Waiblingen

Sicher in die Biker-Saison: Fahrsicherheitstraining beim ADAC

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Ein Verkehrsübungsplatz bietet ideale Möglichkeiten, sich und sein Motorrad auszuprobieren. © Winterling / ZVW
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Für Instruktor Ludwig Sedlatschek sind nasse Straßen gute Voraussetzungen für ein Fahrtraining – allerdings hätte es dazu nicht gerade in Strömen regnen müssen. © Winterling / ZVW
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Ludwig Sedlatschek bietet Fahrtrainings nicht nur für Motorräder, sondern auch für Gespanne an. Er fährt seit 1986 Gespanne und ist ausgebildeter Instruktor seit 2000. © Winterling / ZVW

Waiblingen/Kirchheim unter Teck. „Die Kurse finden auch bei schlechter Witterung statt.“ Diesen Hinweis in der Anmeldebestätigung hätte man durchaus als Warnung verstehen sollen. Es regnet in Strömen. Ich hasse durchweichte Handschuhe, ich hasse beschlagene Helmvisiere, und ich hasse Motorradfahren im Regen. Doch die Fahrsicherheitstrainings finden bei jeder Witterung statt, auch bei diesem Sauwetter.

ADAC-Sicherheitsfahrtrainig für Motorradfahrer - bei Regen.

Ludwig Sedlatschek steigt von seiner BMW, nimmt den Helm ab und setzt sich eine grüne Anglerregenkappe auf. Die ersten Runden auf dem Verkehrsübungsplatz Birkau bei Kirchheim unter Teck zum Warmwerden haben wir hinter uns. Wir sind stehend gefahren, haben eine Hand vom Lenker genommen und wir versuchten es freihändig ... Aber bitte vorsichtig, hat uns Ludwig, der Instruktor des Fahrsicherheitstrainings, bei diesem Nieselregen gebeten. Im Grunde findet Ludwig nasse Straßen für den Zweck prima. Schließlich sollen wir ja etwas lernen über uns und unsere Motorräder. Aber wegschmeißen sollten wir uns bitteschön nicht. Wir seien zwar versichert, meint Ludwig, doch 800 Euro Selbstbeteiligung blieben an uns hängen. Vor allem habe er keine große Lust auf den ganzen Papierkram. Bikerhumor.

Fast 20 Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer haben sich zum Fahrtraining des ADAC in Kirchheim/Teck angemeldet. Die Teilnehmer kamen aus ganz Württemberg, aus Neu-Ulm und Balingen, aus Stuttgart und Schorndorf. Trotz Regen. Ludwig hält sich nicht lange mit Erklärungen auf, sondern schickt seine Gruppe mit den erfahreneren Bikern gleich auf den Kurs. Wir, das sind sechs Motorradfahrer zwischen Ende 30 und fast 60. Die meisten waren in der Jugend begeisterte Motorradfahrer. Dann kamen Familie und Kinder – die übliche Geschichte.

Angemeldet fürs Fahrtraining haben sich nicht nur Anfänger, die frisch den Führerschein haben. Auch ein Alltagsfahrer ist mit dabei. Der Ingenieur aus Schorndorf schlängelt sich täglich mit seiner Honda durch den Stau nach Stuttgart und ist mit dem Motorrad im Jahr fast 20 000 Kilometer unterwegs. Wir Schönwetter-Fahrer, die über den Winter ihr Motorrad einmotten, können uns zum Saisonauftakt auf einer Übungsanlage wieder ans Motorrad gewöhnen und dessen Eigenheiten kennenlernen, beantwortet Ludwig die Frage, warum sich ein Fahrtraining nicht nur für Anfänger lohnt. Vor allem müssten die Handlungsmuster sitzen, sagt Ludwig. Und damit sie passen, heißt es üben, üben, üben.

Zum Beispiel Ausweichen. Jeder Motorradfahrer hat Horror vor dieser Situation: Ein Auto schiebt sich in die Kreuzung hinein. Durch den Kopf schießt die Frage: „Bremsen oder Ausweichen?“ Wie weicht ihr aus, fragt Ludwig. Was macht ihr eigentlich bei einem Ausweichmanöver? Die Antwort ist gar nicht so einfach, da man sich der Bewegungsabläufe nicht bewusst ist. Im Praxisversuch zeigen sich die Tücken, wenn der Instruktor erst im letzten Moment anzeigt, in welche Richtung wir ausweichen müssen. Im Ernstfall wäre es zu spät gewesen.

