Waiblingen

Unterwegs auf Nachtstreife mit der Polizei

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Jemand hat einem Jungen das Smartphone gestohlen. Die Beamten nehmen die Täterbeschreibung auf. © Benjamin Buettner
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In dem Auto sitzt ein betrunkener, regloser Mann. Die Polizisten warten auf den Krankenwagen. © Benjamin Buettner
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Kieninger und Jagiella kontrollieren einen Fahrer. © Benjamin Buettner
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Wenn junge Autofahrer vom Feiern in Stuttgart nach Hause fahren, haben nicht wenige von ihnen Alkohol getrunken: Polizeikommissar Kieninger überprüft die Pupillen eines Autofahrers. © Benjamin Buettner

Waiblingen. Ein Mann hängt mit dem Kopf aus der halbgeöffneten Autotür. Ein anderer liegt seit mehreren Tagen hilflos in der Wohnung. Die Polizei hat nachts viel zu tun. Eine Früh- und Nachtschicht sind wir mitgefahren.

Video:Mit der Polizei auf Nachtstreife dabei

Als Polizeikommissar Florian Kieninger an diesen tristen Freitagmorgen das Waiblinger Präsidium zum Frühdienst betritt, weiß er noch nicht, dass er nur zehn Minuten später vor einer verschlossenen Wohnungstüre stehen wird. Er weiß nicht, dass auf der anderen Seite der Tür ein Mann hilflos auf dem Boden liegt und um sein Leben bangt. Er weiß auch nicht, dass kurz darauf die Feuerwehr samt Kranwagen anrücken wird und die Nachbarn, in Morgenmäntel gehüllt, auf den Balkonen zuschauen werden.

Gewiss ist zu diesem Zeitpunkt nur die Routine. Es ist 5:30 Uhr. In der Polizeizentrale am Alten Postplatz 20 endet die Nachtschicht. Es herrscht geschäftige Stille in der Revierstube, die nur von kratzenden Funksprüchen und dem Klappern der Computertastaturen unterbrochen wird. Die Nacht ist ruhig verlaufen.

Und auch dieser Morgen hätte für Kieninger ruhig verlaufen können. Es hätte ein Morgen werden können, an dem er hier in der Zentrale mit Polizeimeisterin Stephanie Jagiella Kaffee schlürft und aus dem Bürosessel heraus erzählt, was den Alltag eines Polizisten in Waiblingen bestimmt. Er konnte ja nicht wissen, dass es ganz anders kommen sollte; dass nur sieben Minuten nach Schichtbeginn der Notruf des hilflosen Manns eingeht.

05:37 Uhr: Das Telefon klingelt

Hauptkommissar Kieninger leitet während dieser Frühschicht das zehnköpfige Team der Waiblinger Polizeiwache. Er trägt einen kurzgehaltenen Vollbart, der Blick seiner braunen Augen ist aufmerksam. Wenn er so dasteht, das Kreuz durchgedrückt, die Daumen auf Brusthöhe in die Polizeiweste eingehakt, strahlt er Ruhe aus.

05:37 Uhr: Das Telefon klingelt - Notruf. Eine Frau berichtet von Hilfeschreien, die aus ihrer Nachbarwohnung im Waiblinger Südwesten dringen. Ein Mann ist in seiner Wohnung gestürzt. Mehr wissen sie noch nicht. „Manchmal schreien die Leute am Telefon, sagen aber nicht, wer sie sind und was wo passiert ist“, sagt Jagiella, „dann müssen wir uns auf allen einstellen.“ In diesem Fall aber wissen sie es. Der Mann kann von der Feuerwehr gerettet werden, obwohl er mehrere Tage hilflos in der Wohnung lag.

„Schlimmer als Tote zu sehen ist es, Angehörige informieren zu müssen“

Täglich haben die Beamten mit den Problemen der Menschen, mal den Kleineren, mal den Größeren, zutun. Sind das die Einsätze, die einen Polizisten überlasten? Kieninger ist da nicht so pessimistisch. Natürlich gebe es diese Momente, die einem das Leben lang in negativer Erinnerung bleiben. „Doch wenn ich mich umziehe und meine Sachen im Schrank verstaue, versuche ich den Tag hinter mir zu lassen, auch wenn das nicht immer funktioniert“, sagt er. Trotzdem, so Kieninger, sei die Abwechslung und das Unvorhersehbare das, was ihn an seinem Job so reize.

Das sieht auch Jagiella so. Für jeden jungen Polizisten komme beispielsweise irgendwann der Moment, wo er seine erste Leiche sieht. „Ab dann ist man erstmal geschockt und zugleich härte es ab“, sagt die 24-Jährige. Mehr Angst als vor der Begegnung mit toten Menschen habe sie davor, die Angehörigen zu informieren. „Die Familie sitzt vielleicht gerade beim Essen und ahnt nichts Böses“, malt sie sich aus, „und dann kommen wir und müssen ihnen sagen, dass ein Angehöriger gestorben ist.“ Das Leid in den Augen der Angehörigen. Dieses Nichtwahrhabenwollen. Das ist es, was sie wirklich fürchte.

