Waiblingen

Streik im Waiblinger Briefzentrum

Poststreik
Arbeitskampf bei der Post: Streikposten hielten am Dienstag vor dem Briefzentrum die Stellung. © Benjamin Büttner

Der Streik bei der Post macht sich im Briefkasten bemerkbar. Seit Montag wird das Briefzentrum in Waiblingen bestreikt. Unbefristet, sagt Christian Miska, Sekretär der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Schon am Dienstag hatte so mancher Zusteller weniger zu tun. Die Briefträger werden sich erst in den nächsten Tagen dem Arbeitskampf bei der Post anschließen.

Rund ein Dutzend Streikposten standen gestern Mittag vor dem Briefzentrum und hielten die Stellung. 240 der rund 560 Beschäftigten sind am Montagnachmittag in den Ausstand getreten. „Zerschlagung und Abzocke – nicht mit uns!“ steht auf einem Transparent von Verdi. Ihr Arbeitgeber, die Deutsche Post AG, hat gekontert und seinerseits ein Transparent an den Zaun gehängt: „Wir zahlen die besten Löhne. Top-Arbeitgeber Deutsche Post.“

Seit Dienstag hat der „Top-Arbeitgeber“ nun auch 35 bis 50 Leiharbeiter beschäftigt, schätzt der Verdi-Sekretär. Sie sollen der Post helfen, die Auswirkungen des Streiks abzufedern. Viele von ihnen kamen noch in der Nacht aus Polen. Von den Streikenden wurden die nach ihrer zehnstündigen Anreise hungrigen und müden Leiharbeiter mit Brötchen und Kaffee versorgt. Sie haben vorübergehend einen Job im Briefzentrum, solange die regulären Beschäftigten für sichere Arbeitsplätze streiken.

Drei Millionen Sendungen werden im Briefzentrum in Waiblingen an einem normalen Arbeitstag bearbeitet. Wie viele Briefe in der Nacht zum Dienstag wegen des Streiks von rund 240 Beschäftigten liegen geblieben sind, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. „Der größte Teil der Sendungen ist durchgegangen“, sagt Postsprecher Hugo Gimber. Elf Prozent blieben liegen und wurden erst im Laufe des Tages bearbeitet. Die Zustellung von Briefen am Dienstag sei „ganz normal“ gewesen. Verdi-Sekretär Christian Miska hat seine Zweifel. Von einigen Briefträgern habe er erfahren, dass sie am Dienstag früher Feierabend machten. Bereits am ersten Streiktag mussten sie weniger Sendungen auszutragen als gewöhnlich. Über Waiblingen laufen sämtliche Briefsendungen in den Postleitbereichen, die mit 70 und 71 beginnen. Verdi bestreikt aber auch die anderen Briefzentren in Baden-Württemberg, so das in Salach bei Göppingen, so dass auch im 73er-Raum Schorndorf/Welzheim die Briefe knapp werden.

Beim Arbeitskampf geht es nicht in erster Linie ums Geld, sondern um sichere Arbeitsplätze bei der Post und beim Paketdienstleiter DHL, sagt Christian Miska. Stein des Anstoßes sind die Posttöchter, in denen nicht nach dem Haustarifvertrag der Post bezahlt wird. Unweit des Briefzentrums hat die DHL kürzlich ein Paketzentrum in Betrieb genommen, in dem stündlich 5500 Sendungen sortiert werden können. Die 90 dort Beschäftigten werden jedoch nicht alle nach dem Haustarif bezahlt, sondern auch nach den geringeren Tarifen des Transport- und Speditionsgewerbes. Der Verdi-Sekretär spricht deshalb von Vertragsbruch. Die Post hat mehr Zustellbezirke an die DHL-Delivery ausgelagert, als vereinbart. Im Gegenzug hatten jedoch die Postmitarbeiter beispielsweise auf den Heiligabend und Silvester als freie Tage verzichtet und fühlen sich nun betrogen.

Neues Paketzentrum, weil das Paketgeschäft boomt

Das Paketgeschäft boomt. Dank Internet kaufen immer mehr Deutsche im Versandhandel. Das neue Waiblinger Paketzentrum soll eine schnelle Zustellung bescheren. Die Pakete werden vom Paketzentrum Köngen angeliefert und in Waiblingen feiner verteilt. Dass die Post nach unterschiedlichen Tarifen bezahlt, begründet Hugo Gimber mit der Wettbewerbsfähigkeit. Auf Dauer könne sich die Post den hohen Haustarif nicht leisten. Ein Argument, dem die streikenden Gewerkschafter angesichts des Gewinns der Deutschen Post AG von drei Milliarden Euro nicht folgen wollen.

Vor allem die vielen befristet Beschäftigten bei der Post haben die Sorge, eines Tages ebenfalls bei einer Posttochter zu landen und weniger zu verdienen als regulär Beschäftigte, sagt der Gewerkschafter Miska. Deshalb laute die Hauptforderung im Streik, den Haustarif auf die Delivery-Töchter auszudehnen – oder diese Gesellschaften aufzulösen.

Die Streikenden haben indes keine Angst, ebenfalls zu Buhmännern zu werden wie ihre Kollegen bei der Bahn. Denen wird vorgeworfen, ihre Interessen auf Kosten der Kunden durchzusetzen. „Der Streik scheint bei der Bevölkerung gut anzukommen“, sagt Miska. Sein Eindruck wird von den anderen Streikposten bestätigt. Immer mehr Leuten sei bewusst, wie sich die Privatisierungen von öffentlichen Dienstleistungen auswirken und welche Probleme dann auf die Mitarbeiter wie auch die Kunden zukommen, sagt Mike Flugrath.

Der Streik in den Briefzentren ist der Anfang. Noch halten Beamte, nicht gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter und Leiharbeiter den Betrieb in Waiblingen aufrecht. Die Streikenden erwarten, dass sich in den kommenden Tagen die nicht bearbeiteten Sendungen im Briefzentrum stapeln werden. Im Laufe der Woche treten die Zusteller in den Ausstand. Wenn auch sie streiken, bleiben die Briefkästen leer.