Waiblingen

Schwerlastverkehr im Hobbykeller

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truckmodelle Reiner Weiger IG Truck-Modellbauer Rems-Murr zeigen uns ihre fahrtauglichen Fahrzeuge, die beim nächsten Martinimarkt als Ausstellung präsentiert werden Foto: Alexandra Palmizi © Palmizi / ZVW
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truckmodelle Reiner Weiger IG Truck-Modellbauer Rems-Murr zeigen uns ihre fahrtauglichen Fahrzeuge, die beim nächsten Martinimarkt als Ausstellung präsentiert werden Foto: Alexandra Palmizi © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Wenn sich am 6. November in der Waiblinger Innenstadt wieder Menschenmassen durch den Martinimarkt schieben, müssen Autos und Lastwagen draußen bleiben. Ausgenommen die originalgetreuen Truck-Modelle aus den Hobby-Werkstätten der Bastler von der IG Rems-Murr, die im Schlosskeller ihre Kreise ziehen.

Video: Die IG Truckmodellbau Rems-Murr aus Hegnach stellt sich vor.

Eigentlich hätten viele in Hegnach den vermaledeiten Schwerlastverkehr gerne los, der tagtäglich durch die Neckarstraße schnauft. Andere sind der Faszination der Brummis heillos erlegen – freilich der von Modellen aus Plastik und ausgetüftelter Elektronik. In Garagen und Hobbykellern wie dem des Hegnachers Horst Steidle (55) schrauben, löten und drehen sie abendelang an ihren fernsteuerbaren Fahrzeugen, immer wieder, über Wochen und Monate, manchmal sogar über Jahre, bis die kleinen Wunderwerke der Technik fahrtauglich und mit allen Raffinessen versehen sind. Es hat fast etwas Meditatives: Fahrzeugbau als Trick zum Abschalten, als kleine Flucht aus dem Alltag. Und noch ein positiver Nebeneffekt: „Unsere Frauen wissen immer, wo wir sind.“

Es blinkt und hupt beim Rückwärtsfahren

Dass der Kipplaster beim Rückwärtsfahren hektisch blinkt und hupt – ein Muss. Wenn echte Lkw-Fahrer ihr Führerhaus mit Lichterreihen ausstaffieren, als wär’s schon Weihnachten – dann bitteschön beim Modell ebenso. Wer mit geschultem Auge genau hinguckt, kann über dem Armaturenbrett sogar ein Mini-Exemplar einer Modellbau-Fachzeitschrift entdecken. Solche Details machen den Unterschied zum Bausatz, den man im Handel kaufen kann. „Nach Anleitung zusammennageln kann jeder“, sagen die IG-Mitglieder, ohne Bausätze generell zu verdammen. Vielmehr nehmen sie sich bestimmte Bestandteile wie etwa das Führerhaus vom Hersteller und peppen sie anschließend durch eigene Konstruktionen auf.

Ganz Verrückte bauen mit Modellbaggern einen Flughafen

Wer baut, will seine Lieblinge auch fahren, dann erwacht das Kind im Mittfünfziger so richtig. Reiner Weiger (56) quält eine grüne Liebherr-634-Laderaupe die Garageneinfahrt hoch. „Das ist der Belastungstest, wenn ich mit einem Fahrzeug fertig bin.“ Sascha Wirth, der mit seinen 29 Lenzen den Altersschnitt im Club empfindlich drückt, öffnet die Seite eines blauen Scania R 560 und präsentiert stolz die Ladung. Bis unter die Decke ist der Schwerlaster vollgestopft mit Miniaturen von Modellbaukästen. Im Gegensatz zum Schwerlastverkehr auf der Neckarstraße kurven die Modelle geräuscharm und klimafreundlich über eine Hegnacher Seitenstraße.

Eine halbe Tonne Erde auf der Mini-Baustelle

Das volle Fahrvergnügen stellt sich ein, wenn die Laster auf maßstabsgerechten, aus baumarktüblichen Antirutsch-Matten zurechtgeschnittenen Straßen rollen. Einen Parcours von bis 120 Quadratmetern können die Mitglieder damit auslegen. Beim Gemeindefest auf der Korber Höhe schaufelten die Bagger Blumenerde auf einen Volvo Dumper A 40 E-Muldenkipper. Eine halbe Tonne Erde wurde auf der Mini-Baustelle bewegt. Verrückt? Bei weitem nicht so wie die Mini-Baustelle im mittelhessischen Alsfeld. Dort soll in nur drei Tagen mit Modell-Fahrzeugen ein Flughafen gebaut werden – vielleicht ja eine gute Idee für den Berliner BER-Airport.

Anregung gibt es auf Messen

Ihre Anregungen holen sich die Bastler auf Messen für Modellbau und für echte Nutzfahrzeuge. Die Maße sind meist problemlos von den Herstellern zu bekommen, nur einmal fuhr Feuerwehr-Mitglied Reiner Weiger extra ins Gerätehaus, um einen Rüstwagen mit dem Meterstab zu vermessen. Sozusagen im Gegenzug hat der Feuerwehrdienst schon so manches Bastelprojekt durchkreuzt: Gerade ist der Kleber angerührt und zum Auftragen bereit, geht der Piepser-Alarm.

Günstige aber hochwertige Teile

Fertige Bausätze können je nach Modell bis 5000 oder 7000 Euro kosten. Der Ehrgeiz der Modellbauer richtet sich nun darauf, relativ günstige, jedoch hochwertige Bauteile etwa vom Kinderspielzeug-Hersteller Bruder mit kompletter Elektronik auszubauen, bis sie sich vom Original kaum noch unterscheiden, abgesehen vom Maßstab 1:16. So suchte Reiner Weiger einen Tieflader für seine zwölf Jahre alte MAN-Zugmaschine, fand auf der Modellbaumesse in Friedrichshafen einen Tieflader von Bruder – und sägte ihn erst einmal in zwei Hälften. Mit PVC-Platten und Holzdielen verlängerte er das Gefährt um 20 Zentimeter, versah es mit zusätzlichen, selbst gebauten Achsen und führte die Elektronik unter dem Boden durch bis zu den Rampen, die vom Führerhaus aus gesteuert werden. So eine Konstruktion, an der handwerklich weniger befähigte Zeitgenossen krachend scheitern würden, empfindet der Mechanikermeister als nette „Abwechslung zwischen langwierigen und aufreibenden Modellen“. An seinem Unitrac UT 90, eine Art besserer Unimog mit Kettenantrieb, baute er mit Unterbrechungen sechs Jahre. Dass solche Stücke unverkäuflich sind, versteht sich von selbst. Wegen der hohen Werte dürfen die Zuschauer bei öffentlichen Fahrtagen wie beim Martinimarkt auch nur mit den Augen schauen.

Martinimarkt

Der 33. Martinimarkt findet am Sonntag, 6. November, von 11 Uhr bis 18.30 Uhr statt. Knapp 100 Marktbeschicker präsentieren handwerkliche Produkte, Geschenkideen, Dekoratives, kulinarische Spezialitäten und Nützliches für den Haushalt. Von Kindermode bis zur Tischdecke und Zuckerwatte ist alles vertreten.

Die Modelle der IG Truckmodellbau sind während des Markts und auch schon am Samstag, 5. November, im Schlosskeller zu sehen.

Mehr Info unter www.ig-rems-murr.de