Waiblingen

Viele Waiblinger wollen trotz Corona in die Türkei

Flieger Türkei
Ein Flugzeug von Turkish Airlines am Sabiha-Gökcen-Flughafen auf der asiatischen Seite der Zwei-Kontinenten-Metropole Istanbul. © Gabriel Habermann

Die Türkei zählt zu den beliebtesten Reisezielen der deutschen Urlauber. Fünf Millionen Deutsche besuchten nach Angaben des türkischen Außenministeriums im vergangenen Jahr die Strände und Städte des Landes. Für viele Deutsch-Türken ist der Türkeiaufenthalt weit mehr als nur eine Reise, sie besuchen Verwandte und Freunde. Wie sieht es in diesem Sommer aus?

Auswärtiges Amt warnt vor nicht notwendigen, touristischen Reisen in die Türkei

Bis vor zwei Wochen galt das coronabedingte Einreiseverbot für deutsche Staatsangehörige, das am 11. Juni von der türkischen Regierung aufgehoben worden ist. Das Auswärtige Amt in Berlin warnt aber weiterhin „vor nicht notwendigen, touristischen Reisen“ in die Türkei. Und wer aus der Türkei nach Baden-Württemberg zurückkehrt, muss sich zwei Wochen lang häuslich isolieren. Was sagen die türkischen Vereine in Waiblingen dazu? Wollen ihre Mitglieder dennoch in die Türkei reisen?

Waiblinger Moscheeverein wittert Diskriminierung

Der Architekt und Ingenieur Kadri Yayla vom Waiblinger Moscheeverein Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) findet die generellen Reisewarnungen berechtigt, aber nicht in diesem Ausmaß. Dass die Reisewarnung in die Türkei nach wie vor noch gelte, finde er nicht fair. Denn Yayla ist der Überzeugung, dass hierbei mit verschiedenen Maßstäben vorgegangen werde. Ob ein Land Mitglied der Europäischen Union sei, solle bei der Entscheidung weniger eine Rolle spielen. Maßgebend sollten dabei die Kriterien sein, die ein Land zu erfüllen hat – wie der Zustand des Gesundheitssystems, die Zahl der Neuinfektionen und der Verstorbenen.

„Ich behaupte ganz fest, dass nicht alle europäischen Länder die Standards erfüllen“, sagt Yayla. „Touristisch gesehen hat die Türkei die modernsten Anlagen.“ Auch können seiner Meinung nach die Krankenhäuser, die in den vergangenen Jahren in der Türkei gebaut wurden, mit deutschen Einrichtungen verglichen werden. Dass die Reisewarnung gezielt bis zum 31. August gelte, rieche für ihn nach Diskriminierung. Denn bis dahin sei schließlich die Urlaubs-Hochsaison längst vorbei.

"Wir sind noch nicht über den Berg"

Yayla wünscht sich eine einheitliche Vorgehensweise für alle Länder. Beispielsweise solle auferlegt werden, dass jeder sich vor und nach der Reise, unabhängig davon in welches Land, untersuchen lassen soll. „Wir sind noch nicht über den Berg“, sagt der Ingenieur. „So einen Lockdown können wir uns nicht noch mal erlauben. Wir sind in Deutschland relativ gut davongekommen.“ Dafür ist er sehr dankbar, doch ihm ist auch bewusst: „Diese Freiheit kann man sehr schnell verlieren und davor habe ich Angst.“

Urlaub eventuell in Deutschland

Er selbst will dieses Jahr nicht in die Türkei reisen. Falls er überhaupt Urlaub macht, dann wohl eher in Deutschland. Auch vor der Pandemie sei er in der Regel wegen seiner Arbeit nur für einen sehr kurzen Zeitraum verreist, sagt Yayla. In dieser Lage lohne sich der ganze Aufwand für ihn erst recht nicht. Weil sich die Verordnungen und Regelungen täglich ändern und somit die Ungewissheit zu groß sei. Ein anderer Grund ist für ihn aber auch die 14-tägige Quarantäne nach Rückkehr aus der Türkei. Seine Ehepartnerin hingegen schreckt das nicht ab: „Meine Frau wird auf alle Fälle für eine längere Zeit in die Türkei fahren, sie besucht ihre Eltern.“

Viele Waiblinger fahren mit dem Auto in die Türkei

Auch in der Waiblinger Ditib-Gemeinde beobachtet Kadri Yayla, dass viele sich von Reisewarnungen nicht verunsichern lassen. Etwa 70 Prozent der Gemeindemitglieder bevorzugten nun die Fahrt mit dem Auto. „Jetzt hat sich das total gewendet“, sagt Yayla. Davor seien es etwa 30 bis 40 Prozent gewesen, die die zweitägige Fahrt mit dem Auto in Kauf genommen haben. „Die Leute haben Angst, sich im Flugzeug anzustecken.“ Für die Quarantäne spielt das aber auch keine Rolle: Wer zurückkommt, muss laut Landesverordnung in Isolation.

Frauengruppe kritisiert: Vorgehen sei nicht fair

Auch Emine Kara, Gründerin der türkischen Frauengruppe „El Ele“ (dt. Hand in Hand), hat sich bereits mit diesem Thema beschäftigt. „Ganz fair finde ich die Vorgehensweise nicht“, sagt die 67-Jährige. „Insbesondere wenn ich andere Länder betrachte“, sagt sie. Als Beispiel führt sie Italien und Spanien an. In Italien beispielsweise sind laut Johns Hopkins University etwa 34 000 Menschen nach einer Corona-Infektion gestorben, in der Türkei circa 5000.

Türkei: Ausgangssperre für Personen ab 65 Jahren

Emine Kara und ihr Mann haben sich dennoch gegen einen Türkei-Urlaub entschieden. In der Türkei gelten für Personen ab 65 Jahren drastischere Verordnungen: Für sie gilt eine grundsätzliche Ausgangssperre von 20 Uhr abends bis 10 Uhr am folgenden Tag. In Deutschland hingegen kann Emine Kara mit ihrem Ehemann problemlos einkaufen gehen oder sich der Gartenarbeit widmen. Dennoch beobachte sie in ihrem Umfeld, dass einige ihrer Bekannten in die Türkei reisen und auch die Quarantäne in Kauf nehmen.

Die Türkei zählt zu den beliebtesten Reisezielen der deutschen Urlauber. Fünf Millionen Deutsche besuchten nach Angaben des türkischen Außenministeriums im vergangenen Jahr die Strände und Städte des Landes. Für viele Deutsch-Türken ist der Türkeiaufenthalt weit mehr als nur eine Reise, sie besuchen Verwandte und Freunde. Wie sieht es in diesem Sommer aus?

Auswärtiges Amt warnt vor nicht notwendigen, touristischen Reisen in die Türkei

Bis vor zwei Wochen galt das

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