Waiblingen

Waiblinger Biergärten voll, Personal rar: "Für 10 Euro findet man niemanden mehr"

Biergarten Schwaneninsel
Der Schwaneninsel-Biergarten in Waiblingen zieht bei gutem Wetter am Wochenende zahlreiche Gäste an. © Gabriel Habermann

Bei bestem Biergarten-Wetter hat es am Wochenende viele Menschen nach draußen gezogen - zur Freude der Waiblinger Wirte. Doch sie haben weiterhin Schwierigkeiten, genug Personal zu finden. Zwei Biergärten haben deshalb schon ihre Öffnungszeiten reduziert. Hinzu kommen die stark gestiegenen Einkaufspreise, etwa für Speiseöl - der Biergarten-Klassiker Pommes frites entwickelt sich zum Draufzahlgeschäft, sagt ein Gastronom.

Wegen des Personalmangels hatte der Biergarten Schwaneninsel, der dank der Lage mitten in Waiblingen viel Publikum anzieht, vor dem Wochenende schon an einigen Tagen die Öffnungszeiten deutlich gekürzt: Statt sonst wie üblich um 11 Uhr ging der Betrieb erst um 16 Uhr los. Am Samstag und Sonntag öffnete der Biergarten dann wie gewöhnlich um 11 Uhr - um schon für Montag erneut einen späteren Start ab 16 Uhr anzukündigen. Im Vergleich zur Lage zu Saisonbeginn sei die Personalsituation „leider schlechter geworden“, so Chef Michael Sprenger.

Aktuell seien einige wichtige Mitarbeiter im Pfingsturlaub. Doch „der ein oder andere hat sich beruflich neu orientiert“, berichtet Sprenger über ein Phänomen, das gerade in der Corona-Lockdown-Zeit viele Gastronomen umgetrieben hat. Eine 17-jährige Aushilfe habe kürzlich aufgehört: „Sie war überrascht von den langen Schichten.“ Generell könne er einen großen Biergarten wie die Schwaneninsel nicht mit zu vielen Schülern im Team bestreiten. Er braucht auch erfahrene Leute, die regelmäßig und lange da sind.

SSV Schützenhaus: Kellner arbeiten jetzt im Lieferdienst oder bei der Post

Mit einer Handvoll Festangestellten und den wechselnden Aushilfen hält Sprenger den Betrieb aufrecht - dennoch kam er an den jüngsten Änderungen bei den Öffnungszeiten nicht vorbei.

Ebenso wenig wie das SSV Schützenhaus in Hohenacker: Statt wie früher sechs Tage pro Woche ist dort momentan nur vier Tage geöffnet. Donnerstag bis Sonntag - mit Ausnahmen am Mittwoch, zum Grillen mit Getränke-Selbstbedienung -, mehr ist für Wirt Jürgen Huber derzeit nicht machbar.

Sieben Servicekräfte habe er in der Corona-Zeit verloren, sie haben sich aufgrund der pandemiebedingten Unsicherheit in der Branche neu orientiert: „Ein paar sind zur Post, zu Lieferdiensten. Einer hat wegen seines Studiums aufgehört“, zählt Huber auf. „Wir kommen momentan gut zurecht, aber es sollte jetzt keiner wegbrechen.“

Gerade jetzt, im Sommer, hätte er natürlich schon gerne zwei Tage mehr pro Woche auf, auf der Internetseite hat er Personalgesuche veröffentlicht. Auch über Ebay-Kleinanzeigen und Facebook sucht Huber nach Leuten, er wendet sich an Unis und Hochschulen, um dort am Schwarzen Brett zu inserieren. Ab 17 Jahren können Aushilfen bei ihm anfangen.

Doch viele Bewerber kommen für den Wirt nicht infrage: „Wenn ich Ihnen Geschichten erzähle, wie sich die Leute über Ebay-Kleinanzeigen bewerben! Die schreiben nur: ‘Ich kann alles, wie viel verdiene ich?’ Manchmal denke ich, die haben nicht mal einen Namen.“ Mit der Nationalität habe das übrigens nichts zu tun, so seine Bilanz. Wenigstens den Namen und drei Sätze dazu, was sie können, erwarte er. Sonst raube ihm die Personalsuche nur Zeit. Und seine Erfahrung sage ihm: Wer sich so bewirbt, sei oft für den Job nicht geeignet.

Mindestlohn 12 Euro? Kein Problem, sagt Schützenhaus-Wirt

Dass viele Gastronomen kaum noch neue Mitarbeitende finden, liegt aus Hubers Sicht jedenfalls nicht am Geld. Er zahle in der Regel schon über 12 Euro die Stunde. Der kürzlich beschlossenen kräftigen Mindestlohn-Erhöhung von derzeit 9,82 Euro über 10,45 Euro im Juli auf 12 Euro ab Oktober sieht der Wirt aus Hohenacker gelassen entgegen: „Damit habe ich kein Problem. Für 10 Euro die Stunde findet man eh niemanden mehr. Das ist berechtigt, wir müssen ja wirklich was arbeiten.“ Huber wird daher im Herbst vermutlich sogar noch was drauflegen. „Ich kann sagen: Meine Kollegen kommen alle sehr gerne, und das soll auch so bleiben.“

