Waiblingen

Sexueller Missbrauch im Kinderheim

Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW

Waiblingen/Murrhardt. Alkoholsucht in der Familie, eine Kindheit im Heim, Depressionen. Das sind die Eckpfeiler eines Falles, in dem ein 20-Jähriger wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt ist. Er soll vor zwei Jahren mehrmals Geschlechtsverkehr mit einem damals Zwölfjährigen gehabt haben. Offenbar waren die Taten eingebettet in ein Klima sexueller Freizügigkeit – das von den Heimmitarbeitern lange Zeit unentdeckt blieb.

Mindestens 20-mal soll ein heute 20-jähriger ehemaliger Bewohner eines christlichen Kinderheimes in Murrhardt Geschlechtsverkehr mit einem damals Zwölfjährigen gehabt haben. Der Jüngere wohnte ebenfalls in dem Heim.

Einvernehmliche Sexualkontakte

Obwohl die Sexualkontakte im Frühjahr und Sommer 2015 nach Aussage beider einvernehmlich stattfanden, muss der Ältere sich nun wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern vor einem Jugendschöffengericht verantworten.

Denn er war zum Tatzeitpunkt bereits volljährig. Den Vergehen voraus geht eine schwierige Familiengeschichte: Mit drei Jahren war der Angeklagte wegen der Alkoholsucht seiner Mutter in eine Pflegefamilie gekommen, später in das Murrhardter Kinderheim.

Diagnose: Depression

Anfangs hatte ihn seine Mutter an den Wochenenden noch besucht, mit 16 Jahren brach er den Kontakt zu seiner Familie allerdings ab. Vier Jahre lang herrschte Funkstille. „In diese Zeit fallen auch diese Übergriffe“, sagt der Angeklagte vor Gericht. Er wirkt dabei sehr reflektiert.

Nach seinem Hauptschulabschluss 2013 scheiterte der Waiblinger nach eigener Aussage an der 10. Klasse einer Realschule, suchte vergeblich nach einer Ausbildungsstelle und nahm an einer Maßnahme des Jobcenters teil. Im Frühjahr 2015 sei er krank geworden: laut Diagnose eine Depression.

Medikamente mit Nebenwirkungen

„Ich habe damals ein Testament geschrieben und es in meinem Zimmer versteckt“, schildert er. Eine Heimmitarbeiterin fand dieses, erkannte es als Warnsignal und schickte den damals 19-Jährigen in Behandlung. Er bekam Medikamente verschrieben.

Anfangs hätten ihm diese geholfen, allerdings habe er bald unter starken Nebenwirkungen gelitten, so der Angeklagte. Abgesetzt habe er die Mittel erst im August des vergangenen Jahres. Diese Medikamente hätten eine große Rolle gespielt, betont die Mitarbeiterin der Jugendgerichtshilfe. Es sei nicht klar ersichtlich, weshalb der junge Mann über einen so langen Zeitraum unter Medikamente gesetzt worden sei, ohne mit ihm zu sprechen.

Vernehmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Sowohl die Vernehmung des Angeklagten zur Sache, als auch die Aussage des Geschädigten erfolgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. In der weiteren Verhandlung wird allerdings klar, dass der Geschlechtsverkehr wohl einvernehmlich stattgefunden hat.

Dem Jüngeren sei bei seinem Einzug ins Kinderheim im Jahr 2013 bereits der Ruf vorausgeeilt, dass er sexuellen Experimenten gegenüber aufgeschlossen sei, heißt es. „Er musste also nicht dazu gedrängt werden“, so die Staatsanwältin.

Besondere Schwere der Schuld

Dennoch sei schon allein wegen der Vielzahl der Kontakte von einer besonderen Schwere der Schuld auszugehen und eine Jugendfreiheitsstrafe zu verhängen. Positiv zu bewerten sei die Tatsache, dass der Angeklagte ein durchgängiges Geständnis abgelegt habe und nicht vorbestraft sei.

Die Jugendgerichtshilfe stellt eine gute Sozialprognose: Der 20-Jährige hat für den Herbst dieses Jahres einen Ausbildungsplatz in einem Betrieb in Aussicht, in dem er bereits ein Praktikum absolviert hat. Zudem hat er bereits freiwillig Gespräche mit einem Mitarbeiter der Beratungsstelle für sexualisierte Gewalt geführt.

Richter: „Rote Linie überschritten“

Am Ende verurteilt das Gericht den Angeklagten nach dem Jugendstrafrecht zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten. Diese wird auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem muss der junge Mann 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten und weitere Beratungsgespräche führen. Zur Urteilsbegründung sagt der Vorsitzende Richter Luippold: „In diesem Fall müssen wir ein Zeichen setzen, die rote Linie ist weit überschritten.“ Eine Freiheitsstrafe sei daher unumgänglich, auch wenn der vorliegende kein typischer Missbrauchsfall sei.

Zu erwähnen sei allerdings, dass es sexuelle Kontakte nicht nur zwischen dem Angeklagten und dem Geschädigten gegeben habe: „Diese Taten waren offenbar eingebettet in einen Sumpf der sexuellen Freizügigkeit.“ Den Aussagen der zwölf- bis 15-jährigen Zeugen zufolge habe es in besagtem Heim über das übliche Maß hinaus Sexualverkehr unter den dort wohnenden Kindern und Jugendlichen gegeben.

"Wild durcheinander, jeder mit jedem"

„Und zwar wild durcheinander, jeder mit jedem“, so der Richter nach der Verhandlung. Nach dem Bekanntwerden der Fälle habe es in dem Kinderheim entsprechende Konsequenzen gegeben. Beendet wurde das Treiben demnach im Sommer 2015, angefangen hatte es wohl bereits im Jahr 2014.

Die beteiligten Bewohner wurden versetzt, auch der Angeklagte musste damals das Heim verlassen. Es bestehe aber laut den Akten kein Verdacht auf ein Fehlverhalten der Mitarbeiter oder der Heimleitung. Diese habe gut und schnell interveniert.

Die Gesetzeslage

  • Sexuelle Handlungen an Kindern sind laut § 176 des Strafgesetzbuches immer strafbar. Als Kind gelten Personen unter 14 Jahren.
  • Vorgesehen sind Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. In besonders schweren Fällen beträgt die Strafe mindestens ein Jahr.
  • Nicht geahndet wurden in dem vorliegenden Fall die Sexualkontakte unter den Zwölf- bis 15-Jährigen. „Entweder waren die Beteiligten alle noch Kinder, oder so kurz über dem Kindesalter, dass dies nicht vor Gericht gelandet ist“, so der Richter Luippold.