Waiblingen

Syrer aus Waiblingen hilft Ukraine-Flüchtlingen: „Ich weiß, was sie durchmachen“

FWSyrerFluchthilfe
Bei der Feuerwehr zu sein, war Anis Alrawis Kindheitstraum – in Waiblingen wurde er wahr. © Gaby Schneider

Mit vielen Menschen, die jetzt vor Putins Krieg aus der Ukraine flüchten, um in Deutschland Schutz zu suchen, teilt Anas Alrawi ein ähnliches Schicksal: Der heute 40-jährige Syrer floh aus seiner Heimatstadt Aleppo, die im Krieg zerstört wurde. Im Frühjahr 2016 kam er nach Waiblingen und schloss sich der Freiwilligen Feuerwehr an. Als Helfer gesucht wurden, um die Sporthalle des BBW für Ukraine-Flüchtlinge herzurichten, meldete er sich jetzt sofort. Denn: „Ich weiß, was diese Leute durchmachen.“

Anas Alrawi gehört zu den Menschen, die mit ihrem gewinnenden Lächeln sofort sympathisch wirken. Auch bei der Abteilung Beinstein hat er sich mit seiner freundlichen Art rasch etabliert, sagt Feuerwehr-Sprecher Jürgen Aldinger. Die Verständigung klappt gut, sofern statt Deutsch nicht gerade breites Schwäbisch gesprochen wird. Fällt ihm eine deutsche Vokabel gerade nicht ein, weiß er sich mühelos mit einer englischen zu behelfen. Kulinarisch hat er sich auch gut ins Schwäbische eingelebt: „Brezeln sind einfach das Beste.“

Bademeister bei den Stadtwerken Waiblingen

Mit anderen Feuerwehr-Kameraden half er spontan, die Sporthalle des Berufsbildungswerks auszuräumen, um Platz zu schaffen für den Aufbau des Ankunftszentrums für Geflüchtete aus der Ukraine, das diese Woche im Waiblinger Ameisenbühl eröffnet wurde. Er selbst war nach seiner Ankunft eine Zeit lang mit anderen Flüchtlingen in einer Halle untergebracht. In Waiblingen später fand er mit Familie Aufnahme im Marienheim. Das Leben in der Halle sei zwar hart, sagt er, aber die Hauptsache war damals für ihn das Wissen, endlich sicher zu sein. Keine Angst mehr haben zu müssen. Ein Dach über dem Kopf zu haben, etwas zu essen und nicht mehr zu frieren. Auf der strapaziösen Flucht über das Meer und den Balkan hatte er all das oft vermisst – nur die Angst war stete Begleiterin. Mit Frau und Tochter sowie einer Gruppe von Bekannten war er unterwegs, der Sicherheit wegen. Das ganze Geld ging für die Reise und fürs Bezahlen von Schleusern drauf. Mit 100 Euro kam er in Waiblingen an.

In Aleppo war er als Bauingenieur im Bereich Innenausbau tätig. Nach der Flucht wurde seine Ausbildung in Deutschland aber bislang nicht anerkannt. Diese Hoffnung hat er zwar noch nicht verloren. Warten, um im erlernten Beruf arbeiten zu können, wollte er aber nicht – sondern so schnell wie möglich arbeiten. Also ließ er sich zum Rettungsschwimmer ausbilden und arbeitet als Bademeister für die Stadtwerke im Hallen- und Freibad. Ehrenamtlich hatte er, bevor’s in den bezahlten Job ging, einen Schwimmkurs für syrische Flüchtlinge geleitet.

Die Tochter besucht das Salier-Gymnasium

Bei der Feuerwehr zu helfen, war für ihn ein Kindheitstraum. In seiner Heimat blieb er ihm verwehrt, denn dafür hätte Anas Alrawi eine andere Berufsausbildung wählen müssen. Die Struktur einer freiwilligen, nebenberuflichen Feuerwehr gibt es dort nicht. Für die Feuerwehr Waiblingen hat er verschiedene Lehrgänge abgelegt und gehört als Teil des Angriffstrupps zu den Einsatzkräften, die in erster Linie Feuer löschen. Dass er ausgerechnet beim Großbrand der Alba-Lagerhalle mit Erkältungssymptomen ausfiel, bedauert er. Beim Einsatz zum Vollbrand einer Gartenhütte bei Beinstein unlängst war er voll dabei.

Bombennächte in Aleppo – und heute in Mariupol

In Beinstein wohnt er mit Frau und zwei Kindern. Sein Sohn, sechs Jahre alt, wurde in Deutschland geboren – zu der Zeit, als die Familie in der Gemeinschaftsunterkunft Marienheim lebte, wo sich Anas Alrawi auch als Dolmetscher betätigte. Die Tochter ist zwölf geworden, hat sich eingelebt in der neuen Heimat: Sie spricht gut Deutsch, hat Freunde und besucht das Salier-Gymnasium. Ihre Erinnerungen an Krieg und Flucht verblassen mit der Zeit. „Es gibt gute Leute auf der ganzen Welt“, das ist seine Beobachtung. Und mit der Familie einer Flüchtlingshelferin, die ihn schon in den Anfangszeiten unterstützte, ist er bis heute gut befreundet, man trifft sich zum Beispiel zum Grillen.

Es gibt aber auch andere Reaktionen. „Was machen Sie hier? Gehen Sie doch nach Hause!“, hat eine Frau im Bittenfelder Freibad einmal zu ihm gesagt. „So etwas tut weh“, bekennt er, „die Leute wissen nicht, wie meine Heimat ist.“ Er vermisst seine Eltern, die jetzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten leben und er vermisst die Heimat – die aber so, wie sie früher war, gar nicht mehr existiert. Das Haus, in dem die Familie wohnte, ist zerstört. Das Haus des Vaters steht als Ruine nur noch zur Hälfte. Die Verwaltung ist in Händen fremder Mächte. „Wir haben beschlossen zu gehen, damit unsere Kinder eine Zukunft haben.“ Wenn er die Bilder aus Mariupol sieht, dann denkt er an diese dunklen Zeiten. „Ich weiß, wie es ist, wenn die Flugzeuge mit den Bomben kommen. Wenn man Angst um sein Leben hat und sich verstecken muss.“ Deshalb möchte er jetzt den Menschen aus der Ukraine helfen.

Mit vielen Menschen, die jetzt vor Putins Krieg aus der Ukraine flüchten, um in Deutschland Schutz zu suchen, teilt Anas Alrawi ein ähnliches Schicksal: Der heute 40-jährige Syrer floh aus seiner Heimatstadt Aleppo, die im Krieg zerstört wurde. Im Frühjahr 2016 kam er nach Waiblingen und schloss sich der Freiwilligen Feuerwehr an. Als Helfer gesucht wurden, um die Sporthalle des BBW für Ukraine-Flüchtlinge herzurichten, meldete er sich jetzt sofort. Denn: „Ich weiß, was diese Leute

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