Waiblingen

Sir Waldo Weathers: Die Befreiung vom James-Brown-Joch

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Waldo Weinstadt Endersbach Jahnhalle, Jahnstraße 2. Gemeinsam mit hochkarätigen Musikern der Funk- und Soulszene der USA und Deutschland tritt Sir Waldo Weathers, langjähriger musikalischer Begleiter des Godfather of Soul, James Brown, in der Jahnhalle in Endersbach auf. Veranstaltet wird das Konzert vom Jazzclub Armer Konrad. Foto: Buettner © Büttner / ZVW
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Waldo Weinstadt Endersbach Jahnhalle, Jahnstraße 2. Gemeinsam mit hochkarätigen Musikern der Funk- und Soulszene der USA und Deutschland tritt Sir Waldo Weathers, langjähriger musikalischer Begleiter des Godfather of Soul, James Brown, in der Jahnhalle in Endersbach auf. Veranstaltet wird das Konzert vom Jazzclub Armer Konrad. Foto: Buettner © Büttner / ZVW
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Waldo Weinstadt Endersbach Jahnhalle, Jahnstraße 2. Gemeinsam mit hochkarätigen Musikern der Funk- und Soulszene der USA und Deutschland tritt Sir Waldo Weathers, langjähriger musikalischer Begleiter des Godfather of Soul, James Brown, in der Jahnhalle in Endersbach auf. Veranstaltet wird das Konzert vom Jazzclub Armer Konrad. Foto: Buettner © Büttner / ZVW

Weinstadt-Endersbach. Eines hat Sir Waldo Weathers, in Geradstetten lebender Entertainer, vermeintlichen Würdenträgern afroamerikanischer Musik wie Duke Ellington oder Nat „King“ Cole voraus: Der Mann soll auf einem deutschen Rittergut tatsächlich in den Adelsstand erhoben worden sein! Entsprechend nobel fiel sein Auftritt in der ausverkauften Jahnhalle aus.

Nobel nicht etwa, weil der Saxofon-Sir unter einem etwas martialisch wirkenden Ledermantel, wie ihn auch ein Jedi-Ritter hätte tragen können, einen roten Anzug zu roten Stiefeln versteckte. Oder weil überall in der Halle Schriftzeichen darauf hinwiesen, dass Sir Waldo 15 Jahre lang James Browns Begleitband angehörte, somit zur absoluten Soul-Elite zählt. Nobel insofern, als der in den US-Südstaaten geborene Waldo Weathers, erster schwarzer Saxofon-Spieler in der Country Music Hall Of Fame, sich in Weinstadt mit einer ausgesucht vornehmen Tafelrunde exquisiter Begleitmusiker umgab. Unter anderem gehörte ein weiteres Blaublut seiner Band an, der Keyboarder Marquis De Shoelch, des Weiteren vier überaus fähige Sänger, darunter David Hanselmann, in der Region seit den 70ern der Soul-Spezialist überhaupt, oder der hervorragende Bassist Andrew Lauer, dessen Flinkfinger-Solos auch die Klientel des Jazzclubs Armer Konrad begeistern konnte, die beim Vorprogramm mit dem Sänger Matteo Dinero, zu Musik aus der Steckdose, noch ziemlich gefremdelt hatte. Doch sobald die Werbebanner der angeblichen „New Generation Of Funk“ abgebaut wurden und den Blick auf eine stattliche Zahl „richtiger“ Musiker freigab, unter anderem auf drei Bläser und zwei Gitarristen, hörten fortan auch die Jazzfans „richtig“ hin.

Sir Waldo Weathers bei einem Auftritt im Muddys Club Weinheim

Was sich bei einem weiteren Solisten lohnte, dem Leadgitarristen Jimi Wilkes, der nicht nur wegen des Vornamens an jenen anderen berühmten Jimi (Hendrix) erinnerte. Sondern auch, weil er als Linkshänder (!), wie sein Vorbild, die Finger der rechten Hand ohne Hinzunahme der linken im Solo über die Saiten huschen lassen konnte.

Wenngleich sein Rhythmusgitarrist Billy Allen der wahre Saiten-Star des Abends war. Wegen dieser messerscharfen, den Rhythmus geradezu sezierenden Licks, Grundbestandteile des echten Funks, wie ihn der „Godfather of Soul“ James Brown so stilprägend erfand.

Ein sichtlich sanfterer Bandleader

Sir Waldo, „Da Pope (Papst) of Funk“, wie er sich selber einschätzt, hat diesen Stil von der Pike auf gelernt. Und bringt in Weinstadt die ganzen Kanon-Klassiker von „Cold sweat“ über „Papa’s got a brand new bag“ und „Living in America“ (mit Hanselmann als Sänger) bis zu „Get up offa that thing“. Und zwar einerseits zur Freude des Publikums, das fast von Beginn an zu großen Teilen auf den Beinen ist, tanzt und mitklatscht – die große Weinstädter Funkparty. Und andererseits, weil Sir Waldos Band es tatsächlich draufhat, dem Funk würdig zu frönen, die Grooves des Genres optimal zu generieren. Bei James Brown mag’s mehr Kunst gewesen sein, diese radikale Reduzierung auf den Rhythmus unter einem strengen Dirigenten, der jede Millisekunde an Abweichung mit Liebes- und Gagenentzug bestrafte. Sir Waldo ist da lockerer, ein sichtlich sanfterer Bandleader, der auch anderen den Vortritt als Sänger lässt, dem es wohl eher um Spaß, Party, Animation, Spektakel geht als um lupenreine Funkkunst. Und der sich damit sozusagen endgültig vom James-Brown-Joch befreien kann, unter dem er selber 15 Jahre lang womöglich auch ein bisschen zu leiden hatte.

Jochen Beglau zeigt seine Sängerqualitäten

Ein Höhepunkt des Konzerts, zumindest was Kuriosität und stilistischen Wagemut angeht: als Jochen Beglau, der Weinstädter Kulturamtsleiter, im Balladen-Klassiker „It’s a man’s world“ plötzlich wie aus dem Nichts zur Sängerin Jayla Brown auf die Bühne stößt. Gewandet in ein weißes Dinner-Jackett wie ein Gigolo beim Baggern, setzt er auf Italienisch zum Belcantoduett an. Der ausgebildete Opernsänger Beglau nahm sich Pavarotti zum Vorbild, der das Stück einst mit James Brown sang. Ein auf jeden Fall mutiges Intermezzo, das auch dem Partycharakter des Abends keinerlei Abbruch tat.

Waldo Weathers hat Jochen Beglau übrigens ausdrücklich darum gebeten, bei seinem Konzert als Gastsänger aufzutreten, da er mitbekam, dass der Kulturamtsleiter eine klassische Gesangsausbildung genossen hat.