Waiblingen

Stoff Eisele hört nach 108 Jahren auf

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Paul Eisele und Mitarbeiterin Cornelia Kinne im Fachgespräch. © Büttner / ZVW
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Große, bunte Auswahl in Sachen Stoffe und Kurzwaren. © Benjamin Büttner

Waiblingen. Ein weiteres Waiblinger Traditionsgeschäft steht vor der Schließung: Stoff Eisele hört aus Altersgründen auf. „Mit dem Geschäftsgang hat das überhaupt nichts zu tun“, betonen die Brüder Paul und Helmut Eisele. In die frei werdenden Ladenräume an der Bahnhofstraße zieht die Bäckerei Maurer mit einem großflächigen Bäcker-Café .

„Wir reißen eine Riesenlücke auf“, sagt der 67-jährige Helmut Eisele. Ein Geschäft wie Eisele in der Bahnhofstraße, mit einem breiten Angebot von Kurzwaren und Stoffen auf einer Verkaufsfläche von 450 Quadratmetern, gibt es in der näheren Umgebung nicht. Auch der 69-jährige Bruder Paul Eisele ist sich sicher: Viele Kunden, ob Hobbynäherinnen oder Bastler, werden den Laden vermissen. An der Nachfrage hat es nie gefehlt, wirtschaftliche Gründe gibt es für die Schließung nicht. Allein ihr fortgeschrittenes Alter hat die Brüder zu diesem schmerzlichen Schritt bewogen. „So ein Betrieb erfordert einen Einsatz körperlicher und geistiger Art, den man mit 30 natürlich leichter stemmt als mit fast 70“, stellt Paul Eisele fest. Die arbeitsintensive Phase von Räumungsverkauf und Liquidation wollten sie unbedingt noch im Vollbesitz ihrer Kräfte durchziehen. „Wenn wir einen Nachfolger hätten, dann hätten wir noch problemlos zwei oder drei Jahre weitermachen können“, meint Bruder Helmut.

Räumungsverkauf bis zum 31. März

Mehr als zwei Jahre haben die Inhaber nach einem Nachfolger aus der Branche gesucht – vergebens. Weder über das Netzwerk der Außendienstler noch durch eine Kette ergab sich eine Lösung. Die eigenen, erwachsenen Kinder sind längst in anderen Berufen engagiert. Die Enkel, jeder der beiden Eisele-Brüder darf sich über je fünf Stück freuen, sind noch zu klein. Nun beginnt am Freitag also der Räumungsverkauf, letzter Öffnungstag wird der 31. März sein. Lange werden die Räume an der Bahnhofstraße dennoch nicht leer stehen: Die Winnender Bäckerei Maurer, die einen Katzensprung entfernt eine Filiale betreibt, möchte sich vergrößern und nach rund zweimonatiger Umbauzeit ein Café eröffnen. Falls sich nicht noch jemand findet, um den Stoffladen weiterzuführen, helfen Eiseles gerne: „Wir würden den Steigbügel halten.“

Online-Boom konnte dem Textilgeschäft nichts anhaben

Vor 108 Jahren wurde der „Einzel-und Großhandel für Seide“ vom Großvater Paul Eisele, der in der Seidenstoffweberei Küderli gelernt hatte, gegründet. Über seine ganze Geschichte hinweg erlebte der Familienbetrieb ein hohes Maß an Kontinuität – negative Ausreißer ökonomischer Art gab es kaum. In der Nachkriegszeit waren Stoffe wie fast alles Mangelware. Umso dankbarere Abnehmerinnen fand der Vater der heutigen Inhaber für seine Ware. Als das häusliche Nähen im deutschen Mittelstand in den Siebzigern und Achtzigern aus der Mode geriet, stieg umso mehr die Nachfrage durch Gastarbeiterfamilien aus Italien und Griechenland, die meist mit kaum mehr als ein paar Koffern am Hauptbahnhof ankamen. Selbst der Boom des Online-Handels, über den Einzelhändler allenthalben klagen, konnte dem Textilgeschäft nichts anhaben. Denn: Stoffe sind etwas Haptisches, etwas zum Anfassen. Und, so hören die Eiseles immer wieder von enttäuschten Internet-Kundinnen, die Farben stellen sich in Wirklichkeit oft anders dar als noch zuvor im Online-Shop.

"Wir haben Mitarbeiterinnen, die seit 30 Jahren bei uns arbeiten"

Ein Übriges bewirkt der Trend zum Selbermachen: „Junge Frauen nähen wieder.“ Einen erheblichen Teil des Umsatzes machen Basteln und Haushalt aus. Leute schlagen Besteckkästen mit Seide aus, fertigen Vorhänge für Geschirrschränke oder beziehen einen Motorradsitz mit Kunstleder. Kontinuität kann Stoff Eisele auch beim Personal für sich beanspruchen. „Wir haben Mitarbeiterinnen, die seit 30 Jahren bei uns arbeiten und mit uns gealtert sind.“ Sie gehen nun in Rente, und die Jüngeren der zehn (Teilzeit)-Kräfte konnten fast alle an Geschäfte im Heimtextilien-Bereich vermittelt werden, so dass Paul Eisele von einer „sozialverträglichen“ Lösung spricht.


Historie

1910 eröffnete Firmengründer Paul Eisele einen Einzel- und Großhandel für Seide in der Bahnhofstraße 30.

1945 übernahm sein Sohn Paul E. Eisele den Betrieb. 1946 wurde ein Behelfsgebäude angebaut. 1958 entstand das Gebäude in der Bahnhofstraße 28.

1970 wurde modernisiert und die beiden Gebäude wurden miteinander verbunden.

Heute führen die Brüder Paul und Helmut Eisele den Familienbetrieb. 2010 wurde das 100-jährige Bestehen gefeiert.

Der Räumungsverkauf beginnt am Freitag und geht bis zum 31. März, dem letzten Öffnungstag. Danach wird Maurer mit dem Umbau beginnen.