Waiblingen

Waiblingen: Warum Zahntechniker Alfons Blümle (69) nicht ans Aufhören denkt

Alfons Blümle
Alfons Blümle in seinem Zahntechnik-Labor in Beinstein. © Gabriel Habermann

Schienen, Brücken, Kronen - das ist die Welt von Zahntechniker Alfons Blümle, der seit 40 Jahren sein eigenes Labor in Waiblingen betreibt. An die erste Begegnung mit einem Zahnarzt, der zu einem Kunden wurde, kann sich Alfons Blümle noch gut erinnern: „Er kam zu mir ins Labor und sagte, er wolle sich den Verrückten mal anschauen, der sich jetzt noch selbstständig macht.“ Das war 1983, Blümle war froh, die Selbstständigkeit erreicht zu haben. „Ich stand entwaffnet vor ihm“, erzählt er.

Ein Rentner, der immer noch täglich ins Geschäft geht

Fast 50 Jahre später gilt Blümle vielen erneut als einigermaßen schräger Vogel: Ein Rentner, der immer noch täglich ins Geschäft geht, der muss ja ganz schön verrückt sein. Blümle selbst findet das aber total normal: „Eine Aufgabe zu haben, gibt mir eine Struktur.“

16 Gesundheitsminister hat er überlebt. In 40 Jahren als Selbstständiger hat er unzähligen Zahnarztpatienten zu schönen gesunden Zähnen verholfen. Schätzungsweise 16.000 Kronen und Brückenglieder sowie 70.000 Patientenarbeiten, von Reparaturen über Vollprothesen bis zu Schienen, dürften es sein. Dieses Jahr wird Blümle 70, er könnte es auslaufen lassen, es bei fast 50 Jahren im Beruf des Zahntechnikers bewenden lassen. Will er aber nicht. „Jeder verbindet mit dem Rentendasein etwas anderes. Nichtstun ist es für mich definitiv nicht“, sagt der verspielt wirkende, lebhaft erzählende Vollblut-Handwerker.

„Meine Welt ist das Labor“

Wenn befreundete und bekannte Rentner sich am Hanweiler Sattel treffen und in die Besenwirtschaft spazieren, steht Blümle am Arbeitsplatz und tüftelt am und für Zahnersatz. Nicht weil er etwas gegen Besenwirtschaft und Geselligkeit bei einem Schoppen Wein habe. Gelegentlich gehe er auch mit. Aber: „Meine Welt ist das Labor, ich fühle mich gut und aktiv, wenn ich mich immer wieder auf neue Herausforderungen einlassen kann.“ Seine Kunden sind Zahnärzte im Großraum Stuttgart. Sie zählen bei Auftragsarbeiten auf die „vertrauensvolle Arbeit“, die sich der aus Ellwangen an der Jagst stammende Zahntechniker von Anfang an auf die Fahnen geschrieben hatte, als er noch mit Wachsmesser und Fräse Wachs, Kunststoff und Metall formte.

Heute verwandelt Blümle auch mithilfe von CAD- und CAM-Technik Keramik, Kunststoff, Stahl und Goldlegierungen in Zahnersatz. Wobei Goldlegierungen auf dem Rückzug seien. Weit entfernt von den 1980er und 90er Jahren als sein Labor pro Jahr mehrere Kilo Gold verarbeitet habe. Technische Möglichkeiten und Materialien wechselten, Moden kamen und gingen - so werde heute häufiger aus ästhetischen Gründen Zahnersatz geordert.

Kombination aus Handwerk, Gestaltung und Technik

Das diffizile Arbeiten, die feinmechanische Arbeit seien aber im Wesentlichen unverändert geblieben. „Es gibt heute moderne Kunststoffe zum Anmischen, doch sobald etwas modelliert wird, führt an Wachs kein Weg vorbei.“ Die Kombination aus Handwerk, Gestaltung und Technik präge auch die inzwischen führende Implantattechnik, bei der Zahnersatz auf künstliche Wurzeln gesetzt wird. Etwa 25 Implantaten, dies ist jede fünfte Arbeit pro Monat, setze er die Krone auf.

