Waiblingen

Vereinter Kampf gegen Insektensterben

1/3
f2b5d1fc-cae5-4956-a5b9-a0d52f99eb11.jpg_0
Der Anblick einer kunterbunten Wiese ist selten geworden. © Zürn / ZVW
2/3
Insekten
Auf dem Podium diskutierten von links Frieder Bayer, Volker Escher, Birgit Priebe, Werner Boßler und Professor Johannes Steidle. © Ralph Steinemann Pressefoto
3/3
Blumenwiesen Schmetterlingswiese Hochwasser Damm Winterbach
Selten gewordener Gast. © Habermann

Waiblingen. Es wird still in unserer Landschaft. Das Summen und Brummen wird leiser, Insekten sterben zuhauf, und mit ihnen viele Vögel. Das Thema ist endlich in den Köpfen angekommen, die Landwirtschaft als die vermeintlich Schuldige ausgemacht. Doch halt, sagt Professor Johannes Steidle von der Uni Hohenheim. Zwar sei die Landwirtschaft mit eine der Hauptursachen. „Aber es ist nicht ihr Problem allein.“

Flächenverbrauch, Klimaveränderungen, Lichtverschmutzung und Landwirtschaft: All das trägt bei zum dramatischen Sterben auf Wiesen und Feldern. Besonders massiv wirkt sich Professor Johannes Steidle zufolge allerdings die Landwirtschaft aus, die 51 Prozent der bundesdeutschen Fläche einnimmt. Vom Artensterben seien Insekten vor allem auf landwirtschaftlichen Flächen betroffen. Die Ursachen dafür sind laut Steidle ein tödliches Quartett: Überdüngung, Pestizide, häufiges Mähen und der Verlust der Strukturvielfalt entziehen den Insekten die Lebensgrundlage. Wer dies allerdings allein den Bauern anlastet, übersieht deren geringen Verdienst, das Verhalten der Konsumenten und die gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Steidle: „Wenn wir beim Discounter einkaufen, ist es nicht anders möglich.“

Die Wertschätzung von Lebensmitteln muss sich ändern

Dass Landwirte wirtschaftlich handeln müssen, um zu überleben, sagte auch Volker Escher, Obmann der Landwirte aus Hegnach, bei der anschließenden Podiumsdiskussion: „Die Verbraucher fordern günstige Nahrungsmittel und gerade Gurken. Wenn wir nicht handeln, sind wir weg.“ Gleichwohl machen sich die Bauern in Waiblingen für die Umwelt stark. Escher verwies auf Aktionen wie die blühenden Ackerrandstreifen und „Bittenfeld blüht bunter“, wo kostenlose Saatgutmischungen ausgegeben wurden. Aus Sicht von BUND-Mitglied Frieder Bayer müssen sich Landwirtschaft und Naturschutz gar nicht so sehr widersprechen. Frankreich mache es vor, wo es kleinere Flurstücke und mehr Hecken gebe. Auch im Remstal kenne er keine Monokulturen, konterte Volker Escher. Was er sich als schlecht bezahlter und von den Konsumenten getriebener Landwirt wünschen würde, wollte Moderatorin Birgit Priebe wissen. Da musste Escher nicht lange nachdenken: Angesichts der hochwertigen Lebensmittel, die Bauern produzieren, wünsche er sich von den Verbrauchern eine höhere Wertschätzung, sagte er. Frieder Bayer sprang ihm bei: Die Wertigkeit müsse steigen: „Wir können die Natur nicht grenzenlos ausbeuten.“

„Das Insektensterben geht uns alle an. Es liegt auch an unserem Verhalten“, resümierte Birgit Priebe. Und das gilt nicht nur für Verbraucher, sondern auch für Städteplaner und Gartenbesitzer. Denn es ist beileibe nicht die Landwirtschaft allein, die Bienen und Co (neuen) Lebensraum schenken kann. Bienen fühlen sich auch in den Städten wohl, auf blühenden Verkehrsinseln und Grünstreifen summt und brummt es, und blühende Gärten gibt es zuhauf: in Deutschland immerhin 6800 Quadratkilometer Gärten und 13 376 Quadratkilometer Naturschutzfläche. Viel Platz also für Hummeln und Schmetterlinge, wenn, ja wenn die Vorgärten nicht geschottert und bestenfalls mit einer artfremden Kiefer oder Pampasgras geschmückt werden. „Schottergärten sind die Spitze des Extremen“, findet Werner Boßler, Chef der Abteilung Grünflächen und Friedhöfe in Waiblingen. Die Menschen legten zu großen Wert auf Ordentlichkeit, in ihren Gärten und in den öffentlichen Grünanlagen.

Dabei ist es doch genau das, was Bienen und Co zum Leben brauchen: Offene Bodenstellen, hohes Gras, Blühendes und Verblühtes, das „Unkraut“ zwischen den Pflastersteinen. Blühstreifen mit regionalen Samen, einheimische Stäucher und Bäume, weniger häufiges Mähen und mehr „Unordnung“, empfiehlt Professor Steidle. Die Gärten wie Naturschutzgebiete zu pflegen, vor allem aber, endlich mit den richtigen Schritten anzufangen. Denn: „Wir sollten was machen. Und wir sollten es schnell machen. Noch zehn bis 15 Jahre, um umzusteuern“, sagte er. „Wir haben nicht mehr viel Zeit.“


Das stille Sterben

Das Insektensterben ist längst trauriger Fakt: Einer Insektenstudie aus Krefeld zufolge ist von 1989 bis 2016 die Insekten-Biomasse um rund 80 Prozent zurückgegangen. „Wir haben ein echtes Problem“, stellte der Hohenheimer Biologe Professor Johannes Steidle beim Nachhaltigkeitstag im Bürgerzentrum fest.

Die Insekten sind ein wesentlicher Teil des Ökosystems. Ihr Aussterben werde sich empfindlich auf die Wasserversorgung, die Abfallbeseitigung in der Natur, die biologische Bekämpfung und Bestäubung, auf Nahrungsmittel und Rohstoffe sowie Erholungsräume auswirken. Schon jetzt seien aufgrund dessen viele Vogelarten bedroht. In China müssten Wanderarbeiter Apfelblüten künstlich bestäuben.

Hauptverursacherin des Insektensterbens ist laut Steidle die Landwirtschaft. Die Folge häufiger Düngung und ständigen Mähens seien artenarme Wiesen. Dabei schade die Düngung nicht nur den Insekten, sondern auch dem Trinkwasser. Verloren gehen aber auch die Feldraine, Feldgehölze, Hecken, Kleingewässer und Feuchtwiesen, wo Insekten ihre Nahrung finden. Fatal für die Insekten, die extrem heikel sind und nur ausgewählte Pflanzen fressen.

Dazu kommen die Pestizide in der Landwirtschaft, die die Insektenpopulationen dezimieren. Die übriggebliebenen Kleinstpopulationen sind dann von Inzucht bedroht, werden noch kleiner und verschwinden ganz.