Bremsen oder Ausweichen? Selbst ein Biker mit jahrzehntelanger Erfahrung und zig Tausenden Kilometern auf dem Buckel wie Ludwig hat dafür kein Patentrezept. Bei geringeren Geschwindigkeiten sei der Platzbedarf für ein Ausweichmanöver in etwa gleich groß wie fürs Bremsen. Bei hohen Geschwindigkeiten auf der Landstraße rät der Instruktor auf jeden Fall zu einer Vollbremsung – schon damit der Einschlag in den Traktor nicht so heftig ausfällt. Bikerhumor – dem Regen zum Trotz, der langsam durch die als vermeintlich wasserdicht gekaufte Hose kriecht.

Das zweite Paar Handschuhe entpuppt sich als ebenso wenig wasserdicht wie das erste. Die kalten Hände sind jedoch schnell vergessen, als es um die richtige Linie um die sich zuziehende Kurve vor der Senke geht. Anbremsen, rollen und wieder beschleunigen. Einmal mehr bewährt sich der Tipp für eine ruhige Kurvenlinie, nämlich vorausschauend zu fahren. Es gilt die alte Regel: Wir fahren dorthin, wohin wir schauen.

Endlich – nach der Mittagspause, etwas Biker-Latein bei Pizza und Pasta und dem vergeblichen Versuch, zumindest die Handschuhe trocken zu kriegen – lässt der Regen nach. Von der Alb herunter bläst ein kräftiger Wind. Der Asphalt trocknet ab. Wir fahren im Kreis herum und probieren Kurventechniken: Drücken, Legen und Hängen. Wir tasten uns an die Schräglage heran, die wir uns zutrauen. Wir lernen, ob und wie viel Reserven wir in einer Kurve noch haben – oder eben nicht. Ludwig stellt klar. Gefährlich leben beide, der Motorradfahrer, der sich überschätzt, ebenso wie der Kollege, der sich unterschätzt. Wer die Kurve bereits auf der letzten Rille fährt, hat keine Reserven mehr. Wer denkt, er fahre bereits am Limit, traut sich nicht, sich noch ein bisschen stärker in die Kurve zu legen.

„Ich weiß jetzt, wo meine Grenzen sind“

Beim Fahrtraining lernen wir uns besser kennen. Wir können uns und unsere Maschine ausprobieren. Auf die Frage, ob wir nach dem Training sicherer unterwegs seien, zögert Ludwig Sedlatschek mit der Antwort. Es komme darauf an, ob man dazu neige, sich zu überschätzen, oder ob man eher Realist ist und sich sagt: „Ich weiß jetzt, wo meine Grenzen sind!“ Gleich wie: Vermutlich sind die Teilnehmer im Vorteil, weil sie sich und ihr Motorrad besser einschätzen können. Fahrer und Maschinen bildeten eine Einheit, sagt Ludwig. „Mein Motorrad kann was, und ich kann was. Das muss zusammenpassen.“ Wichtig sei, den Realitätsbezug zu schaffen nach dem Motto. „Ich war gut, aber ...“

Der Verkehrsübungsplatz ist abgetrocknet. Es geht ans Bremsen. Bis auf meinen Oldtimer sind die BMWs, die Suzuki, Honda und KTM mit Antiblockiersystemen ausgestattet. Seit diesem Jahr sind die bei allen Neuzulassungen Pflicht. Die KTM hat sogar ein Kurven-ABS, das Schräglagen erkennt und somit eine Vollbremsung in der Kurve ermöglicht. Für den, der sich’s traut. Doch ABS ist nicht ABS. Und der Blockierschutz ist keine absolute Sicherheit, mahnt Ludwig, sich darüber bewusst zu sein, was die Technik leistet und was nicht. „Wir haben viele Leute beim Fahrtraining, die ein ABS haben“, sagt Ludwig. „Aber auch viele Leute, die noch nie im Regelbereich des ABS gebremst haben, weil sie es sich einfach nicht trauen.“ Auf dem Verkehrsübungsplatz dürfen sie unter fachlicher Anleitung voll reinlangen – und müssen es sogar.