Dennoch: „Den Feinschliff machen wir immer noch per Hand, auch beim Mixen von Farbe oder wenn etwas bemalt wird, arbeiten wir traditionell.“ In den 1970er Jahren sei Stuttgart eine Hochburg für Zahnersatz gewesen, was die Qualität angeht. „Damals wurde von der Krankenkasse alles übernommen, samt Gold. Das hat uns wahnsinnige Möglichkeiten gegeben.“

In jungen Jahren hätte er gerne als Künstler gearbeitet. Das habe er sich, auch auf gutes Zureden seines Vaters, der ihn gerne in einem „sicheren“ Beruf bei der Bank gesehen hätte, schnell abgeschminkt. Blümle machte nach der zwölften Klasse, ohne Fachhochschulreife und Abitur, erstmal zwei „Vernunftspraktika“ im Rathaus und auf der Bank. „Danach habe ich das Weite gesucht“, erzählt er lachend. Am richtigen Platz fühlte er sich beim dritten Praktikum in einem Dentallabor in Aalen, das habe von Anfang an gepasst. „Meine Chefin und der Meister waren erstaunt, wie gut ich mich anstelle. Das heftige Lob war ich gar nicht gewohnt.“

Auf seine Produkte ist er stolz

Etwas fertig zu machen, zu polieren, das Fertige vor Augen zu haben - dabei wollte er bleiben. Das Gestalten von Brücken etwa, den Prozess vom Rohmaterial zur Form, vergleicht Blümle bis heute mit einem Modelleisenbahnbastler. „Wenn er eine Brücke gebaut hat, kann er sagen, schau an, das habe ich geschafft.“ Blümle kennt das Gefühl von den Momenten, wenn er als Ergebnis einen schönen Zahnersatz in Händen hält.

„Ich würde am liebsten nur Zähne gestalten, das macht mir Spaß. Was immer weniger Spaß macht, ist, den Karren zu ziehen und Verantwortung für das Labor zu übernehmen, damit es kaufmännisch und technisch funktioniert.“ Viel Zeit gehe drauf, um die Vorlagen aus dem Medizinproduktegesetz zu erfüllen: „Wir müssen jeden Arbeitsschritt dokumentieren, alles muss hinterlegt sein, an jedem Arbeitsplatz muss festgehalten werden, welche Menge von welchem Material verwendet wurde. Das Material muss der Technik, also der Prothese oder der Krone zugeordnet werden.“

Anrufe an Heiligabend erhalten

Blümle weiß von vielen Zahntechnikern, die nicht alt werden und psychische Probleme haben - stressbedingt. „Wir können nicht immer so prima planen, weil jederzeit kurzfristige Aufträge dazwischenkommen können.“ Er habe schon Anrufe an Heiligabend erhalten, weil der Tante die Prothese zerbrochen ist. „Sie kann ja nicht ohne Zähne vorm Weihnachtsbaum sitzen.“

Seit vielen Jahren hält sein eingespieltes Team aus vier Meistern und zwei Technikern ihm den Rücken frei, damit der Hobbymusiker regelmäßig zur Gitarre greifen kann. Seit zehn Jahren spielt er mit versierten Musikern in Ensembles, lernt Texte auswendig, lädt gerne neue Noten aus dem Internet. Nach Feierabend seien Rock’n’Roll und Blues seine Welt: „Basteln tue ich nur im Labor.“ Im eigenen stillen Kämmerlein und als Mitglied einer Band fühlt er dann seiner geliebten Gitarre auf den Zahn.

Schienen, Brücken, Kronen - das ist die Welt von Zahntechniker Alfons Blümle, der seit 40 Jahren sein eigenes Labor in Waiblingen betreibt. An die erste Begegnung mit einem Zahnarzt, der zu einem Kunden wurde, kann sich Alfons Blümle noch gut erinnern: „Er kam zu mir ins Labor und sagte, er wolle sich den Verrückten mal anschauen, der sich jetzt noch selbstständig macht.“ Das war 1983, Blümle war froh, die Selbstständigkeit erreicht zu haben. „Ich stand entwaffnet vor ihm“, erzählt

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