Waiblingen

So wird die Kunst genießbar

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Sommertour Triennale
Da haben wir wieder so ein Tauschobjekt: Führerin Katja Nellmann am Stand von Valentin Beck und Adrian Rast. Eingeladen waren unsere Leser. © Palmizi / ZVW
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Da kniet sich jemand in die Kunst rein. © Palmizi / ZVW
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Sommertour Triennale
Ebenfalls in Bronze gearbeitete Pflanzenreste aus irakischem Kriegsgebiet. Da war mal etwas fruchtbar. © Palmizi / ZVW
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Sommertour Triennale
Vor den Mangos aus Bronze aus der Werkstatt von Subodh Gupta. © Palmizi / ZVW

Fellbach. Man sieht und erkennt nur das, von dem man auch was weiß. Das wissen jene Leser, die sich jetzt zur Triennale-Schau im Rahmen unserer Sommertouren anmeldeten. Sie wissen, ohne eine gute Führung durch diese Themenschau der Gegenwartskunst ist man ziemlich aufgeschmissen. Und die Zufriedenheit am Ende war denn auch groß – weil die Erklärerin so gut erklärte.

Video: Tauschobjekte-Werk von Valentin Beck und Adrian Rast

Die der ZVW-Gruppe zugewiesene Führerin heißt Katja Nellmann und hat Kunstgeschichte studiert. Das allein garantiert noch nicht großen Erkenntnisgewinn. Manchmal steht den Experten ihr Wissen auch im Wege. Die Kunst besteht darin, in großen Linien Zusammenhänge zu schaffen und ansonsten möglichst konkret zu sprechen oder einfach auch mal zu erzählen. Denn nichts kommt von nichts. Und das kann sehr wohl mit verständlichen Worten dargelegt werden. Katja Nellmann zeigte sich als Meisterin darin. Und wer’s selbst nachvollziehen möchte, der schaue sich im Netz auf zvw.de den kurzen Film an, wo sie ihr Lieblingsobjekt, den Tauschhandel des Duos Valentin Beck/Adrian Rast, zur Story auswachsen lässt.

Das vorab. Und zu den Bedingungen, Menschen für die Kunst wirklich zu begeistern.

Um das Essen geht es in der aktuellen Fellbacher Schau in einer sich ganz anders präsentierenden Alten Kelter. So als ob über die ganze Kelter eine riesige Husse gezogen wurde, in feinen Restaurants wird ja gern mit dieser Anmutung gearbeitet. Aber eigentlich geht es ja um Inhalte, kritische Inhalte. Und um Politik. Nämlich darum, wie wir zu unseren Lebensmitteln kommen. Deren Gewinnung dann wieder anderen Erdenbewohnern und der Erde selbst das Leben schwermacht.

Katja Nellmann also spannte kurz mal einen Rahmen auf, den geschichtlichen, wie die Kunst bislang mit dem Material für Küche und Keller umging. Im deutschsprachigen Raum bietet sich da der Verweis auf Daniel Spoerri und Dieter Roth an. Der eine hat in Düsseldorf mit Freunden ein Restaurant in den 60er Jahren eröffnet. Und das, was von einer Tafelei übrig blieb, eines Tages auf ein Brett geklebt, eine Plexiglashaube draufgesetzt und das Ganze dann umgekehrt an die Decke geschraubt. Was halt so übrig bleibt und einem beim Anblick bald den Appetit vergehen lässt.

Wenn Grundnahrungsmittel zu Gift mutieren

Toller trieb es der Schweizer Dieter Roth, in Stuttgarter Ausstellungsstätten stark vertreten. Ihn hat interessiert, wie verführerisch apart es aussehen kann, wenn unsere Grundnahrungsmittel zu Gift mutieren. Schimmelpelze und Giftpilze, entstanden durch forciertes Liegenlassen und der Luftaussetzen, das hat er in einem wahren Schimmelmuseum vereinigt.

Katja Nellmann beruhigte vorab schon mal: „Hier schimmelt nichts.“ Was hätte verderben können, wurde von den global präsenten Objektemachern oft zuvor in Bronze umgearbeitet. Damit die Bewusstseinsarbeit stabile Bezugspunkte hat.

Aber das mit der Verderbnis, die mit unserer Lebens- und Ernährungsweise zusammenhängt, das lässt sich exemplarisch zeigen etwa an der Arbeit von Josh Kline. Er lässt in einem Video einen Kurierfahrer des Lieferanten Fedex erzählen. Wie er 16, 18 Stunden den Aufträgen hinterherrast. Nicht zum Essen kommt, sondern Kaffee in sich reinschüttet. Und in Behältern nebenan zeigt Kline die typischen Gegenstände, mit denen es der Fahrer zu tun hat. Und zwar in ihrem Auflösungszustand, weil sie seit Monaten in einer Nährlösung liegen. Egal ob es der Bestellzettel ist oder die Verpackung des Heißgetränks, das die Kuriere wach halten soll. Da haben wir durchaus das alte Schimmel-Thema. Aber zugleich noch die Geschichte einer alltäglichen Ausbeutung in den Ländern von McJob. Und diese Landkarte breitet sich aus.

Der Künstler will aber nicht nur aufzeigen oder etwas destruktiv behandeln. Er will die Welt besser machen. Deshalb der Gang von Katja Nellmann zu Dan Rees und seinen Laboratorien, in denen Algen wachsen. Er zeigt uns: Jeder kann sich solch ein Becken in den Keller stellen und sich mit Meeres-Pflanzen unabhängig machen. Nebendran hängen Beutel mit allerhand Süßigkeiten. Geschickt verarbeitetes Seegras. Was die Schotten oder Iren mögen, könnte ja auch uns munden.

Katja Nellmann war es wichtig, auch den Stand von Valentin Beck und Adrian Rast zu besuchen. Sie zeigen, was etwa in Wien mittlerweile eine ganze Bewegung ausmacht. Sie nennt sich Containern und meint Mülltaucher. Was da aus den Restaurants und in den Höfen der Supermärkte gerettet wurde vor dem Wegwurf, haben die beiden säuberlich eingemacht in Weckgläsern. Sie bieten das nun im Tausch an für etwas, was uns wichtig ist. Alles ist denkbar. Auch Dienstleitungen, die dann ins ausliegende Gästebuch eingetragen werden sollen. „Ein’Mach’Ende – so wollen wir leben 2014“, heißt das Werk. Ein „Statement gegen die Wegwerfgesellschaft“ (Nellmann). Ein Arzt aus Berlin bietet als Gegenleistung eine Sitzung mit Hautkrebsprophylaxe.

Vorschläge für vertikale Landwirtschaft

Ben Schumacher ging es darum, in einem Architekturwettbewerb für New York, Stadtteil Chelsea, Bauten zu finden für vertikale Landwirtschaft. Das Hochhaus wird zur Farm.

Darum also geht es: „Was Sie hier sehen, ist Kunst, die nicht nur ästhetisch ist, sondern eine politische Aussage hat“, spricht die Erklärerin. Und wem das zu konkret ist, der findet allemal viel, was auf eine fantastische Fantasiearbeit hinweist. Und seine eigene Schönheit hat. Das galt es zu zeigen. Das wurde mustergültig vorgeführt.

Mehr Führungen

Die sachkundigen Führungen durch die Triennale erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Auch die zusätzlichen Termine wurden von den Besuchern gerne angenommen. Also geht es weiter. Öffentliche Führungen finden sonntags um 11 Uhr und um 15 Uhr, Samstagnachmittag um 16 Uhr und donnerstags um 19 Uhr statt - kostenlos. Infos: 0711- 5851-364.