Waiblingen

Unsere plötzliche Kölner Empörung

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Oranna Keller-Mannschreck, Pro Familia Waiblingen. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)
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Christine Hofstätter, Pro Familia Waiblingen. © Eva Hopfgarten (Online-Praktikant)

Waiblingen. Großer Zorn schwappte nach den Silvester-Übergriffen von Köln durch die Republik – für die Pro-Familia-Beraterinnen in Waiblingen war das eine irritierende Erfahrung: Bis dahin hatten sie die Empörungskraft der Gesellschaft, was sexuelle Grenzverletzungen betrifft, als eher unterentwickelt erlebt.

Niederschmetternde Zahl aus einer „Dunkelfeldstudie“: Nur etwa fünf Prozent aller Menschen, denen sexualisierte Gewalt widerfahren ist, erstatten Anzeige. Das deckt sich mit den Erfahrungen bei Pro Familia: „Wir stellen immer wieder fest“, sagt Oranna Keller-Mannschreck, dass „Frauen ganz große Angst“ haben, sich nach solchen Heimsuchungen zu offenbaren; und wenn sie doch den Schritt in die Beratungsstelle wagen, sagen sie oft: „Es wird mir sowieso nicht geglaubt, dabei kommt doch eh nichts raus.“ Zahlen stützen diesen Verdacht: Statistiken lehren, dass nur etwa 13 Prozent der Anzeigen zu Verurteilungen führen. All das aber thematisiert kaum jemand als gesellschaftliche Herausforderung – auch nicht nach Köln.

Zweite Feststellung: Viele Frauen haben nach den Exzessen unterm Dom den Schritt in die Öffentlichkeit gewagt und sind einer großen Bereitschaft, ihnen zu glauben, begegnet. Das ist gut. Tatsache bleibt aber: Sexuelle Gewalt findet in zwei Dritteln aller Fälle in der Familie statt. Sehr oft, sagt Christine Hofstätter, sind Menschen betroffen, „die in einer relativ langen“, bis in die Kindheit zurückreichenden „Spirale von Missbrauchs- und Opfererfahrungen gefangen sind“; Menschen, die in der Familie nie lernen durften, Grenzen zu setzen und dafür Respekt zu ernten. „Wenn ich mit Kindern arbeite“, sagt Hofstätter, „stelle ich immer wieder fest“: Ist der Täter ein Fremder, „fällt es ihnen wesentlich leichter, davon zu erzählen“. Unsere Fähigkeit, gegen äußere Bedrohungen aufzubegehren, ist offenbar stärker, als unsere Möglichkeiten, dem vertrauten Feind zu trotzen. Insofern verwundert es nicht sonderlich, dass der Aufruhr erst nach Köln so groß war, während die gesellschaftliche Bereitschaft, sich mit Opfern sexueller Übergriffe „zu solidarisieren“, sonst oft „nicht sehr groß“ ist.

Was uns die Hilfe für die Betroffenen wirklich wert ist

Dritte Beobachtung: Menschen, die derlei erleiden, „zu stärken“ und „zu beraten“, ist wichtig. Oft zweifeln sie „ihre eigene Realität an“, zermartern sich mit Fragen: „War ich selber schuld? War es doch der zu kurze Rock?“ Die Betroffenen „müssen ein Recht auf Unterstützung haben“, sagt Oranna Keller-Mannschreck, „es kann nicht sein, dass man sagt, das ist ihre Privatsache“. Solche Hilfe sollte der Politik auch „Geld wert sein“. Die wahre Wucht aber, die wir dem Problem beimessen, lässt sich am Beispiel des Rems-Murr-Kreises sehr konkret beziffern: Das Waiblinger Projekt „Flügel“, angesiedelt bei Pro Familia, bietet „Beratung für Frauen bei sexualisierter Gewalt“ – jahrelang musste es sich selber finanzieren über Spenden. Mittlerweile gibt es vom Landkreis 5000 Euro pro Jahr. „Und das war’s.“

Zusammengefasst: Enorme Empörung nach Köln, als Nordafrikaner ihr Unwesen trieben – vorher, als sexuelle Übergriffe und lebenslange Leidensgeschichten nur ein deutsches Dunkelfeld-Phänomen waren, hat kein Hahn danach gekräht. Diese fast schizophren anmutende Diskrepanz muss Ihnen doch surreal vorkommen, Frau Keller-Mannschreck, oder? „Ja. Genau.“

Noch etwas ist „absurd, wenn man es von außen betrachtet“, sagt Christine Hofstätter: Eine grün-rote Landesregierung will mit Hilfe eines Bildungsplanes Kinder stark machen gegen sexuelle Diskriminierungen, sensibel machen gegen Ausgrenzung und Ressentiments – und wird angefeindet, sie wolle schon die Kleinsten „sexualisieren“. Was Hofstätter nicht ausspricht: Dieselbe AfD, die sich nach Köln am lautesten echauffierte, hatte maßlos gegen den Bildungsplan polemisiert.

Kinder sind am gefährdetsten in Sozialsystemen – Schulen, Internaten, Institutionen, Familien –, wenn es dort „keine Sprache über Sexualität und Übergriffe gibt“, wenn derlei aus Ignoranz ausgeblendet oder schamhaft tabuisiert wird. Wenn Kinder obendrein in „starren Rollenbildern“ gefangen sind – ein Mädchen muss brav sein, ein Junge stark –, kann das die Schweigefalle vertiefen: Das ist mir passiert, weil ich böse war; ich darf das nicht sagen, denn dann wäre ich schwach. Und überhaupt: Darüber redet man nicht.

Manchmal, wenn sie Sexualaufklärung in Schulen gebe, stehe „eine Kultur der Übergriffigkeit so im Raum, dass man fast daran erstickt“, sagt Hofstätter: Auf jedem zweiten Tisch steht „Schlampe“ oder „Schwuler“. Und dieselbe Gesellschaft, die sich nach Köln sehr zu Recht empört hat, neigt sonst oft dazu, Übergriffe als normal, halb so schlimm, nicht der Rede wert abzutun. Die Kellnerinnen auf dem Oktoberfest, erzählt Oranna Keller-Mannschreck, tragen „unter dem Dirndl Radlerhosen mit dicken Polstern“, damit sie das ständige Po-Grapschen nicht spüren.

Köln, sagt Hofstätter, „hat ein Fenster geöffnet für die Debatte“. Das ist gut. Nun müssen wir sie bloß noch ehrlich führen.

Flügel

„Flügel“ ist ein Angebot von Pro Familia Waiblingen: „Wir helfen Frauen, die in ihrer aktuellen Lebenssituation durch fremde oder durch vertraute, nahestehende Personen in Beziehungen von sexualisierter Gewalt betroffen sind, mit telefonischer oder persönlicher Beratung in der Beratungsstelle.“ Kontakt: Flügel-Beratungs-Hotline 0160/4 88 16 15, Pro Familia, Telefon 07151/9 82 24 89 40, info@fluegel-waiblingen.de, www.fluegel-waiblingen.de.