgehen

Bestattungshaus zur Ruhe
Charlotte Klinghoffer im Bestattungshaus. Dort können sich Angehörige unter Hygieneregeln von Covid-19-Toten verabschieden. © Benjamin Büttner

Täglich wird die Zahl der Corona-Toten vermeldet, fast jeder kennt inzwischen zumindest über zwei Ecken, manchmal aber auch im engen Familien- oder Freundeskreis eine Person, die in Zusammenhang mit Covid-19 verstorben ist. Das Coronavirus hat nicht nur das Leben auf den Kopf gestellt, sondern auch das Tabuthema Sterben mehr in den Fokus vieler Menschen gerückt. Bestatter und ihre Mitarbeiter gehen täglich mit Verstorbenen und deren Angehörigen um – und doch ist auch für sie der Umgang mit Covid-19-Toten eine Herausforderung. Charlotte Klinghoffer vom Bestattungshaus Zur Ruhe und Maija Hinderlich von Horizont Bestattungen erklären, wie das Coronavirus ihre Arbeit verändert und beeinflusst.

„Die Bestattung eines Covid-19-Toten ist aufwendiger und trauriger“, sagt Maija Hinderlich, die mit ihrem Mann das Bestattungshaus Horizont führt. „Die Angehörigen können sich nicht so gut verabschieden, weil Corona-Verstorbene nicht aufgebahrt werden dürfen.“ Zu begreifen, dass ein geliebter Mensch nicht mehr da sei, falle viel schwerer, wenn man diesen nicht noch einmal sehen könne, weiß Hinderlich aus Erfahrung. Das könne auch psychische Probleme und eine längere Trauerphase nach sich ziehen.

Unterschiedliche Regelungen verwirren Angehörige

Es ist nicht generell verboten, einen Covid-19-Toten aufzubahren, damit sich die Angehörigen am Sarg verabschieden können. „In unseren eigenen Räumen dürfen wir Covid-19-Tote aufbahren, natürlich unter Einhaltung entsprechender Hygiene- und Abstandsregeln“, sagt Charlotte Klinghoffer, Geschäftsführerin des Bestattungshauses Zur Ruhe. Allerdings verfügen nicht alle Bestattungshäuser über derartige Räumlichkeiten. Horizont Bestattungen hat dafür keinen Raum, so dass Maija Hinderlich und ihr Mann auf die kommunalen Räume auf den Friedhöfen angewiesen sind. In Waiblingen beispielsweise ist es zurzeit nicht erlaubt, diese Räume zu nutzen. Diese Entscheidung obliegt den Kommunen, so dass im Rems-Murr-Kreis unterschiedliche Regelungen gelten, erklärt Klinghoffer: „In Waiblingen, Backnang, Schwaikheim und Remshalden ist keine Verabschiedung im Abschiedsraum zulässig, auch nicht am geschlossenen Sarg. In Weinstadt, Schorndorf, Winnenden, Berglen und Leutenbach ist dies möglich.“

Unterschiedliche und sich häufig ändernde Corona-Regeln machen Klinghoffer zu schaffen: „Ständige Änderungen machen eine seriöse und kompetente Beratung der Angehörigen beinahe unmöglich. Es kann keine souveräne Trauerfeier in der folgenden Woche geplant werden, da wir tagesaktuelle Informationen überbringen müssen.“ So gingen die meisten Angehörigen noch immer davon aus, dass die Trauerfeier wie zu Beginn der Pandemie nur im kleinsten Kreis stattfinden darf. Viele wüssten nicht, dass diese Regelungen abhängig von der Örtlichkeit sind.

So gelte zum Beispiel im Bestattungshaus zusätzlich das Hausrecht in Abstimmung mit der Ortspolizeibehörde, dort sind große Trauerfeiern zulässig. Auf den Friedhöfen gelten die kommunalen Bestimmungen, in den Kirchen deren Bestimmungen. In Waiblingen zum Beispiel dürfen zurzeit 37 Personen in die Aussegnungshalle. Weitere Trauergäste können vor der Aussegnungshallet Platz nehmen. Dafür hat die Stadt Waiblingen im Herbst 2020 eigens 100 wetterfeste Stühle angeschafft, die sie bei Bedarf bereitstellt - ohne das den Angehörigen zu berechnen.

Die Corona-Verordnung sieht für Veranstaltungen im Freien bei Todesfällen eine Begrenzung auf 100 Teilnehmende vor unter einem entsprechenden Hygienekonzept. Viele Menschen seien verwirrt, und Falschinformationen machten die Runde, beobachtet Charlotte Klinghoffer. So halte sich hartnäckig das Gerücht, dass Corona-Tote feuerbestattet werden müssten. Eine Erdbestattung sei jedoch genauso möglich.