Erste Erfahrungen mit Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine

Beide Wirte, Jürgen Huber vom Schützenhaus und Michael Sprenger von der Schwaneninsel, haben auch schon erste Erfahrungen mit Ukrainern gesammelt: Bei Sprenger fing eine vor dem Krieg in ihrem Land geflüchtete Chemikerin an der Spüle an, Deutsch und Englisch spricht sie kaum. Lang war sie nicht im Team: „Sie hat sich bedankt für die Möglichkeit, aber das war ihr zu viel, zu anstrengend“, so Sprenger. "Das ist auch legitim, der Job ist nicht jedermanns Sache.“

Er sei aber weiter offen für solche Versuche. Bei einer Plattform, über die Ukraine-Flüchtlinge an Arbeitgeber vermittelt werden sollen, habe er sich angemeldet. Es sei aber noch nicht viel passiert. Gerade in der Küche, wo Personal besonders fehlt, müssten die Leute zudem ausreichend Deutsch können. „Da ist die Verständigung einfach essenziell, vor allem, wenn der Laden voll ist.“

Mehr Glück hatte hier Jürgen Huber. Ein Schützenhaus-Stammgast hat ihm eine Ukrainerin vorgestellt. „Trotz der Sprachbarriere funktioniert das hervorragend“, sagt der Gastronom. Man sehe, dass sie Hotelfachfrau gelernt habe. In Hohenacker hilft sie in der Küche, als „eine Art Beikoch“, bereite Salate vor, spüle aber auch Geschirr. „Das ist eine wertvolle Mitarbeiterin.“

Allerdings, so Huber, könne er wohl eher keine weiteren Kräfte mit so wenig Deutsch- oder Englischkenntnissen einstellen, „weil es doch zeitintensiver ist“. Die Kommunikation läuft auch über Übersetzungsapps, obwohl er als Chef eigentlich gegen Handynutzung bei der Arbeit sei. Hier gehe es aber nicht anders.

Bierpreise: „Normalerweise müsste da ein Vierer vorne stehen“

Momentan besteht das Schützenhaus-Team aus elf Personen, Festangestellten und Aushilfen. „Wie jeder in der Gastro würde ich gerne noch ein, zwei dazunehmen“, so Huber. Doch noch ein anderes Problem treibt die Unternehmer gerade um: die steigenden Kosten im Einkauf. Die Getränkepreise hat Huber nach eigenen Angaben schon lange nicht mehr erhöht, das Bier koste bei ihm immer noch 3,40 Euro, wie noch 2018, vor Corona. Da gehöre er nach seiner Beobachtung zur absoluten Ausnahme in der Branche: „Normalerweise müsste da ein Vierer vorne stehen.“

Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ist vieles teurer geworden, insbesondere Speiseöl, wovon im Schützenhaus pro Woche 50 bis 70 Liter verbraucht werden. Der Einkaufspreis habe sich fast vervierfacht. „Das ist momentan wirklich das flüssige Gold“, sagt Huber. Eigentlich müsste er für die Portion Pommes deshalb bald acht Euro verlangen, meint der Wirt. Das sei aber niemand zu zahlen bereit. Aktuell liegt der Preis, wie vor Corona, bei 3,90 Euro. „Wenn ich streng bin, verschenke ich die Pommes gerade.“ Im Sommer könne er das über den höheren Getränkeumsatz ausgleichen und dadurch, dass generell wesentlich mehr Gäste kommen.

So weit, gar keine Fritteusenprodukte mehr anzubieten, wie es nach Hubers Angaben manche Kollegen tun, sei er aber noch nicht. Manche Angebote der Speisekarte sind nun jedenfalls etwas teurer als früher.

Speiseöl: "Davon brauchen wir natürlich extrem viel"

So wie auch im Schwaneninsel-Biergarten: „Wir mussten die Preise etwas anheben, das ging nicht anders“, sagt Michael Sprenger. „Aber nicht in dem Ausmaß, wie es hätte sein müssen.“ Öl koste ihn jetzt das Zweieinhalbfache: „Davon brauchen wir natürlich extrem viel.“ Die Getränkepreise hat er schon zu Saisonbeginn etwas erhöht: „Ich hoffe, dass ich da nicht mehr so arg viel machen muss.“ Das hänge aber auch von den Lieferanten ab.

Insgesamt hält Sprenger seine Preise immer noch für „zivil“. „Das hat die Leute bislang nicht abgehalten.“ Überhaupt seien momentan, vielleicht auch wegen des Neun-Euro-Tickets, viele unterwegs, holen ein wenig davon nach, was während der ersten Corona-Jahre so eingeschränkt war, glaubt Sprenger: „Die Leute brauchen etwas Positives: Ein Besuch im Biergarten im Sommer - da gibt es Schlimmeres.“

Bei bestem Biergarten-Wetter hat es am Wochenende viele Menschen nach draußen gezogen - zur Freude der Waiblinger Wirte. Doch sie haben weiterhin Schwierigkeiten, genug Personal zu finden. Zwei Biergärten haben deshalb schon ihre Öffnungszeiten reduziert. Hinzu kommen die stark gestiegenen Einkaufspreise, etwa für Speiseöl - der Biergarten-Klassiker Pommes frites entwickelt sich zum Draufzahlgeschäft, sagt ein Gastronom.

Wegen des Personalmangels hatte der Biergarten Schwaneninsel,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper