Waiblingen

Waiblinger Weihnachtszirkus zur Untätigkeit verdammt: So ergeht es der Familie Sperlich

Zirkus
Im Gastrozelt des Waiblinger Weihnachtszirkusses 2019. © Gaby Schneider

Im Frühjahr hat die Familie Sperlich wie immer ihren Waiblinger Weihnachtszirkus nach dem Gastspiel bei der Rundsporthalle abgebaut. Was damals keiner ahnte: Seither ist sie mehr oder weniger arbeitslos. Wegen der Corona-Pandemie kann kein Weihnachtszirkus stattfinden. Mehr als 1000 Kinder, Eltern und Großeltern dicht an dicht im Zelt sitzend, über die Scherze von Clown „Mr. Chap“ lachend und die Kunststücke der Hochseil-Artisten staunend – aktuell undenkbar und verboten.

Noch immer erreichen Zirkuschefin Britta Sperlich Anfragen für das geplante Gastspiel. Doch bereits vor dem Teil-Lockdown hat die Familie von sich aus entschieden, den Weihnachtszirkus 2020 abzsagen und komplett auf 2021 zu verschieben. Das Jahr über tüftelten die Zirkusleute an einem Hygienekonzept mit Abstandsregelungen, Besucherregistrierung sowie Coronatests von Artisten und Personal. Lange hegten sie also Hoffnung, bis sie sich angesichts steigenden Covid-Fallzahlen schweren Herzens doch für die Absage entschieden. Mehr als 100 Besucher pro Vorstellung – viel mehr wäre nicht darstellbar gewesen. Nicht nur, dass wegen der Pandemie die Planungssicherheit fehlte – mit solchen Besucherzahlen hätte der Zirkus betriebswirtschaftlich keinen Sinn ergeben, erklärt Britta Sperlich.

Zu Hause im Neckar-Odenwaldkreis

Was macht die Zirkusfamilie jetzt? Britta Sperlich, die in Waiblingen aufgewachsene Chefin, lebt mit Mann und zwei minderjährigen Kindern – die anderen fünf sind erwachsen – in ihrem Haus in Rosenberg im Neckar-Odenwaldkreis. Sie zehren von den Rücklagen. Hartz IV angemeldet hat sie nicht. „Mich rechtfertigen, dass ich ein Haus und ein Auto habe, darauf habe ich keine Lust.“ Die ganze Großfamilie arbeitet sonst komplett in der Zirkusbranche. Ein Sohn betreibt nun einen Süßigkeitenstand vor einem Supermarkt in Bad Mergentheim. Ein Schwiegersohn jobbt bei einem Christbaumverkauf.

Die Artisten waren gebucht

Wie viele in der Zirkus- und Schaustellerbranche fühlt sich die Familie bei den staatlichen Förderungen von der Politik vergessen. Der Umsatzverlust ist bitter: 80 Prozent der Jahreseinnahmen kommen vom Waiblinger Gastspiel. Dazu sind in diesem Jahr andere Einkünfte weggebrochen: Zeltvermietungen sind sonst ein Standbein. Vielleicht, so hofft Britta Sperlich, könnten sie zur Fußball-EM 2021 im Juni wieder eine Rolle spielen. Mit Hüpfburgen machten sie im Sommer zweimal Station, einmal davon in Waiblingen. Die Zurückhaltung der Familien war aber deutlich zu spüren: „Das war für die Katz.“

Die üppige Dekoration für den Waiblinger Weihnachtszirkus, an der sich die Besucher vor der Vorstellung draußen vor dem Eingang und im Gastrozelt erfreuen, bleibt bei einem langjährigen Partner in Ilsfeld eingelagert. Bis zum nächsten Winter. Nach 13 Jahren Waiblinger Weihnachtszirkus wird die 14. Auflage vollständig auf den Winter 2021/22 verschoben. „Wir sind unendlich traurig, unsere Besucherinnen und Besucher nun um ein Jahr vertrösten zu müssen.“ Tatsächlich war das Programm durchgeplant, die Verträge mit internationalen Artisten aus den USA, Kolumbien, Russland und der Ukraine geschlossen, Visa beantragt, die Flüge aber noch nicht gebucht. Die Verträge seien in Absprache mit den Künstlern wieder aufgelöst worden, sagt Britta Sperlich. „Die haben alle Verständnis, denn in ihren Heimatländern sieht es nicht besser aus.“ 2021 sollen alle für 2020 vorgesehenen Artisten wieder dabei sein.

Freude auf ein Wiedersehen

Dass es ein Wiedersehen gibt, da ist sie sich sicher. Der weil habe sie aus der alten Heimat Unschönes gehört: Von Bekannten sei ihr zugetragen worden, sagt Britta Sperlich, dass Leute von Haus zu Haus ziehen und Spenden für den Waiblinger Weihnachtszirkus sammeln. Das sei nicht der Fall: „Das ist definitiv niemand von uns.“

Aufgewachsen ist die 52-Jährige in Waiblingen, hat die Salier-Realschule besucht. Ihre Eltern betrieben das Eisenwarengeschäft Zipperlen am Wasen. Als sie Kind war, befand sich neben dem elterlichen Haus der Festplatz, auf dem jedes Jahr ein Zirkus gastierte. Dort lernt sie einen Messerwerfer kennen, ihren heutigen Mann Markus.

Im Frühjahr hat die Familie Sperlich wie immer ihren Waiblinger Weihnachtszirkus nach dem Gastspiel bei der Rundsporthalle abgebaut. Was damals keiner ahnte: Seither ist sie mehr oder weniger arbeitslos. Wegen der Corona-Pandemie kann kein Weihnachtszirkus stattfinden. Mehr als 1000 Kinder, Eltern und Großeltern dicht an dicht im Zelt sitzend, über die Scherze von Clown „Mr. Chap“ lachend und die Kunststücke der Hochseil-Artisten staunend – aktuell undenkbar und verboten.

Noch immer

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