Ein Messgerät bringt den Beweis. Die Vollbremsung ohne ABS erbringt eine Verzögerung von 6,9 m/s2. Mit ABS sind es aber locker über acht. Anders gesagt: Von 70 auf Null benötigte ich rund 30 Meter. Der ABS-Kollege kann 80 km/h schnell sein und kommt innerhalb dieser Distanz zum Stehen. Allerdings zeigt das Diagramm eine kleine Tücke beim ABS. Bei der Vollbremsung hat das Motorrad zunächst stark verzögert, die Bremse musste allerdings wieder aufmachen. Dieser Zacken ist unnötig. „Gewöhnt euch das dosierte Steigern an!“, rät Ludwig den ABSlern, nicht abrupt zuzulangen, sondern zügig an den Bremspunkt heranzukommen.

Was für ein Unterschied! Keiner von uns sechs hat sich vorgestellt, wie viel es ausmacht, ob wir mit 50 oder 70 km/h unterwegs sind. Sind doch bloß 20 km/h Differenz. Von wegen bloß. Bei einer Vollbremsung aus 70 km/h hatten wir noch ordentlich Tempo drauf an der Stelle, wo wir bei 50 km/h schon gestanden hatten. Noch krasser unterscheiden sich die Bremswege zwischen 50 und 30. Nicht auszudenken, wenn die Pylone ein Kind gewesen wäre, das hinter einem Auto hervorspringt. Ausweichen oder Bremsen? Fahrtraining sei dank werde ich hoffentlich die richtige Entscheidung treffen. Auch oder gerade bei Regen und auf nassem Asphalt.

Anbieter von Sicherheitstrainings:

Es gibt verschiedene Anbieter von Fahrtrainings für Motorradfahrer. Der ADAC bietet eine ganze Palette an, vom Basistraining bis hin zu Intensiv-, Perfektions- und Wiedereinsteigerkursen oder Trainings für Frauen. Das Basistraining findet auf den Verkehrsübungsplätzen Leonberg und Kirchheim/Teck statt. Die Kursgebühr beträgt 99 Euro für Mitglieder und 115 Euro für Nicht-Mitglieder. Internet: www.adac.de/produkte/fahrsicherheitstraining/motorrad

Die naheliegendste Möglichkeit ist, sich an Sonja und Günther Battermann zu wenden, die seit Jahren für die Verkehrswacht Rems-Murr Kurse anbieten. Auf den Basiskurs bauen der Kurven- und Bremsenkurs auf, die in Waiblingen oder Schorndorf stattfinden. Es gibt zudem einen Einsteigerkurs für Führerscheinneulinge oder ein Training für Frauen. Kosten pro Kurs: 40 Euro für Motorradfahrer unter 21 und Mitglieder der Kreisverkehrswacht beziehungsweise 60 Euro für Nichtmitglieder. Die Kurse sind meist frühzeitig im Jahr ausgebucht. Ob’s noch Plätze gibt, steht im Internet: www.motorradtraining-wn.de. Anmeldung und Info unter Tel. 0 71 51/7 97 88 (Montag, Mittwoch und Donnerstag zwischen 19 und 19.30 Uhr).

Der Automobilclub Europa (ACE) hat für seine Sicherheitstrainings ein Übungsgelände in Filderstadt. „Sicherer Fahrspaß setzt voraus, dass Sie Ihre Maschine beherrschen“, heißt es auf Internetseite www.ace-online.de. Derzeit sind jedoch in der näheren Umgebung keine Termine mehr frei.

Was wird geübt?

Das Motorrad-Basis-Training beim ADAC hat folgende Inhalte:

  • Richtiges Sitzen, Blicken und Lenken in Slalomparcours und auf Kurvenstrecken, Verfeinerung des Balancegefühls.
  • Erarbeiten von Schräglage-Reserven und der richtigen Lenktechnik.
  • Auswirkungen von Vorder- und Hinterrad-Bremse bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten sowie auf trockener und nasser Fahrbahn.
  • Wie gehe ich mit schwierigen Fahrsituationen um? Welche Manöver helfen mir, diese zu bewältigen? Lernen Sie Handlungsmuster, um optimal zu reagieren.
  • Viele Tipps und Tricks zum Fahrzeughandling: In welcher Situation ist bremsen besser, in welcher Ausweichen? Was tun, wenn es zum Bremsen nicht mehr reicht? Was bringt ABS?