Waiblingen

Vom Waisenkind zum Motivator

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Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück zu Gast in der Kaufmännischen Schule. © Palmizi / ZVW
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Ehrlich und leidenschaftlich: Hück traf genau den Ton, der bei den Schülern gut ankommt. © Palmizi / ZVW

Waiblingen. Elternlos im Kinderheim aufgewachsen, Europameister im Thai-Boxen geworden, Karriere in der Wirtschaft gemacht: Uwe Hück gilt als der außergewöhnlichste Betriebsratsvorsitzende der Republik. Bei Porsche streitet er mit Topmanagern, in der Kaufmännischen Schule motivierte er nun Jugendliche, für ihre Zukunft zu kämpfen.

Video: Betriebsratvorsitzender Uwe Hück über Zukunftsperspektiven

Mit breiten Schultern und 1,86 Metern Körpergröße hat Uwe Hück schon von der Statur her eine Überzeugungskraft, gegen die keiner so schnell ankommt. Noch mehr Glaubwürdigkeit als seine Physis verleiht dem 54-Jährigen allerdings seine Biografie, die ihn vom ungeliebten Vollwaisen erst zum Spitzensportler und schließlich zu einem der mächtigsten Gewerkschafter Deutschlands machte. Ein Lebenslauf, der erst recht unwahrscheinlich wirkt, wenn man sich vor Augen führt, dass nach Aussage von Soziologen in kaum einem anderen Staat Europas die Herkunft derart über die spätere gesellschaftliche Stellung entscheidet wie hierzulande. Ein Lebenslauf, den der arme Junge aus dem Kinderheim selbst geschrieben hat. Und darauf zielt die Kernbotschaft seines Auftritts anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Kaufmännischen Schule Waiblingen: Sogar unter schlechten Voraussetzungen könnt ihr es schaffen, wenn ihr an euch glaubt, wenn ihr die Ärmel hochkrempelt und euch gegen Ungerechtigkeit wehrt. Aber Vorsicht: „Das Trikot schwitzt nicht von alleine.“

Als Uwe Hück seine Eltern bei einem Autounfall verlor, war er nur zwei Jahre alt. Mit acht schloss er einen Pakt mit seinem Herrgott: Wenn dieser ihn stark und mächtig mache, dann werde er die Hilfe für andere in den Mittelpunkt seines Lebens stellen. Aber danach sah es erst nicht aus. Sein Bruder hielt das Verlassensein nicht aus und nahm sich das Leben. Und Uwe Hück sollte die fünfte Klasse auf einer Sonderschule besuchen, keiner glaubte an ihn. Erst relativ spät erkannte ein Lehrer, dass der Bub durchaus intelligent war. Dabei war sein Betragen ruppig: „Ich musste erst lernen, dass man eine Tür am besten öffnet, bevor man hindurchgeht.“ Um dem Kinderheim zu entkommen, machte er eine Lehre als Maler und Lackierer. Vor allem jedoch lebte er für den Sport, errang zweimal den Europameistertitel im Thai-Boxen. Das gab Selbstbewusstsein. Ein weiterer Schritt zur Selbstständigkeit folgte, als er bemerkte, dass er von seinem Manager über den Tisch gezogen wurde, und sich von ihm trennte. Das war 1985.

Umjubelte Forderung nach WLAN für die Schulen

Weil er Geld brauchte, bewarb Uwe Hück sich bei Porsche – und kassierte eine Absage. Die Begründung, es gebe keinen Platz, hätte er akzeptiert. Die, er sei nicht qualifiziert, nicht. Er protestierte und wurde eingestellt. Weil er nirgendwo Ungerechtigkeit duldete und sich auch für andere einsetzte, wurde der Betriebsrat auf ihn aufmerksam. Sein beruflicher Aufstieg begann. In diversen Weiterbildungsmaßnahmen qualifizierte er sich in Arbeits-, Tarif- und Sozialrecht, autodidaktisch schaffte er sich sein Wissen in Wirtschaft und Technik drauf. Seit 2002 ist er Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Porsche AG, seit 2010 sogar stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Geld, Erfolg und ein schnittiges Auto zu haben empfindet er trotz seiner Herkunft mitnichten als Makel, eher als Verpflichtung: „Wer Erfolg hat, muss etwas abgeben!“ Uwe Hück trainiert nicht nur jugendliche Thai-Boxer in einem Pforzheimer Problemviertel, mit seiner Lernstiftung Hück fördert er benachteiligte Jugendliche insbesondere durch Lern-, Ausbildungs- und Integrationsprojekte. Zu Benefizzwecken stieg er mit mehr als 50 Jahren auch wieder in den Ring, um sich mit ehemaligen Boxstars wie Luan Krasniqi oder Francis Botha zu prügeln. Motto: „Blaue Flecke für soziale Zwecke“.

Das Gebot, Schwachen zu helfen, gilt für alle. Leidenschaftlich schimpft Uwe Hück auf die „braune Soße“, die aus der Flüchtlingskrise Kapital schlagen will: „Rassismus muss aussterben!“ Er weiß, wie grauenhaft es ist, unter Lebensgefahr die Heimat verlassen zu müssen, denn seine „intergalaktisch tolle“ Frau kam in den Siebzigern als eine der „Boatpeople“ aus Vietnam. Keine Mauer könne die Fliehenden auf Dauer abhalten. Die einzige Möglichkeit bestehe darin, dafür Sorge zu tragen, dass die Herkunftsländer wieder lebenswert werden. Auch dafür ist Bildung der Schlüssel, meint Hück. Sie sei die schärfste Waffe gegen den Terror.

Für bessere Bildung tritt er auch im wohlhabenden Deutschland ein. Die Digitalisierung der Schulen müsse endlich vorankommen. Unter lautem Jubel der Schüler fordert er WLAN für die Schulen – „aber nicht für das, was ihr jetzt denkt“. Internet und soziale Netzwerke brauchten Datenschutz und klare Regeln gegen Facebook-Mobbing. Digitalisierung ist, da spricht der Porsche-Mann, der Schnellzug in die Zukunft, ohne den diese verpasst wird. „Wer noch Ordner mit Papier hat, der kann sie wegwerfen!“ Regeln bräuchten nicht zuletzt die Arbeitsverhältnisse der digitalen Zukunft. Jungen Leuten nur befristete Verträge zu geben, sagt der Sozialdemokrat, der mit im Gespräch ist für eine Doppelspitze der Landes-SPD, sei unanständig.

Schuljubiläum

Die Feste zum 50-Jahr-Jubiläum der Kaufmännischen Schule gehen weiter. Der offizielle Festakt findet am Freitag, 15. Juli, um 14.30 Uhr statt.

Ein Tag der offenen Tür mit Autosalon, Theater und Bewirtung gibt’s am Samstag, 16. Juli, von 11 bis 17 Uhr.