Waiblingen

Stalking-Opfer durchlaufen die Hölle

Stalking
Ein Albtraum: Der Ex-Freund schleicht ums Haus, belästigt sein Opfer mit unzähligen Mails, droht, ruft nachts an. © Schneider / Zuern / ZVW

Waiblingen. Sie drangsalieren ihre Ex-Geliebte mit Anrufen, SMS, Mails. Sie passen sie ab, schicken ihr Blumen, Geschenke, Post. Verweigert sie beharrlich den Kontakt, versucht es der Peiniger mit Drohungen. Stalking – das ist ein Albtraum. Psychoterror. Manchmal werden auch Männer zu Opfern.

Ein Sondereinsatzkommando der Polizei hat in der Nacht auf Silvester in Schwaikheim einen 55-Jährigen festgenommen. Der Mann hatte seiner Ex-Freundin am Telefon gedroht, er werde sie mittels einer Handgranate töten. Es war nicht das erste Mal, dass er die Frau quälte. Die Polizei konnte den 55-Jährigen in Gewahrsam nehmen, nachdem ein Ermittlungsrichter das Okay gegeben hatte.

"Die schlimmste Zeit meines Lebens"

Silke (Name geändert) aus Schorndorf kann sich in etwa vorstellen, wie diese Frau sich gefühlt haben muss. Sie hat selbst Ähnliches erlebt, und obwohl diese Vorfälle schon länger zurückliegen, fängt sie noch heute an zu zittern, wenn sie davon erzählt: „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Ein Trauma. Ich konnte nicht mehr schlafen.“ Auch in ihrem Fall war’s der Ex-Freund, der sie zunächst mit SMS am laufenden Band belästigte. Der Mann beleidigte Silke aufs Übelste, beschimpfte sie, und schließlich stieß er fiese Drohungen aus: „Ich tu deinen Kindern was an.“ Als der Stalker dann eines Morgens schrieb, er sei vor Silkes Haus gewesen, da konnte sie nicht mehr. Die heute 49-Jährige ging zur Polizei und zeigte ihren Peiniger an. Danach hörte der Terror auf.

Nach einer Anzeige geht die Polizei gezielt auf den Täter zu, sagt Polizeisprecher Rudolf Biehlmaier: „Das zeigt im Regelfall auch Wirkung.“

Verbot an den Peiniger, sich seinem Opfer zu nähern

Wenn nicht, kommt das Amtsgericht ins Spiel. Opfer können dort eine Schutzanordnung nach dem Gewaltschutzgesetz beantragen. Eine solche Anordnung kann vorsehen, dass ein Stalker sich seinem Opfer nicht mehr nähern, ihm nicht mehr schreiben darf und dergleichen. Verstößt er dagegen, macht er sich strafbar.

Nicht mehr reagieren, aber dokumentieren

Die Polizei rät, einem Stalker sehr schnell sehr deutlich zu machen, dass seine Annäherungsversuche alles andere als erwünscht sind. Es empfehle sich aber nicht, sich auf ein angebliches abschließendes Gespräch einzulassen. Vielmehr sollten Betroffene nach deutlicher Ansage den Kontakt abbrechen, nicht mehr reagieren – aber zu Beweiszwecken akribisch alle Aktivitäten des Stalkers dokumentieren. Hilfreich ist, Familie, Kollegen und Freunde zu informieren; „das schreckt ab“, sagt Rudolf Biehlmaier.

Keine Unterlagen mit persönlichen Daten im Hausmüll entsorgen

Ausdrücklich warnt die Polizei auf Infoseiten im Internet davor, Unterlagen mit persönlichen Daten im Hausmüll zu entsorgen. Auf Werbebroschüren oder Katalogsendungen stehen außer der Adresse weitere Daten. Es kommt auch vor, dass Stalker auf den Namen ihres Opfers massenhaft Waren bestellen. Oder sie benutzen Film- und Fotomaterial, bearbeiten es und verunglimpfen ihre Zielperson auf Facebook oder anderen Netzwerken.