Handschuhe, Schutzkittel, Mundschutz und Schutzbrille

Für die Mitarbeiter der Bestattungshäuser gelten natürlich strenge Hygienevorschriften im Umgang mit einem Covid-19-Toten. So tragen sie bei dessen Versorgung Handschuhe, Schutzkittel, Mundschutz und Schutzbrille, und auch beim Transport sind Handschuhe und Schutzkittel Pflicht. Die sogenannte hygienische Grundversorgung des Toten, zu der unter anderem das Verschließen von Körperöffnungen oder auch das Anziehen anderer Kleidung gehört, ist untersagt. Diese Vorschriften sind aber für die Mitarbeiter nichts Neues, denn sie sind geschult im Umgang mit infektiösen Verstorbenen.

Diese werden in vier Risikoklassen eingeteilt, nach denen sich die persönliche Schutzausrüstung der Bestatter richtet. Zur Risikoklasse 1 zählen zum Beispiel Verstorbene mit der Afrikanischen Schweinepest, zur Risikoklasse 2 verstorbene Träger des Rotavirus. Covid-19 wird der Risikoklasse 3 zugerechnet, wie zum Beispiel auch Tuberkulose und Tollwut. Mit Verstorbenen der Risikoklasse 4 dürfen Bestatter überhaupt nicht in Kontakt kommen, dies würde etwa für an Ebola oder Milzbrand Verstorbene gelten.

„Unsere Arbeit im Umgang mit den Verstorbenen hat sich nicht verändert, da wir jeden Verstorbenen grundsätzlich als infektiös einstufen müssen“, erklärt Klinghoffer. Verändert habe sich der Umgang mit Angehörigen. „Unseren Mitarbeitern wird durch die Maßnahmen ein großes Maß an Empathie genommen. Hierzu gehört der Handschlag sowie die Mimik, welche hinter einer Maske verborgen ist.“ Weniger Mitgefühl zeigen zu können sei das Schlimmste, denn als Bestatter wolle man die Angehörigen so gut wie möglich unterstützen.

+++ Update 15.6.2021 +++ Dieser Artikel wurde aktualisiert. In der früheren Version hieß es: "In Waiblingen zum Beispiel dürfen zurzeit 37 Personen in die Aussegnungshalle, weitere 63 dürfen zwar draußen vor der Halle stehen, aber dort wiederum nicht sitzen." Das war laut Stadt Waiblingen jedoch falsch. Für Trauerfeiern auf dem Waiblinger Friedhof wurden demnach im Herbst vergangenen Jahres eigens 100 wetterfeste Stühle beschafft, um sie im Außenbereich vor der Aussegnungshalle aufstellen zu können. Diese Stühle werden laut der Stadtverwaltung auch genutzt. Darüber sei im Herbst 2020 öffentlich berichtet worden. „Das Vorhandensein der Stühle für den Außenbereich ist auch den Bestattungsinstituten bekannt“, heißt es aus dem Rathaus.

Die insgesamt bei einer Trauerfeier zulässige Personenzahl werde durch die jeweils aktuell gültige Coronaverordnung des Landes festgelegt. „Die Trauerfeiern werden, auch und gerade in Zeiten von Corona, von der Friedhofsverwaltung im Vorfeld möglichst detailliert vorbesprochen“, so die Stadtverwaltung. Wenn eine größere Anzahl von Trauergästen erwartet wird, die die zulässige Personenzahl in der Aussegnungshalle übersteigt, würden von den Friedhofsmitarbeitern die zusätzlichen Sitzgelegenheiten im Außenbereich vorab bereitgestellt. Wenn notwendig, erfolge die Aufstellung von Stühlen vor der Friedhofskapelle durch die Friedhofsmitarbeiter auch kurzfristig, wenn sich eine größere Personenzahl abzeichnet.

„Der Stadt Waiblingen ist die besondere Situation von Trauernden bewusst. Mit der Ausdehnung von Trauerfeiern auch auf den Außenbereich wird schon seit vielen Monaten den Corona-Bedingungen Rechnung getragen“, betont die Verwaltung. Das Aufstellen der zusätzlichen Stühle im Außenbereich werde den Trauerfamilien seitens der Stadt nicht gesondert berechnet. „Die Stadt betrachtet dies als Serviceleistung für die Angehörigen, die in der schweren Zeit des Abschiednehmens noch zusätzlich mit Einschränkungen durch die Corona-Vorschriften zu kämpfen haben.“

Täglich wird die Zahl der Corona-Toten vermeldet, fast jeder kennt inzwischen zumindest über zwei Ecken, manchmal aber auch im engen Familien- oder Freundeskreis eine Person, die in Zusammenhang mit Covid-19 verstorben ist. Das Coronavirus hat nicht nur das Leben auf den Kopf gestellt, sondern auch das Tabuthema Sterben mehr in den Fokus vieler Menschen gerückt. Bestatter und ihre Mitarbeiter gehen täglich mit Verstorbenen und deren Angehörigen um – und doch ist auch für sie der Umgang mit

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