7:15 Uhr: Zurück auf der Wache finden Kieninger und Jagiella Zeit für ein kleines Frühstück. Die Kollegen sind alle auf Streife. Wenn wie gerade nichts los ist, sind Plaudereien üblich wie in jedem anderen Büro auch. Kieninger hat sich einen Kaffee geholt. Auf der Kommode liegen frischen Laugenstangen. Darüber hängt auf einer großen weißen Tafel der Wochendienstplan. Jeden Tag gibt es drei Schichten: Die Frühschicht beginnt um 05:30 Uhr und endet um 12:30 Uhr, die Mittagsschicht erstreckt sich anschließend bis in den frühen Abend, bis die Nachtschicht um 19:30 Uhr übernimmt. Als sei es nicht schon anstrengend genug, in Schichten zu arbeiten, kommen oftmals noch Zusatzstunden, Krankheits- und Urlaubsvertretungen hinzu, sagt Jagiella. Die Regelarbeitszeit von 41 Stunden werde häufig überschritten.

Als der restliche Morgen ruhig bleibt, fahren die beiden auch auf Streife und kontrollieren Fahrzeuge, deren Fahrweise ihnen sonderbar erscheint. Das Vorgehen ist bei jeder Kontrolle klar geregelt und eingeübt: Ein Polizist an der Fahrertür, der die Papiere kontrolliert, der andere rechts an der Beifahrertür, die Hand an der Dienstwaffe. Denn Unvorhergesehenes kommt unverhofft, darauf gilt es vorbereitet zu sein, so unverfänglich harmlos die Situation auch scheinen mag. Wenig später sammeln die beiden verlorene Holzbretter auf einer Landstraße ein. Das Unspektakuläre gehöre ebenso zum Job des Polizisten, sagt Kieninger.

Waiblingen – eine heile Welt? 

Kieninger findet es gut, dass es in Waiblingen keine Partymeile wie in Stuttgart gibt. Keine Clubs, vor denen Schlägereien zu später Stunde fast zum Alltag gehören. Auch keine Viertel, wo sich Drogenbanden rumtreiben. Waiblingen - eine heile Welt? „Nein“, wehrt Kieninger verklärende Provinzromantik ab. „Gibt es die überhaupt?“ wirft Jagiella hinterher. Zwar gebe es im Kreisgebiet keine „No-Go-Areas“. Doch eine gewisse Verhaltensänderung gegenüber der Polizei stelle Kieninger trotzdem fest: „Die Bürger hinterfragen unsere Arbeit immer öfter - was ja auch gut ist“, sagt er. Aber dann gebe es jene, die alles besser wüssten. „Es wird über uns gelacht, wir werden geduzt“, stellt auch Jagiella zunehmende Respektlosigkeit fest. Trotzdem gelte in den meisten Fällen, dass sich Freundlichkeit und Souveränität auszahlen. „So wie ich in den Wald hinein rufe, so schallt es mir doch zurück“, bringt Kieninger es auf den Punkt. Besonnenheit auch in extremen Situationen ist eine wichtige Fähigkeit, die ein Polizist lernen müsse.

12:31 Uhr: Schichtende, offiziell haben Kieninger und Jagiella jetzt Freizeit. Draußen scheint die Mittagssonne, Menschen flanieren durchs Städtchen, Vogelgezwitscher und die ersten pinken Kirschblütenbäume zieren den Talauenpark. Doch für die beiden Polizisten geht es nun nach Hause. In sieben Stunden beginnt die Nachtschicht. Essen, ein wenig aufs Ohr hauen - viel Zeit für Anderes bleibt nicht.

Die Nachtschicht beginnt am selben Tag, Freitagabend um 19:30 Uhr. Nun ist Jagiella mit dem Polizeiobermeister Kenneth Eckstein auf Streife.

19:47 Uhr: Es ist bereits die dritte Aufforderung. „Sie verlassen nun bitte sofort den Platz!“, sagt Eckstein. „Chill mal, ich rauche die Zigarette noch zu Ende“, entgegnet der vielleicht 25-jährige Mann. Lässig lehnt er sich an seinen weißen S-Klasse-Mercedes mit den schwarz getönten Fenstern, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen die Zigarette. Hämisch grinst er in den Polizeiwagen. „Nein, das tun Sie nicht“, sagt Eckstein mit fester, nun schon weniger freundlichen Stimme. Endlich wirft der junge Mann die Zigarette auf den Boden und steigt in den Wagen. Dann lässt er den Motor laut aufheulen und braust ab. „Ein Paradebeispiel für die Respektlosigkeit, die uns immer häufiger entgegengebracht wird“, sagt Eckstein.

