Waiblingen

Tauschen statt Wegwerfen

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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez
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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez
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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez
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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez
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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez
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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez
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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez
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Nehmen was gefällt ist das Motto beim Warentauschtag in der Hegnacher Hardtwaldhalle © Christine Tantschinez

Waiblingen-Hegnach. Vor der Hartwaldhalle stehen ein Paar Skistiefel, eine Stehlampe und ein CD-Kassettengerät aus der Ära vor den Streamingdiensten auf dem Bürgersteig. Die Besitzerin leert ihren Kastenwagen, stellt zwei weitere Umzugskartons und eine Tasche mit Wäsche dazu. „Das muss alles da rein“, zeigt sie auf die Eingangstür, die von einer Menschenmenge belagert ist.

Vor der Türe zur Hartwaldhalle kein Durchkommen, auf dem Parkplatz dasselbe. Durch das Hallenfenster werfen frühe Besucher neugierige Blicke auf und unter die Tische, peilen an, was sie als Erstes ansteuern.

Haushaltswaren, Kleidung, Büchern und Elektronik

„Sobald sie reinkommen, hilft nur noch Fliehen“, sagt im Spaß Susanne Schmetzer von den Waiblinger Rangers. Sie und ihre vier Kinder Leonie, Lotta, Silas und Tim helfen in gelben Warnwesten mit, um des Andrangs und der Warenflut Herr zu werden. In der Halle verteilt Klaus Läpple, Leiter der Abteilung Umwelt bei der Stadt, mit dem Schubkarren die Warenberge. Vorne nehmen Helfer Kisten und Taschen entgegen und suchen auf den Tischen nach den letzten freien Millimetern Abstellfläche.

Seit kurz nach 7 Uhr lautet ihr Auftrag „Sortieren“, Stapel machen mit Haushaltswaren, Kleidung, Büchern und Elektronik. Es wird so viel abgegeben, dass das System nicht aufrechterhalten werden kann. Weil die Tische zum Bersten voll sind, werden einige Kisten unausgepackt auf dem Hallenboden abgestellt.

Der Wühltisch mit Textilien wird systematisch zerpflückt

Die Halle wird geöffnet, die Tische sind freigegeben, ein Schauspiel bricht los: Einige rennen, um als Erste am Tisch zu stehen. Hände greifen nach Spielen, Töpfen, Lampenschirmen, Mixern, Kaffeemaschinen. Läpple ist überrascht, „wie viel zusammengekommen ist und wie viele Leute etwas davon haben“.

Viele packen wahllos alles ein. „Anderen sieht man an, dass sie gezielt etwas suchen“, sagt Gerd Wiedenmann aus Waiblingen, der nichts abzugeben hat und auch nichts sucht. „Ich bin reiner Beobachter, das ehrliche Gewühle will ich mir in aller Ruhe anschauen“, sagt er.

Claudia Kramer-Neudorfer aus Waiblingen begleitet eine alleinerziehende Syrerin, die ein paar Dinge für die neue Wohnung sucht. „Nach der ersten halben Stunde wird’s ruhiger, dann kann man gezielt suchen“, weiß sie aus Erfahrung. Auch sie staunt nicht schlecht: Der Wühltisch mit Textilien wird systematisch zerpflückt.

Die Berge mit Haushaltswaren schrumpfen minütlich. Unter den Tischen leert es sich. Daniel Auweiler aus Schorndorf dreht nach dem Ausladen eine Runde, schaut, was aus den Kristallgläsern der Uroma wird, die er für seine Eltern abgegeben hat. Er hat daran lebhafte Erinnerungen: „Als Kind waren sie heilig, nur für besondere Anlässe, zu gut, um draus zu trinken, aber das hat sich geändert.“

Taschen werden schwer beladen

Ein Paar Skier ragt über den Köpfen heraus, ebenso eine Stehlampe, deren Träger in der Menge untergeht. An allen Ecken wird gepackt, getragen, gezerrt. Helferin Susanne Schmetzer traut ihren Augen kaum: „Es ist der Fundus eines ganzen Jahrhunderts.“

Beim Sortieren seien viele „brauchbare, gute Sachen“ durch ihre Hände gegangen. Eine Dekupiersäge originalverpackt, eingeschweißte Windelpackungen, teilweise nagelneue Geräte. Zwischendurch rollt ein herrenloser Fußball herum.

„Wahnsinn, die Leute drehen schier durch“

Auf der Bühne oben bringen Büchernarren Lesestoff in ihren Besitz. Die 16-jährige Stefanie aus Hegnach will ihre Comicbestände aufforsten. „Ich gebe auch ausgelesene Bände ab, so komme ich immer an neue“, meint sie. An Sprechblasen-Sprache erinnert auch die Geräuschkulisse: „Klong, zong, schepper, klirr, das ist wie im Comic“, scherzt einer der Helfer.

Taschen werden so prall gefüllt und so schwer beladen, dass die Schultern sie gerade noch tragen können. Ein Mann schleift einen Müllsack hinter sich her, bis fast ganz oben gefüllt.

Erfahrene Tauschtag-Besucher sind am mitgeführten Handwagen zu erkennen. „Wahnsinn, die Leute drehen schier durch“, sagt Annegret aus Esslingen. Sie bahnt sich entspannt ihren Weg nach draußen, vollauf darauf konzentriert, ihr erstandenes CD-Gerät wohlbehalten durch das Geschiebe zu balancieren.

„Das passt super zu meiner Einrichtung, ich habe viele Holz- und Brauntöne und immer Alt und Neu beisammen“, sagt sie. Ausprobieren konnte sie ihr Gerät nicht. „Ich hoffe, dass es funktioniert.“ Warentauschtage unterstützt sie gern. „Wir sind nicht von der Wegwerfgesellschaft, es ist einfach eine gute Geschichte, um Müll zu sparen.“


Seit 1988

  • Ware, die keinen neuen Besitzer findet, wird nach Metall, Glas, Ton, Elektroschrott und Problemstoff getrennt und montags vom Bauhof abgeholt.
  • „Etwas weniger Elektronik, dafür noch mehr Haushalt“, ist der Eindruck von Klaus Läpple, dem Leiter der Abteilung Umwelt bei der Stadt. Läpple spricht von einer Steigerung zum Vorjahr. „Wir kommen langsam an die Kapazitätsgrenze der Halle.“
  • Dieses Jahr haben laut Läpple auch spätere Besucher lange etwas gefunden. Das Problem mancher Vorjahre mit Besuchern, die den Leuten auf dem Parkplatz beim Ausladen schon Dinge abluchsen wollen, konnte durch das Anliefersystem und das Hinweisschild „Anlieferzone“ minimiert werden. „Wir nehmen den Leuten ihre Sachen ab, dadurch haben wir die Kontrolle und kriegen die Unruhe raus.“
  • Seit 1988 gibt es den Warentauschtag. Zuerst wurde er vom BUND und „Das bessere Müllkonzept“ angeboten, mit Unterstützung der Stadt. Seit 2000 macht es die Stadt in Eigenregie, unterstützt von Freiwilligen und Mitgliedern der Waiblinger Rangers.