Waiblingen

Waiblinger Arzt Michael Kehrle hat schon über 50 Atteste gegen Corona-Masken ausgestellt - verdient er daran?

Masken Chaos
Symbolfoto. © Alexandra Palmizi

Michael Kehrle, der Masken-Attest-Arzt aus Waiblingen, macht weiter: 25 bis 30 Bescheinigungen hat er nach eigenen Angaben in knapp zwei Wochen ausgestellt und damit Patienten von der Pflicht befreit, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Insgesamt habe er seit Beginn der Corona-Pandemie nun 50 bis 60 Atteste ausgegeben.

Als einer von ganz wenigen Berufskollegen aus dem Rems-Murr-Kreis steht der Waiblinger Allgemeinmediziner auf der Unterstützerliste der umstrittenen Initiative „Ärzte für Aufklärung“, von denen nach Recherchen des ARD-Magazins „Report Mainz“ einige bereit sind, Atteste gegen das Masketragen auch ohne medizinischen Grund auszustellen.

Für Michael Kehrle kommt das nach wie vor nicht infrage. Es habe bei ihm aber bislang auch keine Anfragen „ohne offensichtlich deutliche medizinische Notwendigkeit“ gegeben. Und das, obwohl die Anrufe und Mails von Menschen, die die Maske loswerden wollen, nach unserem letzten Bericht zugenommen haben. Aktuell meldeten sich pro Tag etwa zwei neue Personen. Relativ viele der Anfragen kämen „von weiter weg“, so Kehrle, „von hinter Schorndorf“ und sogar aus Oberschwaben.

Keine Atteste am Telefon mehr

Kehrle betont aber, dass alle Interessierten zu ihm kommen müssten – zur Untersuchung. Atteste nach Telefonaten auszustellen, das habe er lediglich bei zwei Personen gemacht – tue das nun aber bewusst nicht mehr. Zwar traue er sich auch diese Art der Beurteilung fachlich zu, er wolle sich aber keine „formalen Fehler vorwerfen lassen“ müssen, so Kehrle. Denn die fernmündliche Anamnese werde „kriminalisiert“.

Prinzipiell möglich ist sie jedoch, bestätigt Dr. Oliver Erens von der Pressestelle der Landesärztekammer. Entscheidend sei, dass ein Arzt seine Sorgfaltspflicht erfülle und „den Dingen auf den Grund gehe“. Unabdingbar sei der direkte Austausch von Arzt und Patient – der bei manchen Unterstützern der „Ärzte für Aufklärung“ offenbar nicht stattfand. Als Gründe, die für eine Befreiung vom Masketragen infrage kommen, nennt Erens etwa Asthma oder Gehörlosigkeit.

Was kostet so ein Attest eigentlich? Michael Kehrle verlangt je nach Länge der Untersuchung zwischen 26,80 und 40 Euro. Abgerechnet wird nach der Gebührenordnung für Ärzte. Da Kehrle kein Kassenarzt ist, müssen gesetzlich Versicherte – die etwa die Hälfte von Kehrles Patienten ausmachen – selbst zahlen. Für ihn sei das Ganze aber nicht kostendeckend, sagt Kehrle. Die Einnahmen seien zu gering, um auf den Bruttoumsatz zu kommen, den er wie jeder Arzt für die Praxis brauche. Er nehme sich bei solchen Attesten 20 bis 30 Minuten Zeit – das sei für seine Verhältnisse wenig.

Wichtig sei ihm, dass die Befreiung von der Maske für viele seiner Patienten „eine unglaubliche Erleichterung“ sei. Sie hätten zuvor beispielsweise an Kopfschmerzen, mangelnder Belastbarkeit oder auch Ängsten gelitten. Insofern stimme auch die pauschal klingende Aussage „Die Gesichtsmaske schadet Ihrer Gesundheit“, die Kehrle wie berichtet auf einen Zettel am Eingang seiner Praxis geschrieben hat. Denn viele, die zu ihm kämen, brächten eben schon gesundheitliche Probleme mit. „Plakatieren würde ich den Satz aber nicht.“ Es gebe auch viele Menschen, denen das Masketragen nichts ausmacht – auch unter seinen eigenen Patienten.

Arzt des Klinikums Winnenden: "Die Maske ist wichtig und nützlich"

Was sagen andere Ärzte dazu? Für Dr. Torsten Ade ist klar: „Bei mir ist die Maske überhaupt nicht umstritten! Sie ist wichtig, sie ist nützlich.“ Die Maske, erklärt der Chef der Notaufnahme in der Winnender Klinik, fußt auf einem sozialen Prinzip, der Idee des solidarischen Miteinanders: Maske zu tragen ist eine „gemeinsame Anstrengung: Alle schützen alle“. Solange die Mehrheit sich daran hält, kann eine Minderheit sich verweigern – und profitiert mit, ohne selber etwas zum gemeinsamen Wohl beizutragen: Das Virus bleibt unter Kontrolle. Aber wenn zu viele ausscheren, geraten alle in Gefahr.

Natürlich kann es Fälle geben, in denen jemandem die Maske nicht zumutbar ist – aber, so Ade, „ich sehe gar nicht so viele Dinge“, die eine Befreiung medizinisch begründen. Asthma? Einerseits ja, sagt Ade. Andererseits: „Schwer Lungenkranke sind bei Covid-19 klassische Hochrisiko-Kandidaten. Gerade da muss ich den Leuten raten: Wenn’s irgendwie geht, setzt die Maske auf!“ Jedenfalls: Wenn in die Winnender Klinik jemand oben ohne wollte, bräuchte er ein Attest, das wirklich Nachvollziehbares enthält zu „warum, wieso, weshalb. Ich erlaube mir, das zu hinterfragen“ und im Zweifel nicht zu „akzeptieren“, sagt Ade.

Im Übrigen finde er es „relativ albern, die Maske zum Symbol unterdrückter Freiheitsrechte aufzublasen“. Das Gegenteil sei der Fall: „Die Masken unterstützen die Möglichkeit, wieder ein freieres Leben zu führen“. Aber könnte so ein Mund-Nasen-Ding nicht kontaminiert sein, also krank machen, anstatt zu schützen? „Im Eins-zu-eine-Million-Fall kann das sein“, sagt Ade. „In der großen Masse der Fälle schadet die Maske nicht, sondern hilft natürlich.“

Emotional könne er Vorbehalte gegen die Maske ja verstehen: „Sie erinnert permanent daran, dass Gefahr da ist“ – während die Menschen sich danach sehnen, endlich zur Normalität zurückzukehren. Nur: Wenn wir nicht aufpassen, „kehren wir nicht zur Normalität zurück. Wir kehren zur Krise zurück – schneller, als uns lieb ist“.

Michael Kehrle, der Masken-Attest-Arzt aus Waiblingen, macht weiter: 25 bis 30 Bescheinigungen hat er nach eigenen Angaben in knapp zwei Wochen ausgestellt und damit Patienten von der Pflicht befreit, eine Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. Insgesamt habe er seit Beginn der Corona-Pandemie nun 50 bis 60 Atteste ausgegeben.

Als einer von ganz wenigen Berufskollegen aus dem Rems-Murr-Kreis steht der Waiblinger Allgemeinmediziner auf der Unterstützerliste der umstrittenen Initiative „Ärzte

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