"Die Leute durchlaufen die Hölle"

Geheime Rufnummern oder Zweitanschlüsse können die Belästigungen mindern. Opferschutzinitiativen wie der Weiße Ring bieten ihre Hilfe an. Womöglich ist auch medizinische Unterstützung angezeigt, weil die Nachstellungen derart belastend wirken, dass Menschen davon krank werden. „Das ist ja Psychoterror. Die Leute durchlaufen die Hölle“, sagt der Polizeisprecher.

Mehr als 80 Prozent der Opfer sind Frauen

Die Polizei verweist auf eine Studie des Zentralinstituts für seelische Gesundheit in Mannheim, wonach fast zwölf Prozent aller Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens mindestens einmal gestalkt werden. Mehr als 80 Prozent der Geschädigten sind Frauen.

140 Anrufe an einem Tag

Rolf (Name geändert) zählt zu den vergleichsweise wenigen männlichen Stalking-Opfern. Eine Frau, mit der ihn nicht mal eine Beziehung verband, hatte einen Narren an ihm gefressen. Sie rief ungezählte Male an, immer öfter und öfter und öfter. In der Spitze zählte Rolf 140 Anrufe an einem einzigen Tag. Die Frau wollte reden, versicherte ihrem Verehrten, nur er verstehe sie wirklich. Rolf blieb lange sogar noch freundlich, weil er Mitleid mit der Frau empfand. Bis es ihm zu bunt wurde. Weil die Frau ständig von ihrem Arbeitsplatz aus anrief, kündigte Rolf ihr schließlich an, er werde sämtliche Telefondaten dokumentieren lassen und diese ihrem Chef zur Verfügung stellen. Von da an hörte der Telefonterror auf. Hin und wieder trifft Rolf die Frau noch heute in der Stadt. Dann kommt es sogar zu einem kurzen Gespräch – und das war’s.

Gefahr körperlicher Gewalt besteht

Ein vergleichsweise harmloser Fall. Es kann auch ganz anders ausgehen. „Bei Stalking besteht immer auch die Gefahr körperlicher und sexueller Angriffe“, warnt die Polizei. Selten, aber hin und wieder eben doch geht ein Stalker bis zum Äußersten – und tötet sein Opfer.

Stalking-Opfer sollen besser geschützt werden

Der Gesetzgeber will künftig Stalking-Opfer besser schützen. § 238 „Nachstellen“ im Strafgesetzbuch sieht vor, dass ein Täter mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft wird – sofern er die Lebensgestaltung seines Opfers schwerwiegend beeinträchtigt. Schon vor Jahren hatten Interessenvertreter von Opfern gefordert, dass eine Verurteilung auch dann möglich sein müsse, wenn das Opfer standhaft bleibe und sein Leben nicht wegen des Stalkers ändere.

Mitte Dezember 2016 verkündete nun Bundesjustizminister Heiko Maas: Künftig sollen die Täter bereits dann bestraft werden können, wenn die Tat geeignet ist, das Leben des Opfers schwerwiegend zu beeinträchtigen, sprich: Ein Opfer muss zum Beispiel nicht erst umziehen, damit ein Stalker strafrechtlich belangt werden kann.

Mehr Fälle angezeigt

50 Anzeigen wegen Stalkings sind im Jahr 2015 im Rems-Murr-Kreis bei der Polizei eingegangen. Das sind deutlich mehr Fälle als in den Jahren davor. 2014 zählte die Polizei 35 Anzeigen, im Jahr 2013 waren es 26.

Die Zahlen sind nur bedingt aussagekräftig, denn es ist davon auszugehen, dass längst nicht alle Betroffenen zur Polizei gehen.

Der Anstieg könnte auch auf ein verändertes Anzeigeverhalten zurückzuführen sein.