Waiblingen

Termin-Absagen bei Astrazeneca und Biontech: Waiblinger Ärzte kritisieren Impf-Bürokratie

dilger
Facharzt Dr. Manfred Dilger impft schon seit Mitte April gegen Corona. © Benjamin Büttner

Seit März 2020 arbeiten die HNO-Ärzte Dr. Manfred Dilger und Dr. Saed Khleif als Corona-Schwerpunktpraxis. Vor vier Wochen waren sie unter den ersten Fachärzten, die mit Impfungen gegen Sars-CoV-2 begonnen haben. Die Warteliste umfasst 400 Patienten, aber ständig kommt es zu Absagen – besonders bei den Astrazeneca-Terminen. Mit der Impf-Bürokratie gehen sie hart ins Gericht, haben selbst aber pragmatische Lösungen gefunden, den Impfstoff trotzdem unter die Leute zu bekommen.

Zwischen 70 und 120 Dosen pro Wochen werden in der HNO-Praxis in der Bahnhofstraße verimpft. Dennoch: „Wir werden überrannt“, sagt Manfred Dilger. Sogar von den Fildern rufen die Leute an – angenommen werden freilich nur Patienten aus der näheren Umgebung. Wobei sich die Nachfrage erheblich unterscheidet: Biontech könnte die Praxis, wenn’s nach den Anfragen ginge, wohl tausendfach spritzen. „Aber Astrazeneca ist ein ganz großes Problem.“ In der ersten Woche, in der 20 Dosen des britisch-schwedischen Herstellers zur Verfügung standen, wurden 13 Termine gleich wieder abgesagt. Begründung: „Ich habe einen Biontech-Termin in Ulm bekommen.“

Die Terminvergabe: Schlecht wie nirgends sonst

Eine Mitarbeiterin der Praxis ist von morgens um sieben Uhr bis zum Feierabend allein mit der Terminvergabe beschäftigt – und hat alle Hände voll zu tun: „Die ist am Rande des Wahnsinns.“ Warum die niedergelassenen Ärzte nicht wie die Impfzentren ans Terminportal der Kassenärztlichen Vereinigung angeschlossen sind – ein Rätsel. Gut funktioniert das Cosan-Portal für die Schnelltest-Termine – aber nicht für Impftermine. Andere Länder, berichtet Manfred Dilger, nutzen einfache Gesundheitsapps, die es schon vor der Corona-Pandemie gab. Deutschland sei in der Hinsicht weit zurück: „ Sie werden kein Land finden, in dem es schlechter läuft.“

Zu viel Datenschutz, zu wenig Digitalisierung

Impfen sei kein medizinisches, sondern ein logistisches Problem. Eine App kann Patientendaten samt Vorerkrankungen erfassen, ein zentraler Rechner vergibt nach Algorithmus die Termine, ein Klick genügt als Einwilligung. Beim Impftermin scannt der Patient seinen Code ein – und ist registriert ohne ein einziges Blatt Papier. „Warum bekommen andere Länder das hin, aber wir in Deutschland nicht?“, fragt Manfred Dilger und liefert selbst die Antwort: „Weil dabei keine personenbezogenen Daten gespeichert werden dürfen.“ Nicht zuletzt der Datenschutz sei es, der die Impfkampagne ausbremst und in den Praxen für Überstunden bis zur Schmerzgrenze sorgt.

„Lug und Trug“ bei der Impf-Priorisierung

Nicht nur die Termine für Astrazeneca-Impfungen, auch die für Biontech werden zu zehn oder 15 Prozent abgesagt. Denn die Menschen bewerben sich an fünf Stellen gleichzeitig – was mit einer zentralen Terminvergabe ausgeschlossen wäre. Für solche Restbestände des heiß begehrten Impfstoffs hat die Praxis in pragmatischer Herangehensweise eine „Jokerliste“ mit Impfberechtigten erstellt, die kurzfristig angerufen werden und innerhalb weniger Minuten vor Ort sein können.

Schließlich haben Dilger und Khleif auch für das verschmähte Astrazeneca-Vakzin dankbare Abnehmer gefunden: Eine Produktionsfirma aus dem Raum Waiblingen hatte sich gemeldet. Dort stünden die Arbeiter zwangsläufig an Maschinen, die nicht einfach in größere Abstände gerückt werden könnten, und könnten sich nicht aus dem Weg gehen. Zehn von ihnen bekamen jetzt die Erstimpfung – die Aufhebung der Priorisierung macht’s möglich. Überhaupt, die Priorisierung: Bei der Impfberechtigung herrschten „Lug und Trug“. Das nicht taugliche System werde auf vielerlei Wegen einfach ausgetrickst – eine zentrale, computergesteuerte Vergabe hätte das unterbinden können.

Astrazeneca: Zu Unrecht verschmähter Impfstoff

Aus medizinischer Sicht kann Dr. Saed Khleif, der sich die Daten genauer angeschaut hat, die verbreitete Astrazeneca-Aversion nicht nachvollziehen. Aber: „Wenn das Image eines Produkts gleich am Anfang so verbrannt ist, wird es schwierig, neu zu starten.“ Die Probleme seien aber weniger medizinischer Natur. Astrazeneca sei ein sicherer Impfstoff, sagt Manfred Dilger. „Jede Frau, die die Pille nimmt, begibt sich in eine höhere Gefahr.“

Für viele mit Astrazeneca Erstgeimpfte steht jetzt die Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff in Aussicht. Zahlen liegen dazu noch nicht vor, anhand der Erfahrungen mit anderen Kreuzimpfungen sehen die beiden HNO-Ärzte dabei jedoch keine Bedenken. Langzeit-Aussagen über die Schutzwirkung gebe es ohnehin nicht, das gilt ebenso für die sozusagen sortenreinen Impfungen ebenso. Vielleicht hält sie bei Astrazeneca ja länger an als bei Biontech? Theoretisch möglich, es gibt noch keine Erfahrungen dazu. Es könne allenfalls sein, dass manche Länder die Anerkennung der Impfung verweigern.

Die Praxis arbeitet an der Belastungsgrenze, was aber nicht an den Impfungen an sich liegt, sondern an der Bürokratie drum herum. Eigentlich, so Manfred Dilgers unorthodoxer Vorschlag, müsste sich um die Impfkampagne jemand kümmern, der etwas von Logistik versteht: Amazon oder DHL. Was die beiden Waiblinger HNO-Ärzte und ihr Team trotz der vielen Überstunden antreibt, ist die Hoffnung, „dass wir aus dem Lockdown endlich wieder herauskommen“.

Seit März 2020 arbeiten die HNO-Ärzte Dr. Manfred Dilger und Dr. Saed Khleif als Corona-Schwerpunktpraxis. Vor vier Wochen waren sie unter den ersten Fachärzten, die mit Impfungen gegen Sars-CoV-2 begonnen haben. Die Warteliste umfasst 400 Patienten, aber ständig kommt es zu Absagen – besonders bei den Astrazeneca-Terminen. Mit der Impf-Bürokratie gehen sie hart ins Gericht, haben selbst aber pragmatische Lösungen gefunden, den Impfstoff trotzdem unter die Leute zu

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper