Waiblingen

Wanderung mit Eseln

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Mensch, Tier und Natur im Remstal - Eselwanderung in Gundelsbach. © Benjamin Beytekin
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Mensch, Tier und Natur im Remstal - Eselwanderung in Gundelsbach. © Benjamin Beytekin
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Mensch, Tier und Natur im Remstal - Eselwanderung in Gundelsbach. © Benjamin Beytekin

Weinstadt-Gundelsbach. Wenn Kinder beim Wandern kein einziges Mal „Ich kann nicht mehr“ und „Wie weit ist es noch?“ sagen, sind vermutlich Esel der Grund. So am Ostersamstag, als Iris Striegel, ihr Mann Herbert Vaihinger und vier ihrer langohrigen Schützlinge auf dem Weg durchs Gundelsbacher Tal den Entschleunigungsgang einlegten.

„Eigentlich ist für sie langes Laufen im Wald grad eher unattraktiv“, beschreibt Susanne Sarantis aus Gundelsbach die aktuell wanderunlustige Phase ihrer zehnjährigen Tochter Philippa. Mit einem Esel als Begleiter sei es aber ein Kinderspiel, sie in den Wald zu kriegen. Mit Helm und den Blick nach vorn gerichtet sitzt sie wie ein Cowgirl auf dem Rücken von Hausesel Emil: Der zwölfjährige „Humorbolzen“ der Truppe spielt für sie und sieben weitere Kinder geduldig den Waldtransporter. Auch Vater Nikolaos Sarantis findet Gefallen am geduldigen Wesen der Tiere, er kennt sie aus seiner Kindheit: „Sie sind gute Kumpane, schon immer Begleiter des Menschen“, sagt der gebürtige Grieche.

Eseleien: Eltern können viel für die Kindererziehung lernen

Philippa strahlt vom Eselrücken aus die Welt um sich herum an. Neben ihr wird die fünfjährige Konstantina auf den Rücken von Eselin Mathilde gelupft. Auch Konstantinas Vater, Evangelos Karapanagou aus Stuttgart, kennt sich mit den Vierbeinern aus. „Meine Oma und mein Vater hatten Esel, ich habe als Kind mit ihnen gespielt.“ Er beschreibt die Haltung des Seils, mit dem der als bockig geltende Esel geführt werden will: „Die Zügel nicht zu eng halten, sonst wird der Esel knatschig. Zu locker ist auch nichts, das nutzt ein Esel aus zum Ausbüchsen.“

"Mit Zwang erreicht man gar nichts"

Einen kleinen Alleingang nach dem Motto „Ich bin dann mal weg“ legen Esel nämlich ausgesprochen gerne ein, weiß Iris Striegel. „Vor allem, wenn sie irgendwo frisches Gras riechen und sehen, dann sind alle vier sofort dabei“, sagt sie. Da helfe die sanfte Druckmethode: „Leicht dagegensteuern, denn mit Zwang erreicht man beim Esel gar nichts.“ Denn ein Esel will seinen Kopf durchsetzen - das bringe ihm den „störrischen“ und „sturen“ Ruf ein. Wird zu fest am Seil gezogen, könne es sogar sein, dass er rückwärts läuft, beschreibt Striegel die liebenswerten „Macken“ ihrer Schützlinge.

Lampenfieber und Überredungskünste

Die katalanische Großeselin Sina ist erst zum zweiten Mal mit einer Gruppe unterwegs und noch etwas aufgeregt. Null Lampenfieber hat hingegen Hauseselin Mathilde mit dem gescheckten Fell. Sie muss nur angetippt werden und spurt. Emil muss man mit „guten Argumenten“ kommen - oder das Seil etwas fester halten. „Er probiert, ob das, was vor einer Minute gegolten hat, immer noch Gesetz ist“, erklärt Iris Striegel den Teilnehmern. Auch Manolito ist kein Einfacher: „Er ist im besten Esel-Pubertätsalter, mal läuft er super, mal will er testen, wie der Reiter drauf ist.“ Neugierig und freundlich, gutmütig und eigen - der Esel-Charakter steckt voller Überraschungen. Davon können sich die Wanderer überzeugen. Während die Kinder im leichten Schaukelgang vorwärtsgetragen werden, lernen die Erwachsenen die entschleunigende Wirkung der Vierbeiner kennen. „Sich auf das überraschende und eigensinnige Wesen eines Esels einzulassen, ist das beste Training für alle, die mit Kindererziehung zu tun haben.“

Maßlose Völlerei

Mit den Demonstrationen ihres eigenen Willens amüsieren die so brav dreinblickenden Vierbeiner: Emil „bestraft“ eine winzige Unaufmerksamkeit seines Führers. Sofort schert er einen Schritt zur Seite aus und hängt zufrieden mampfend seinen Kopf ins frisch gesprossene Sauergras und zwingt die Truppe zum ungeplanten Halt. Sie geben ab und zu das Tempo und auch die Zeit für ein Schwätzchen vor. Eilig hat es in der Runde ja zum Glück niemand. Auf Sauergras „fahren sie voll ab“, sagt Iris Striegel bei der Esel-Fresspause. Die saftigen frischen Frühlingswiesen sind jetzt Delikatessen für sie. Die Teilnehmer erfahren, dass Esel maßlos futtern können. Als einstige Wüstenbewohner müssen sie fressen, sobald es in der kargen Umgebung etwas gibt - ihnen fehlten das Sättigungsgefühl und die Fressgrenze.

Esel im eleganten Entschleunigungsgang

Die Kinder lernen durch Schauen, Ausprobieren und Reiten etwas über die Tiere: „Die Mathilde ist ganz lieb, der Emil ist der Sturste“, hat Konstantina schon erkannt. Sie streichelt das Fell, die Mähne und die langen Ohren. Der Esel scheint seelenruhig die zusätzlichen Streicheleinheiten zu genießen, bewegt den Kopf seitlich und atmet einmal laut aus, laut Iris Striegel ein Zeichen der Zufriedenheit. „Jetzt, schee Schritt“ holt sie ihn zurück zur „Arbeit“. Die Esel heben kurz den Kopf, stellen die Ohren kerzengerade aufwärts - sie scheinen die an sie gerichtete Botschaft verstanden zu haben: Ganz gemächlich, im eleganten Entschleunigungsgang setzen sie sich in Bewegung, bis zum nächsten Büschel Sauergras.

Esel-Wissen

Esel sind streng genommen keine Lastentiere, erklärt Iris Striegel. „Der Esel kann zwischen 20 und 25 Prozent des eigenen Körpergewichts tragen, aber das Dreieinhalbfache ziehen.“

Nur wenn sie Angst vor etwas haben, bocken sie und bleiben stehen. Der „i-a“-Ruf erschallt nur, wenn sie nach einem anderen rufen. Und Esel schlagen nicht aus, ohne es vorher anzuzeigen. „Die Frage ist nur, ob wir seine Vorzeichen sehen und richtig deuten können“, so Iris Striegel.

Sie weiß: Ein wedelnder Schwanz oder die Ohren gelten als das Stimmungsbarometer der Tiere.