Waiblingen

SFC Waiblingen: 70 Jahre Leidenschaft für den Flugsport

Sportfliegerclub Waiblingen
„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, sang einst Reinhard Mey – das Bild gibt ihm recht. © Sportfliegerclub Waiblingen

Ein Jubiläum kann der Sportflieger-Club Waiblingen (SFC) im Juni 2021 feiern. Vor 70 Jahren trafen sich Flieger der ehemaligen Flug- und Arbeitsgruppe Waiblingen, die vor 90 Jahren anfingen, Segelflugzeuge zu bauen und zu fliegen, und gründeten einen neuen Verein. Nach der Niederlage der Nazis im Zweiten Weltkrieg endete die Pionierzeit der Fliegervereine, da die Alliierten zunächst alle fliegerischen Aktivitäten verboten.

Am 1. Juni 1951 war es dann so weit, dass ein Nachfolge-Verein in Waiblingen gegründet werden konnte. Doch bevor man sich in die Lüfte erhob, mussten wie damals zunächst einmal wieder Segelflugzeuge gebaut werden. Die Flügel aus Kiefernleisten und Sperrholz, der Rumpf für die Leistungsflugzeuge ebenso, bei den Schulmaschinen aus verschweißten Stahlrohren, die mit Stoff bespannt waren.

Die Vögel hießen dann Spatz, Bergfalke oder Weihe. Letzterer war laut Vereinsbericht ein Hochleistungssegler, der in einer Scheuer versteckt die Nachkriegszeit ziemlich ramponiert überlebte. Es dauerte nicht lange, da war die Weihe wieder wie neu restauriert und schon 1959 gelang Karl Bauer mit ihr ein sensationeller Höhenrekord über der Teck. Im Aufwind einer Gewitterwolke stieg er im Blindflug auf 10.200 Meter und gewann dabei 9650 Höhe im Segelflug. Wegen der gefährlichen Turbulenzen ist Wolkenflug heute verboten.

Landwirtschaft hatte Vorrang vor dem Flugsport

Schon immer war es ein Problem, dass die Waiblinger Flieger kein eigenes Fluggelände hatten. „Alle Versuche in Beinstein, Hebsack, Rommelshausen und Weiler, eine genügend lange Schleppstrecke für den Windenstart zu finden, schlugen in den 50er Jahren fehl, da die landwirtschaftliche Nutzung Vorrang hatte“, schreibt der Verein. In den 30er Jahren wurde noch der Gummiseil-Start praktiziert. Ein Dutzend Kameraden zogen auf das Kommando „Ausziehen, laufen, los“ die zwei Gummistränge bergabwärts rennend in die Länge, der Segler wurde damit in die Luft katapultiert und glitt dann zu Tal. 1939 startete mit dieser Methode Karl Bauer vom Kleinheppacher Kopf, erreichte die Aufwinde einer Kaltluftfront und segelte in fünfeinhalb Stunden bis nach Tschechien, wo er halb erfroren in kurzen Hosen in Pilsen landete. Noch heute erinnert ein Gedenkstein an der Startstelle an diesen Flug.

In einem alten VW-Bus trafen sich die Flieger morgens an der Werkstatt

Nachdem die Flieger in der näheren Waiblinger Umgebung kein geeignetes Fluggelände fanden, fingen sie auf dem ehemaligen Exerzierplatz in Ludwigsburg mit Windenstarts an. „Bald jedoch beanspruchten die amerikanischen Besatzer das Gelände“, schreibt der Verein. Doch die Waiblinger hatten dann doch noch Glück: Sie durften auf dem Flugplatz in Hessental bei den Fliegerkollegen aus Schwäbisch Hall als Gäste ab 1961 auf dem damals amerikanischen Militärflugplatz fliegen. „Bis heute ist der Adolf-Würth-Airport nun Heimatflugplatz des SFC und den Haller Fliegern ist der Dank gewiss.“

In einem alten VW-Bus trafen sich die Flieger morgens an der Werkstatt in Waiblingen, der Transportwagen mit dem doppelsitzigen Bergfalken wurde angehängt und ab ging es in einer Stunde nach Schwäbisch Hall. Schnell war das Flugzeug aufgebaut und schon begannen die Schulflüge. Zwei oder drei Starts konnte jeder Schüler machen, meist war dann auch das Taschengeld aufgebraucht, aber es reichte immer noch auf der Rückfahrt für einen Teller Spätzle mit Soße in einer Wirtschaft.

