Waiblingen

Waiblinger Fitnessstudio steht vor der Insolvenz - der Geschäftsführer spricht offen über das Desaster

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Geschäftsführer Thomas Röhrle. © Kölbl

„Das ist gnadenlos“, sagt Thomas Röhrle von der Fitness Company. Er wird sein Fitnessstudio auch nach dem Lockdown nicht mehr öffnen. Die Insolvenz droht. Schuld daran seien auch die Probleme, die es bei der Beantragung der staatlichen Hilfen gebe. Röhrle geht davon aus, dass es vielen anderen Studios wie ihm ergeht. Könnte er Recht behalten? Ein Wirtschaftsvertreter gibt seine Einschätzung ab.

Auf einem großen Werbebanner vor dem Studio steht „aufstehen, fertig, los“ – plakativ liegt ein Mann mit roten Hanteln auf einer Matte. Noch sieht es so aus, als würden sich hier in wenigen Wochen bald wieder ambitionierte Waiblingerinnen und Waiblinger auf den Geräten quälen. Doch tatsächlich wird es wohl anders kommen, Geschäftsführer Thomas Röhrle und seiner Fitness Company droht eigenen Angaben zufolge die Insolvenz. „Das ist gnadenlos“, sagt der 62-Jährige. Seine Türen wird er wohl nicht mehr öffnen. 

Schwierig war es schon länger

Schon bei einem Gespräch mit unserer Zeitung im Juni deutete sich an, dass es für sein Studio verdammt schwierig werden könnte. Röhrle sprach damals davon, dass er noch keine Zukunftsprognose abgeben könne. Seine letzte Hoffnung setze er damals auf den für Fitnessstudios typischerweise besucherstarken Herbst. Diese wurde aber nun spätestens mit dem zweiten Lockdown zunichtegemacht. Zwar ist das Training alleine, zu zweit oder mit Haushaltsangehörigen erlaubt, doch für die meisten Studios dürfte sich das nicht rechnen. Ein normaler Betrieb ist im Rahmen der Corona-Verordnung unmöglich. „Der Lockdown hat zehn Jahre Arbeit zerstört“, sagt er.

Die meisten Kunden hätten ihre Mitgliedschaft gekündigt oder ihren Beitrag für den geschlossenen Zeitraum zurückgefordert, berichtet Röhrle. Nur etwa 25 Prozent hätten aus Solidarität noch weiterhin ihre Beträge gezahlt. Als die neuen Einschränkungen kamen, habe er den Antrag auf Insolvenz gestellt und seine Mitarbeiter gekündigt, erzählt Röhrle.

Anfang des Jahres habe er noch hohe Gewinne erzielt

Er habe als Unternehmer keine Fehler gemacht, beteuert er. Noch Anfang des Jahres habe er hohe Gewinne eingefahren. Doch weil ein großer Teil seiner Einnahmen mit dem ersten und nun zweiten Lockdown wochenlang fehlte, müsse jetzt Schluss sein, erklärt er. Die laufenden Kosten für Miete und Personal überstiegen die Einnahmen einfach bei weitem. Mit einem Insolvenzverwalter ist er im Gespräch, Hoffnung auf die Rettung seines Unternehmens hat er nicht mehr. Auch die versprochenen staatlichen Hilfen hätten ihn nicht retten können. Genervt ist Röhrle vor allem davon, dass es für die Unterstützung für den November noch nicht einmal ein Formular gebe.

15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihren Job verloren

Die Situation ist nicht nur für Röhrle schwierig, auch 15 Menschen haben nun ihren Job verloren. „Es ist schon arg traurig“, sagt er. Unter den Mitarbeitern seien beispielsweise auch Menschen gewesen, die 25 Jahre lang für ihn tätig gewesen seien. 

Das Studio ist nicht einfach nur ein Geschäft für den 62-Jährigen. Sein Herz hänge an dem Sport und der Branche. Auch deshalb sei ihm der Entschluss schwergefallen, in Bezug auf den aktuellen Teil-Lockdown spricht er von einem „Schuss in den Rücken“.

Erst 17 Jahre alt war Röhrle als er in Fellbach seinen ersten Fitnessclub eröffnet hat, erzählt er. Nach wie vor ist der Club in seiner Hand. Um die Zahlen dort stünde es vergleichsweise gut.

Thomas Röhrle geht davon aus, dass bald ein Fitnessstudio nach dem anderen dichtmachen wird. „Der Lockdown führt zu einem wirtschaftlichen Desaster für die gesamte Fitnessbranche“, sagt er. Doch bislang scheint man sich hinsichtlich dieses unangenehmen Themas bedeckt zu halten. Schriftliche Anfragen bei anderen großen Studios, wie beispielsweise Clever Fit und Fit for less, blieben unbeantwortet.

Die IHK gibt eine Einschätzung zur Situation ab

Markus Beier, Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer Rems-Murr, gibt seine Einschätzung zu der aktuellen Situation ab. Seine Wortwahl ist nicht ganz so drastisch wie die von Röhrle, doch auch er sieht die Fitnessstudios vor großen Schwierigkeiten. „Viele haben sogar noch in zusätzlich Hygienemaßnahmen investiert, umso bitterer ist es jetzt für sie“, findet er. Die Branche gehöre sicherlich zu denen, die unter der Krise besonders leiden. Doch Beier geht davon aus, dass die Novemberhilfen einigen helfen werden.

Antragsformular fehlt noch

Tatsächlich gebe es dafür noch kein Antragsformular, sagt auch der Geschäftsführer der IHK-Bezirkskammer. Er betont aber, wie wichtig es sei, dass die Gelder noch in diesem Monat fließen. „Die Liquidität ist bei vielen ausgezehrt“, sagt Beier. Sie hätten also Schwierigkeiten Verpflichtungen, wie Mieten und Gehältern nachzukommen.

Noch könne keineswegs von einer Insolvenzwelle oder ähnlichen gesprochen werden, macht Beier deutlich. Die Zahl der Insolvenzen im Kreis sei bislang nicht gestiegen. Der IHK-Vertreter rechnet aber damit, dass die Zahlen in den nächsten Wochen und Monaten ansteigen werden.

„Das ist gnadenlos“, sagt Thomas Röhrle von der Fitness Company. Er wird sein Fitnessstudio auch nach dem Lockdown nicht mehr öffnen. Die Insolvenz droht. Schuld daran seien auch die Probleme, die es bei der Beantragung der staatlichen Hilfen gebe. Röhrle geht davon aus, dass es vielen anderen Studios wie ihm ergeht. Könnte er Recht behalten? Ein Wirtschaftsvertreter gibt seine Einschätzung ab.

Auf einem großen Werbebanner vor dem Studio steht „aufstehen, fertig, los“ – plakativ liegt

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