Waiblingen

Verdeckter Ermittler verwechselt den Täter

Schild
Symbolbild. © Jamuna Siehler

Waiblingen. Weinend hatte Abdullah L. zu Beginn der Verhandlung seine Unschuld beteuert – am Ende verließ er als freier Mann den Sitzungssaal. Während die Staatsanwältin bis zuletzt an seiner Schuld festhielt, wurde er vom Schöffengericht freigesprochen, weil er wegen seines Körperbaus als Täter nicht infrage komme.

1,85 bis 1,90 Meter groß und auffallend schlank: So hatte der verdeckte Ermittler den Mann namens Sami beschrieben, der ihm im Sommer 2016 im Asylbewerberheim am Inneren Weidach Haschisch verkaufte. Abdullah L. dagegen ist nur 1,80 Meter groß. Zum Zeitpunkt der Tat brachte er 96 Kilo auf die Waage. Und auch Monate und einen Hungerstreik später würde ihn niemand als auffallend schlank bezeichnen. „Diese Anklage betrifft mich nicht, ich habe damit nichts zu tun“, beteuerte Abdullah H. jetzt vor dem Waiblinger Schöffengericht. Zur Anklage hatte nach Überzeugung des Gerichts offenbar eine Verwechslung geführt: Tatsächlich war Abdullah im Heim unter dem Spitznamen Sami bekannt – Sami nannte sich aber auch ein weiterer Bewohner namens Kalim P. Dennoch war Abdullah L. aufgrund seines Passbildes von dem verdeckten Ermittler identifiziert worden. Das erste Mal eindeutig. Beim zweiten Mal war dieser sich nicht mehr so sicher gewesen.

Der Mann hat die Vorladung nie bekommen

„Die Personenbeschreibung ist mit ihm schwer in Einklang zu bringen“, meinte der Vorsitzende Richter Stefan Kärcher. Der verdeckte Ermittler sei auf Abdullah gekommen, weil der Sami genannt wurde, wie eben jener Kalim, der als Zeuge Licht ins Dunkel bringen sollte. Auf seine Aussage wartete das Waiblinger Gericht allerdings vergeblich. Nach einer längeren Sitzungsunterbrechung zeigte sich: Der Mann hat die Vorladung nie bekommen. Bereits im September 2016 ist er untergetaucht, hat seitdem keine Leistungen mehr bezogen – und ist für die Behörden unauffindbar.

„Der Falsche auf der Anklagebank“

Dennoch hielt die Staatsanwältin bis zum Ende daran fest, dass Abdullah eindeutig identifiziert worden sei. Zwar treffe die Personenbeschreibung auf ihn nicht mehr zu, beim ersten Mal sei sich der Ermittler aber 100-prozentig sicher gewesen. Dass er es beim zweiten Mal nicht mehr war, erklärte sie mit dem zeitlichen Abstand. Der Verteidiger verwies indes darauf, dass sich beim ersten Durchgang noch kein Passbild von Kalim P. befunden hatte. „Beim zweiten Durchgang war er drin, da war sich der verdeckte Ermittler dann nicht mehr so sicher.“ Kalim sei verschwunden, der Falsche sitze auf der Anklagebank. So sah’s auch das Schöffengericht. Abdullah könne als Täter nicht identifiziert werden, so Richter Kärcher: „Die Personenbeschreibung ist viel zu weit von seinem Aussehen entfernt.“ Vieles spreche für eine Verwechslung.

Haftbefehl ist aufgehoben

Abdullah L. hatte bis zum Sonntag im Gefängnis gesessen, weil er seine Bewährungsauflagen nach einem Diebstahl gebrochen hatte. Seit Montag war er in Untersuchungshaft, jetzt kommt er frei. „Der Haftbefehl ist aufgehoben“, sagt Kärcher. Das konnte der Mann offenbar zunächst nicht wirklich verstehen - trotz seiner Sprachkenntnisse und eines Dolmetschers. Erst brauchte er ein Taschentuch, bevor er den Freispruch erleichtert zur Kenntnis nahm.