Eigentlich aber sind sie zu einem anderen Einsatz an der Querspange gerufen worden: Einem Jungen wurde das Handy gestohlen. Auf dem Platz stoßen sie auf die Gruppe Jugendliche. Im Kreis stehend schildern sie den Polizisten den Vorfall. Der Täter habe behauptet, selbst kein Handy zu haben und nur mal eben dringend telefonieren zu wollen, schildert der vielleicht 16-jährige Bestohlene. Dann sei der Täter mit dem Handy weggerannt. „Wohin?“ „In die Talaue, dort durch die Gasse.“ „Wie sah er aus?“ „Er trug eine schwarze Jacke und einen schwarzen Parka.“ Ein Routineeinsatz.

Viel Hoffnung, den Täter zu kriegen, bestehe nicht. Trotzdem beginnt nun die Suche. Mit dem Polizeiwagen fahren Jagiella und Eckstein in der Abenddämmerung die schmalen Wege des Talauenparks ab. Fußgänger werfen verstohlene Blicke in den Polizeiwagen. Dunkle Gestalten säumen die Parkbänke. Von dem Täter aber fehlt jede Spur.

Es ist einer der wenigen Momente, die tatsächlich filmreif wirken

20:30 Uhr: Ein paar Runden noch fahren sie um den Block, vorbei an der Rundsporthalle, vorbei am Bürgerzentrum. Obwohl wenig Verkehr herrscht und nur vereinzelt Menschengruppen über die Bürgersteige gehen, sind die beiden Polizisten hellwach. Ihr Blick wandert in jede Seitengasse. Ob das auch mit der Terrorgefahr der vergangenen Jahre zu tun hat? „Auch“, antwortet Jagiella, man sei schon aufmerksamer geworden. Mit Verunsicherung habe das aber nichts zu tun. „Wir sind für alle Fälle gut ausgerüstet und vorbereitet“, sagt sie. „Trotzdem sollte jedem Polizisten bewusst sein, dass er einen gefährlichen Beruf gewählt hat und dass jederzeit etwas passieren kann“, sagt sie.

00:24 Uhr: Die Nacht ist noch jung für Jagiella, Eckstein und ihre Kollegen. Und still - obwohl Freitagabend ist. „Wenn nachts nicht viel los ist, fällt man zwischen zwei und vier Uhr in ein Müdigkeitsloch“, sagt Jagiella. Die Nachtschicht zehre an den Kräften. Dann schreiben sie und ihre Kollegen die Einsatzberichte, jeder Vorfall muss schließlich dokumentiert werden. Ruhig aber bleibt diese Nacht nicht.

„Er hängt mit dem Kopf aus der halbgeöffneten Autotür, atmet aber noch.“

3:03 Uhr: „Er hängt mit dem Kopf aus der halbgeöffneten Autotür, atmet aber noch.“ Die Worte der Anwohnerin lassen das Schlimmste vermuten. Die Anwohnerin hat einen reglosen Mann in einem schwarzen Hyundai gefunden. Der Wagen steht in einer Seitenstraße eines Nachbardorfes. Die Polizisten geben Vollgas und schalten das Blaulicht ein. Selbst auf der langgezogenen Autobahnauffahrt quietschen die Reifen. 207 km/h in der Spitze. Es ist eine der wenigen Momente, die tatsächlich filmreif wirken. Wenige Minuten später haben die jungen Polizisten die Seitenstraße erreicht. Die Polizisten durchleuchten das Auto, beißender Geruch schlägt ihnen entgegen. Der etwa 50-jährige Mann, schwer alkoholisiert und kaum ansprechbar, hat sich über das Armaturenbrett und in den Fußraum übergeben. Lallend gibt er an, auf einer Feier gewesen zu sein, seine Frau habe ihn hier nach einem Streit im Auto einfach zurückgelassen. Entwarnung. Die Situation ist weitaus weniger dramatisch als zunächst angenommen. Nun warten die Polizisten in der kühlen Nacht auf den Krankenwagen, die Sanitäter werden sich kümmern.

05: 27 Uhr: Waiblingen schläft noch. Am Ende einer langen Nacht kommen die Polizisten auf der Wache wieder zusammen. Jetzt wirken sogar Kieningers sonst so wachen Augen ein wenig ermattet. Ob er es bereut, Polizist geworden zu sein? „Der Schichtdienst ist natürlich hart, auch für die Familie“, sagt er, „aber ich mache meinen Job richtig gern.“ Jetzt kann Kieninger erstmal ausspannen - Wochenende. Montag geht es für ihn weiter. Mittagsschicht. 12:30 Uhr.