Waiblingen

Verurteilter Gewalttäter ist untergetaucht

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Symbolbild. © Joachim Mogck

Waiblingen. Eigentlich sollte ein 21-jähriger Asylbewerber seit Mitte Juni wegen gefährlicher Körperverletzung in Haft sitzen. Die Strafe von einem Jahr und sechs Monaten hat er jedoch nicht angetreten. Am Dienstag stand ihm nun eine weitere Verhandlung bevor, wieder wegen gefährlicher Körperverletzung. Doch der Mann ist untergetaucht.

Auch der Geschädigte im aktuellen Verfahren erscheint nicht vor Gericht. Verhandelt wird nach kurzer Beratung dennoch: Zwei mitangeklagte Asylbewerber aus Gambia – einer 22, der andere 28 Jahre alt – müssen sich wegen gemeinschaftlicher, schwerer Körperverletzung verantworten. Am Ende wird das Verfahren gegen sie eingestellt.

Ein Konflikt war im März in einem Asylbewerberheim in Auenwald eskaliert. Die alarmierte Polizei traf vor Ort auf einen nigerianischen Asylbewerber, der einen anderen beschuldigte, ihn mit einem Besenstil und der Faust geschlagen und ihm dann kochend heißes Wasser über den Kopf geschüttet zu haben. Der Geschädigte musste mit sichtbaren Verletzungen ins Krankenhaus – die Beamten nahmen die Ermittlungen auf. Bei der Vernehmung auf dem Revier gab der Nigerianer an, dass zwei Männer dem Angreifer geholfen hätten und ihn während der Misshandlungen festgehalten hatten. Diese beiden Männer, beide Asylbewerber aus Gambia, stehen nun vor dem Waiblinger Amtsgericht.

„Wir wollten nur schlichten“

Eine Dolmetscherin erklärt den beiden vor Gericht auf Englisch, weshalb sie angeklagt sind – und blickt in irritierte Gesichter. „Ich kannte die beiden nicht. Wir wollten nur schlichten, sind dazwischen gegangen“, sagt einer der beiden Angeklagten.

Heißes Wasser über den Kopf geschüttet

Einer der Gambier, der in Rommelshausen wohnt, war am Tattag mit dem untergetauchten Hauptangeklagten zu Besuch in dem Asylbewerberheim in Auenwald. Dort ist der dritte Angeklagte untergebracht. Der Hauptangeklagte sei in die Küche gegangen, um Essen zuzubereiten, berichten die beiden vor Gericht. „Auf einmal hörten wir laute Geräusche. Daraufhin versuchten wir in die Küche zu kommen, doch die Tür war abgeschlossen“, sagt der 28-Jährige vor Gericht. Also verschafften sie sich zusammen durch ein Fenster Zutritt und fanden ein Trümmerfeld vor: „Alles war kaputt“, sagt einer der Angeklagten. Der Hauptbeschuldigte habe seinem Opfer gerade das heiße Wasser über den Kopf geschüttet. „Dann versuchte er mit einem Messer auf ihn einzustechen, aber wir sind dazwischen gegangen.“ Der Geschädigte habe sich im letzten Moment noch mit dem Gesicht abwenden können, sodass das Wasser nicht sein Gesicht, sondern nur seinen Nacken und die Schulterpartie traf. Er erlitt multiple Verbrennungen zweiten Grades. Das Wasser stammte vermutlich aus einem Kochtopf, den der Geschädigte zuvor aufgesetzt hatte. Doch genauer konnte der Tathergang nicht rekonstruiert werden, schließlich war auch der Geschädigte nicht vor Gericht erschienen. Dafür wird er ein Ordnungsgeld zahlen müssen.

Immer wieder Verschmutzungen in der Küche

Das Motiv für die Auseinandersetzung ist vor Gericht nicht eindeutig klar, doch der geladene Polizeibeamte gibt an: „Es kam wohl immer wieder zu Verschmutzungen in der Küche. Deshalb wurde den Bewohnern gesagt, sie sollen Fremde und Nichtbewohner dazu auffordern die Küche zu verlassen. Wenn das nichts bringt, soll die Küche abgeschlossen werden und die Polizei gerufen werden.“ Gesagt – getan. Der Fehler: Der Geschädigte hatte sich mit dem ihm fremden Mann eingesperrt. Dieser wurde daraufhin aggressiv, so kam es wohl zu der körperlichen Auseinandersetzung.

Hauptangeklagter wird mit zwei Haftbefehlen gesucht

So richtig rund lief die Verhandlung im Waiblinger Amtsgericht nicht – kein Hauptbeschuldigter, kein Zeuge. Ob die beiden Gambier was vom Hauptangeklagten gehört hätten, fragt Richter Martin Luippold. „Ja, heute Morgen hat er angerufen. Ich habe ihn nochmal an die Verhandlung erinnert“, sagt der Jüngere. Auf Nachfragen des Vorsitzenden Richters, warum der Mann dann nicht hier sei, gibt der 22-Jährige eine einleuchtende Erklärung: „Naja, weil er das mit dem Wasser gemacht hat.“ Der 28-Jährige gibt an, er habe gehört, der Hauptangeklagte habe das Land verlassen. Fakt ist: Er wird nun mit zwei Haftbefehlen gesucht.

Verfahren eingestellt

Die Verteidiger der Gambier beantragen die Einstellung des Verfahrens. Ihre Version der Geschehnisse wirke „glaubhaft und schlüssig“, sagt Richter Martin Luippold. Darüber hinaus hätte sich der Vorfall auch mit Zeugen nicht eindeutig klären lassen. Deshalb kommt das Schöffengericht der Forderung der Verteidiger nach.