Waiblingen

Senta Berger liest im Bürgerzentrum Waiblingen Werke von Alfred Polgar

SentaBerger
Senta Berger im Waiblinger Bürgerzentrum. © ZVW/Gaby Schneider

„Wiener Melange“ war der Titel eines außergewöhnlichen Abends im Bürgerzentrum von Waiblingen, der bei denjenigen, die ihn erlebten, noch lange nachhallen wird. Er fand am Freitagabend in der Reihe „Literatur plus“ statt.

Die Schauspielerin, Sängerin und Filmproduzentin Senta Berger las von ihr selbst ausgewählte Texte des Wiener Literaten und Frauenverstehers Alfred Polgar, die – wer hätte es gedacht – sich dem ewigen Thema des Streits der Geschlechter widmen, wie zusammenfindet, was womöglich gar nicht zusammengehört, wie sich Paare, die miteinander alt wurden, lautstark anschweigen, über Eifersucht und Ehebruch, all das, was Polgar unter das Bonmot zusammenfasst: „Das Verhältnis zur Geliebten steht unter beständigem Druck einer zweifachen Angst: der Angst, dass es enden, und der Angst, dass es dauern könnte.“ Und zum Abschluss des anderthalbstündigen Vortrags, was im Zusammenhang mit Wien niemals fehlen darf, eine bitterböse Betrachtung über den Heurigen und die untrennbar mit ihm verbundene Schrammelmusik.

Eine Reise in die untergegangene Welt der Wiener Moderne

Mit sparsamen Gesten, aber umso präziserem Vortrag, sich dem Publikum nicht anbiedernd, sondern auf Distanz bedacht, ohne Bühnenbild, ohne Requisiten, keine anderen Darsteller, stellte Berger nicht sich selbst in den Vordergrund, sondern trat hinter dem von ihr geschätzten Autor zurück. Sie verlieh ihm Stimme für bissige Ironie und auch ein bisschen Bosheit.

So wurde die ewige Reibung, die Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gedachtem seziert. Berger entführte ihr Publikum in die untergegangene Welt der Wiener Moderne. Kongenial unterstützten sie dabei die Geiger Daniel Frühwirth und Johannes Zahlten. Melange ist übrigens eine Zubereitungsart von Kaffee, „halb Milch, halb Kaffee, meist im Glas serviert“.

Literarische Debatten in verrauchten Kaffeehäusern

Gemeinsam mit dem Publikum tauchten sie ein in eine Zeit, als Musicals noch „Operette“ hießen, der direkte Einzugsbereich der Weltstadt Wien bis hinunter ans Schwarze Meer und hinauf bis nach Lemberg reichte, als in den innen und außen reichlich mit Stuck verzierten Wohnungen des Bürgertums die Welt noch wohlgeordnet und Kaiser und König Franz Joseph I. das Geschick des Vielvölkerstaates auf immer und ewig zu garantieren schien, obwohl die sozialen und nationalen Gegensätze ihn immer mehr auseinandertrieben.

Es war eine Zeit, in der die Diskussionen der literarischen Zirkel die rauchgeschwängerten Kaffeehäuser beherrschten. „Ins Kaffeehaus geht man, wenn man allein sein will, dazu aber Gesellschaft braucht“, verweist Berger auf Polgar, der am 17. Oktober 1873 als jüngstes von drei Kindern im zweiten Wiener Bezirk, in der Leopoldstadt, geboren wurde.

1938 musste Alfred Polgar mit seiner Frau vor den Nazis fliehen

Seine Eltern Josef und Henriette Polak, geborene Steiner, waren galizische Juden und betrieben eine Klavierschule. Alfred, den Namen Polgar, ungarisch für „Bürger“, nahm er 1914 an, wurde zunächst Redakteur der Wiener Allgemeinen Zeitung, betätigte sich als Schriftsteller, Aphoristiker, Kritiker und Übersetzer. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 flohen er und seine Frau nach Paris, Marseille und schließlich in die USA. 1949 wurde Zürich ihr Domizil, wo Polgar 1955 verstarb und seine letzte Ruhestätte gefunden hat.

Senta Berger kam in Wien im 13. Bezirk zur Welt

Die Wahlmünchnerin Senta Berger wurde wie Polgar in Wien geboren, allerdings nicht wie er in der Leopoldstadt, sondern in Lainz im 13. Bezirk. Bereits im zarten Alter von vier Jahren trat sie zusammen mit ihrem Vater auf, sie sang, er am Klavier. Mit 16 Jahren wurde sie als bisher jüngste Schülerin am Max-Reinhardt-Seminar aufgenommen, 1958 wurde sie Mitglied am Theater in der Josefstadt. Parallel zu ihrer Theaterarbeit machte sie in Deutschland, Italien, Frankreich und in den USA vor der Kamera Karriere und etablierte sich als erfolgreiche Produzentin. 2003 gehörte sie den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie an, der sie bis 2010 zusammen mit Günter Rohrbach vorstand.

Wegen Corona nur 100 Besucher im Bürgerzentrum Waiblingen

Mit stürmischem, schier nicht enden wollendem Beifall verabschiedete das dankbare Publikum, das größtenteils der gleichen Altersgruppe angehört wie Senta Berger, das Trio nach dem Auftritt. Es war ein gelungener Auftakt für eine Spielsaison, auf die man schmerzlich lange warten musste. Sie hat im Gefolge der Corona-Pandemie so manches mit sich gebracht, an das man sich erst noch oder wieder gewöhnen muss, wie das Tragen einer medizinischen Maske auch während der Aufführung, dass der Ghibellinensaal mit gerade mal hundert Besuchern ausverkauft ist, dass man sich als Besucher mit seinen Kontaktdaten registrieren lassen und auch nach der Vorstellung auf der Treppe auf Abstand achten muss und dass die auf der Eintrittskarte aufgedruckten Sitzplatznummern tatsächlich gelten.

„Wiener Melange“ war der Titel eines außergewöhnlichen Abends im Bürgerzentrum von Waiblingen, der bei denjenigen, die ihn erlebten, noch lange nachhallen wird. Er fand am Freitagabend in der Reihe „Literatur plus“ statt.

Die Schauspielerin, Sängerin und Filmproduzentin Senta Berger las von ihr selbst ausgewählte Texte des Wiener Literaten und Frauenverstehers Alfred Polgar, die – wer hätte es gedacht – sich dem ewigen Thema des Streits der Geschlechter widmen, wie zusammenfindet, was

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