Waiblingen

Waiblinger Bauern wurden Arbeiter: Historikerin über industrielle Seidenweberei

Seidenstoffweberei
Die Fabrik im Jahr 1963. © Stadt Waiblingen / Bertram Luftbildverlag

In Waiblingens Seidenstoffweberei ging 1871 die erste Dampfmaschine in Betrieb. Zwei Jahre später liefen vier mechanische und hundert Handwebstühle. Am Beispiel des Unternehmens Mechanische Seidenweberei hat Wirtschaftshistorikerin Stefanie van de Kerkhof in Waiblingen über das Zeitalter der Industrialisierung und seine Auswirkungen aufs Remstal gesprochen.

Eingeladen hatte zu dem Vortrag im Forum Mitte die Gesellschaft für Stadt- und Kulturgeschichte Heimatverein Waiblingen. Dem Verein war es gelungen, mit Professorin Stefanie van de Kerkhof eine renommierte Wirtschaftshistorikerin als Referentin zu gewinnen. Sie lehrt am Historischen Institut der Universität Mannheim und leitet dort zahlreiche Forschungsprojekte im Bereich von Industrietextilien. „Die neue Arbeitsordnung“ lautete der Titel ihres Vortrags.

Im Grunde genommen, so Professorin van de Kerkhof, handelt es sich bei dem Begriff „Industrielle Revolution“ um eine irreführende, zumindest unzulängliche Bezeichnung einer viel komplexeren Entwicklung. Während „Revolution“ für eine abrupte unerwartete Umwälzung der Werte und Verhältnisse stehe, wie in der Französischen Revolution von 1789, den russischen in den Jahren 1905 und 1917 sowie der deutschen Revolution 1918, handle es sich bei der Industrialisierung Europas um eine sich mehr als hundert Jahre hinziehende, komplexe Entwicklung, die Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Kultur veränderte. Um sie anzustoßen, seien zahlreiche Faktoren notwendig gewesen.

Den Anstoß habe die europäische Expansion gegeben. Durch die Ausbeutung von Kolonien kamen neue Konsumgüter wie Kaffee, Tabak, Tee und Baumwolle auf den Kontinent. Sie führte in Handel, Gewerbe und Landwirtschaft zu einer Konzentration von Kapital, das wiederum dort investiert wurde, wo neue Anbaumethoden und Feldfrüchte in der Landwirtschaft Arbeitskräfte freisetzten.

Parallel dazu verbreiteten sich kaufmännische und organisatorische Innovationen wie Buchführung, Lohnarbeit in Fabriken und Zeitkontrolle. Dieser Prozess wurde begleitet von einer ganzen Reihe an Innovationen, wie 1709 dem ersten Hochofen, 1712 der ersten Dampfpumpe und 1719 der ersten Dampfmaschine im Bergbau Belgiens, der Herstellung von Koks aus Kohle und 1783 dem ersten Hüttenwerk.

Befreite Bauern: Kleidung wird Konsumgut

Nachdem durch „Glorious Revolution“, Französische Revolution und Bauernbefreiung die bis dahin geltenden ständischen Kleiderordnungen gefallen waren, Mode und Bekleidung dadurch nicht nur beim Adel, sondern auch im Bürgertum und in der Mittelschicht zu Konsumgütern wurden, wuchs die Nachfrage nach den Erzeugnissen der Webereien und Spinnereien aus Seide, Leinen und Wolle. Die Herstellung der Stoffe verlagerte sich von den einst im sogenannten „Verlagssystem“ betriebenen Werkstätten der Handwerker immer mehr in Fabriken, in die Industrie.

An die Textilindustrie koppelten sich die Branchen Maschinenbau, Antriebstechnologie, Stahlerzeugung und Chemie, die ihr zuarbeiteten. Fast parallel dazu ließen sich Technik, Wissenschaft und Forschung, Schulen und Hochschulen nieder. Diese Entwicklung der Industrialisierung begann laut Professorin van de Kerkhof circa 1780 in England, setzte sich um 1830 in Frankreich und Belgien fort, ab circa 1840 in den USA, und erreichte um 1850 auch Deutschland sowie ab 1880 Russland.

Nach Waiblingen kam die Industrialisierung 1860, als der Schweizer Johann Heinrich Hetz mit Zürcher Kapital das Gasthaus „Zum Wilden Mann“ erwarb und dort zunächst eine Handweberei für Seidenstoffe einrichtete. Gründe, sich für Waiblingen zu entscheiden, waren laut Stefanie van de Kerkhof die Nähe zur Landeshauptstadt Stuttgart als Absatzmarkt, der Bau der Remstalbahn, niedrige Zölle, eine unternehmerfreundliche württembergische Gewerbeordnung und die verfügbaren Arbeitskräfte.

Die Stechuhr bestimmt den Tagesablauf

Für die Männer und Frauen, die bis dahin als selbstständige Handwerker oder in der heimischen Landwirtschaft beschäftigt gewesen waren, änderte sich nicht nur ihr Tagesablauf, sondern das ganze Leben. War es bis dahin vom Jahresablauf und der Folge von Tag und Nacht bestimmt, richtete es sich nun nach Stechuhr und Schichtzeiten. Zuvor hochspezialisierte Handwerker wurden zu Handlangern. Kinderarbeit, Verelendung und Armut, wie sie Friedrich Engels bereits 1845 beschrieb, traten zwar nicht derart geballt auf wie in Nordengland, waren aber auch hier unvermeidbare Begleiterscheinung, denn - so Engels: „Jede Verbesserung der Maschine bringt Arbeiter außer Brot.“

In Waiblingens Seidenstoffweberei lief ab 1871 die erste Dampfmaschine. Zwei Jahre später wurde an vier mechanischen und hundert Handwebstühlen gearbeitet. 1887 war die Produktion der Seidenstoffe durchgängig mechanisiert, in Winterbach wurde ein Zweigwerk eröffnet.

Die Einführung der Kunstseide 1912 bedeutete eine weitere Intensivierung des Geschäfts, wurde doch durch sie die bis dahin exklusive Mode auch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich.

Für einige der Besucher des Vortrags bedeutete er auch eine nostalgische Erinnerung an die 1950er/60er Jahre, als sie ihr Berufsleben mit vierzehn, fünfzehn Jahren als Lehrlinge in der Seidenstoffweberei unter den Geschäftsführern Heinz und Fritz Küderli begannen.

In Waiblingens Seidenstoffweberei ging 1871 die erste Dampfmaschine in Betrieb. Zwei Jahre später liefen vier mechanische und hundert Handwebstühle. Am Beispiel des Unternehmens Mechanische Seidenweberei hat Wirtschaftshistorikerin Stefanie van de Kerkhof in Waiblingen über das Zeitalter der Industrialisierung und seine Auswirkungen aufs Remstal gesprochen.

Eingeladen hatte zu dem Vortrag im Forum Mitte die Gesellschaft für Stadt- und Kulturgeschichte Heimatverein Waiblingen. Dem

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