Waiblingen

Theologe: Falsches Bibelverständnis führt zu Diskriminierung

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Die Bibel. © ZVW/Sarah Utz
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Professor Dr. Siegfried Zimmer. © Gaby Schneider
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Das kontroverse Thema Bibel und Homosexualität zog mehr als 100 interessierte Zuhörer ins evangelische Gemeindehaus Hohenacker.

Waiblingen-Hohenacker. Bibel und Homosexualität – das ist das Reizthema schlechthin unter Christen. Zwar versteht sich Professor Siegfried Zimmer als Brückenbauer zwischen Freikirchen und Liberalen, bei einer ökumenischen Reihe in Hohenacker positionierte er sich aber deutlich: Die Diskriminierung von Schwulen und Lesben dürfe keinen Tag weitergehen.

„Herzliche Einladung: Schämt Euch!“ So lautete das nach eigenen Worten des emeritierten Professors „kühne Schlusswort“ seines Vortrags. Schämen sollen sich nicht etwa Schwulen und Lesben, sondern heterosexuelle Christen für jahrhundertelange Diskriminierung und für tausendfach zugefügtes Leid. Der 72-Jährige selbst, dessen Glaubensweg einst in Pfingstlerkreisen in Schorndorf begann, habe in einem Prozess von zehn Jahren in der Schwulenfrage umzudenken gelernt und nimmt sich nicht aus: „Ich schäme mich auch.“

Die Bibel: Entstanden in einer Hirten- und Bauernkultur

Die Verurteilung Homosexueller durch die Kirche in der Geschichte und heute durch „christliche Gruppen, die keinen Kontakt zur modernen Bibelwissenschaft haben“, beruhe auf einem falschen Verständnis der Bibel und auf völliger Unkenntnis der Kultur, in der sie entstanden sei. Der langjährige Professor der evangelischen Theologie und Religionspädagogik an der PH Ludwigsburg spricht von einer „vorderorientalischen Hirten- und Bauernkultur“. Erstaunlich, wie die Bibel heute beim Lesen noch unmittelbar wirkt. Aber laut Siegfried Zimmer gibt es eben auch viele Passagen, die sich ohne fundiertes Hintergrundwissen nicht angemessen verstehen lassen. Denen, die glauben, im Wörtlichnehmen einen unmittelbaren Zugang zur Schrift zu haben, hält er entgegen: „Ihr verteidigt nicht die Bibel, nur euer Bild von ihr.“

Streit um das rechte Bibelverständnis

Klare Worte bei einer außergewöhnlichen Vortragsreihe: Die ökumenische Bibelwoche in Hohenacker wird seit Jahren von einem breiten Spektrum von Gemeinden veranstaltet. Neben den evangelischen und katholischen Gemeinden aus Neustadt und Hohenacker sind auch die örtlichen Baptisten und die Neuapostolischen im Boot. Drei Abende umfasst die Bibelwoche, sie führen mitten hinein in den Streit um das rechte Bibelverständnis, der zwischen den Gemeinden und innerhalb ihrer schwelt. Unterschiedliche Glaubensansätze drohen aufeinanderzuprallen – aber genau dieser offene Austausch, möglichst ohne persönliche Verletzungen, ist laut dem Hohenacker Pfarrer Karl Frank erwünscht.

Professor hinterfragt überkommene Deutungen in Bibel-Passagen

Also ran an den Text – in allgemeinverständlichen Worten hinterfragt und zerpflückt der Professor überkommene Deutungen aller einschlägigen Bibel-Passagen, allzu viele sind es nicht. Beispiel Erstes Buch Mose, Kapitel 19: die Geschichte von Sodom und Gomorrha. „Bitte genau lesen!“, appelliert Siegfried Zimmer. Sollte wirklich das „ganze Volk, Jung und Alt“ homosexuell sein? Dann wäre das die einzige rein schwule Stadt der Welt! Sehr unwahrscheinlich. Wäre es ein wirklich verlockendes Angebot an Homosexuelle, sich statt an Männern an Frauen zu vergehen? Nein, sagt der Theologe. Die Widersprüche rühren daher, dass es eigentlich um etwas anderes geht: um Fremdenfeindlichkeit und sexualisierte Gewalt.

Dann das dritte Buch Mose: die Sache mit dem „es ist ein Gräuel“. Wovon handelt dieses sonst kaum beachtete Buch? Es geht um Hygiene und kulttechnische Vorschriften für Priester im Tempel. Ein „Gräuel“ ist der Verstoß gegen diese Vorschriften und macht für den Kult untauglich. Was nicht bedeutet, dass Gott sich ekelt. Als „Gräuel“ wird auch der Verzehr von Schalentieren und Schweinefleisch bezeichnet. Dennoch kommt kein Christ auf die Idee, das Essen von Krabben zu verdammen.

Zimmer unterstützt Segnung und Verheiratung gleichgeschlechtlicher Paare

Ein Beispiel aus dem Neuen Testament, Römer 1, 26 bis 28: Paulus hat hier ausschweifende Orgien am Hof des Kaisers Caligula vor Augen, die nichts mit partnerschaftlicher, langfristiger und fürsorglicher Liebe zu tun haben. Schwul-lesbische Liebe im Sinn dauerhafter Partnerschaft auf Augenhöhe kommt in der Bibel nicht vor – weil sie nicht bekannt war. In der Kultur der damaligen Zeit, in der Mädchen mit 14 verheiratet wurden und in der junge Männer Anfang 20 mehrfache Väter waren, blieb keine Zeit, eine homosexuelle Identität zu entdecken und auszubilden. Anders als heute, wo in jedem dritten Stuttgarter Haushalt ein Single wohnt, lebten die Menschen auf engstem Raum zusammen. Homosexualität ereignete sich allenfalls in spontanen Ausbrüchen und in Abhängigkeitsverhältnissen.

Auf die Frage einer Zuhörerin, bestätigte Siegfried Zimmer, die Segnung und auch die Verheiratung gleichgeschlechtlicher Paare zu unterstützen. „Erst wenn wir den Begriff der Ehe erweitert haben, kann die Diskriminierung aufhören.“


Jesus und Zeitgeist

Jesus, sagt Professor Siegfried Zimmer, spricht an keiner Stelle von Homosexualität. „Jedoch sehr viel von Armut und Reichtum, sehr viel von Krankheit und Tod.“ Was also ist der Kern seiner Lehre?

„Allen, die uns vorwerfen, dem heutigen Zeitgeist aufzusitzen“, gibt Pfarrer Karl Frank zu bedenken: „Vielleich sind Sie dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts aufgesessen.“