Die erste Werkstatt war in der alten Kelter, wo heute die Feuerwehr ist

Das größte Hemmnis in dieser Zeit waren für die Waiblinger die vielen Umzüge mit dem Vereinsheim. „Immer waren sie jemandem im Weg“, heißt es im Vereinsbericht. Die erste Werkstatt war in der alten Kelter, wo heute die Waiblinger Feuerwehr stationiert ist. In zwei alten Baracken des ehemaligen Reichsarbeitsdienstes an der Rems konnten danach Flugzeuge gebaut und untergestellt werden, doch bald benötigte der Reiterverein ein Turniergelände. Die Flieger rissen die Baracken ab und bauten mit Teilen davon neben dem Schützenverein am alten Neustädter Weg eine neue Halle.

In Beinstein erhielt der SFC Waiblingen ein Grundstück

Nun waren es die Tennisanlagen, denen sie im Weg waren. Die Flieger einigten sich mit der Stadtverwaltung, wieder mal die Zelte abzubrechen, und erhielten dafür in Beinstein ein Grundstück und die Zusage der Erstellung eines Rohbaus, wo der SFC Waiblingen später seine endgültige Bleibe haben sollte. Bis zur Fertigstellung zogen sie in eine leere alte Fabrikhalle ihres Mitglieds Kögel. Mit viel Eigeninitiative konnten sie schließlich den Innenausbau ihrer gelben Fliegerhalle mit Werkstatt, Flugzeughalle und Casino fertigstellen und haben nun dort seit 1980 ihr hoffentlich letztes Vereinsheim.

Werkstattleiter Gerhard Dürr trug lange die Verantwortung für den Bau vieler Flugzeuge

Wegen der vielen Umzüge und Bauarbeitsstunden gaben viele Mitglieder im Lauf der Zeit auf, so dass aus der vor dem Krieg größten Fliegergemeinschaft in der Umgebung ein kleiner, verschworener Haufen wurde, der laut Vereinsbericht jedoch Erstaunliches zuwege brachte. „Der erfahrene Werkstattleiter Gerhard Dürr trug in den vielen Jahren die Verantwortung für den Bau vieler Flugzeuge.“ Für Kenner eine kleine Aufzählung: L-Spatz, Bergfalke, Zugvogel, Libelle, Cirrus, ASW 20, Kestrel, Ventus, Elfe, Discus, um einige zu nennen. Dazu kamen Reparaturen an eigenen Flugzeugen sowie denen von Mitgliedern aus anderen Vereinen. „Natürlich waren auch die Transportanhänger alles Eigenbauten“, schreibt der Verein.

200.000 D-Mark für das damals beste doppelsitzige Segelflugzeug

Eines Tages entschlossen sich die Waiblinger, das damals beste doppelsitzige Segelflugzeug der Welt zu fliegen, ein Nimbus 3D mit fast 25 Meter Spannweite. Woher die fast 200.000 D-Mark nehmen und nicht stehlen? Durch den Verkauf von zwei Seglern, zinslosen Darlehen einiger Mitglieder sowie Spenden von Förderern und einem Zuschuss der Stadt Waiblingen stand die Finanzierung. Mit vielen Arbeitsstunden wurde der Hochleistungssegler vollendet. „Schnell zeigten sich die überragenden Flugeigenschaften in einer Vielzahl von bemerkenswerten Streckenflügen, gekrönt von einem 1000-Kilometer-Flug in Deutschland, vor 30 Jahren noch eine Spitzenleistung im motorlosen Flug“, heißt es im Vereinsbericht.

Auch eine deutsche Meisterschaft und eine Vize-Weltmeisterschaft mit einem Discus in der Standardklasse ließen aufhorchen. „Die Freude war groß, als sie mit ihrem Bergfalken, dem ältesten Doppelsitzer unter den Teilnehmern, zwei Jahre nacheinander den ersten Platz beim internationalen Hahnweide-Wettbewerb erflogen und bei den Sportlerehrungen der Stadt Waiblingen geehrt wurden.“

Absturz über Waldstück: Pilot wird schwer verletzt

Zwei Unfälle überschatteten die erfolgreichen fliegerischen Aktivitäten. Bei einem Wettbewerb stürzte der Discus in ein Waldstück. Der Pilot war schwer verletzt, hat sich laut Vereinsangaben aber gut erholt und das Flugzeug konnte von den Waiblinger Fliegern repariert werden. Bei einem Fliegerlager in den österreichischen Alpen hatte der doppelsitzige Nimbus Bodenberührung beim Überfliegen eines Bergrückens mit Totalschaden und zwei verletzten Piloten. „Keiner konnte es glauben, aber der Nimbus flog nach einer aufwendigen Reparatur besser als vorher und die Piloten ebenso.“

Leistungsfähiges Ultraleichtflugzeug selbst gebaut

Schon vor der Jahrtausendwende gab es in den Köpfen der Waiblinger Flieger die Idee, dass man mit einem in Schwäbisch Hall stationierten Motorflugzeug unabhängig von einer Startmannschaft wäre und an vielen schönen Flugplätzen, die man aus dem Segler bisher nur von oben betrachtete, landen könnte. Auf der Aero-Messe in Friedrichshafen sahen sie ein wunderschönes, leistungsfähiges Ultraleichtflugzeug. „Da es in Kunststoffverbund-Bauweise wie ihre Segler konstruiert war, gab es kein langes Überlegen: Das können wir selber bauen“. schreibt der Verein.

Mit 230 Kilometer pro Stunde nach Rügen und Juist

Zwei Jahre intensiver Arbeit aller Piloten waren nötig, um das Flugzeug mit Motor, Steuerung, Fahrwerk, Instrumenten und Verstellpropeller zu vollenden. Nun fliegen sie seit 20 Jahren mit dieser zweisitzigen „Fascination“. Ziele wie Rügen, Juist, Görlitz, Zell am See sind mit einer Tankfüllung bei einer Reisegeschwindigkeit von 230 Kilometer pro Stunde schnell zu erreichen. „Durch Absprache der Piloten kommt keiner in dem Flugzeug mit Doppelsteuerung fliegerisch zu kurz.“

Die Sportflieger hoffen, dass das 70-Jahr-Jubiläum nur ein Meilenstein auf dem Weg des Sportfliegerclub Waiblingen sein wird. „Schade nur, dass es wegen der Corona-Situation nicht entsprechend gefeiert werden kann“, schreibt der Verein. Die Vereinsmitglieder hätten dies gerne auch zur Erinnerung an ihre inzwischen verstorbenen alten Fliegerkameraden getan.

Ein Jubiläum kann der Sportflieger-Club Waiblingen (SFC) im Juni 2021 feiern. Vor 70 Jahren trafen sich Flieger der ehemaligen Flug- und Arbeitsgruppe Waiblingen, die vor 90 Jahren anfingen, Segelflugzeuge zu bauen und zu fliegen, und gründeten einen neuen Verein. Nach der Niederlage der Nazis im Zweiten Weltkrieg endete die Pionierzeit der Fliegervereine, da die Alliierten zunächst alle fliegerischen Aktivitäten verboten.

Am 1. Juni 1951 war es dann so weit, dass ein Nachfolge-Verein

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